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5 packende Geschichten aus What Remains of Edith Finch, die euch nicht mehr loslassen

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David Silbert
14. Aug. 2023

What Remains of Edith Finch ist eine tragische Geschichte über das Leben, den Tod und unerwartete Entdeckungen. Ihr schlüpft in die Rolle der titelgebenden Protagonistin und erbt ein Familienanwesen voller Erinnerungen und Geheimnisse. Unglücklicherweise ist das Haus verflucht: Alle Verwandten, die dort aufgewachsen sind, sind auch dort gestorben. Edith ist das letzte überlebende Mitglied der Familie und sucht in dem Haus ihrer Kindheit Antworten und Frieden.

Das von der Kritik gefeierte Spiel des Entwicklerstudios Giant Sparrow hat bereits 2017 für feuchte Augen vor den Monitoren gesorgt und ist auch heute noch so berührend wie zeitgemäß. Trotz der übernatürlichen Elemente von Ediths Geschichte sind die Liebe und die Verluste ihres Lebens universell und nachvollziehbar.

Die Erzählung von What Remains of Edith Finch besteht aus einer Reihe aufwühlender Sequenzen, die jeweils das vorzeitige Ableben eines Familienmitglieds beleuchten. Diese Momente fangen verschiedene Stimmungen ein und können skurril, schräg, melancholisch oder nostalgisch sein: Von einem Jagdausflug bis hin zu einem Tag am Strand ist viel geboten. Obwohl alle Kurzgeschichten in Erinnerung bleiben, lassen euch besonders die folgenden fünf Sequenzen auch lange nach dem Abspann nicht mehr los.

Spoilerwarnung: Dieser Artikel verrät wichtige Wendungen der Geschichte von What Remains of Edith Finch. Wenn ihr euch die Überraschung nicht verderben wollt, solltet ihr das Spiel erst durchspielen.
 

Calvins Geschichte


Calvins Sequenz ist eine der ersten auf dem Finch-Anwesen und es geht gleich zur Sache. Der 11-jährige Zwilling von Sam Finch ist so entschlossen wie mutig und nach dem Tod seiner älteren Schwester Barbara schwört er sich zusammen mit seinem Bruder, von nun an furchtlos zu leben. 
5 packende Geschichten aus What Remains of Edith Finch, die euch nicht mehr loslassen – Calvins Geschichte
Eines Tages stellt Calvin auf dem Grundstück des Finch-Hauses seinen Mut auf die Probe. Während die beiden Jungs auf das Abendessen warten, schwingt Calvin auf der Familienschaukel wild vor und zurück, um eine 360°-Drehung zu vollführen. Auch als die Brüder ins Haus gerufen werden, lässt Calvin nicht locker und bleibt starrköpfig auf der Schaukel sitzen. Ihr erlebt seine abenteuerliche Unternehmung aus der Egoperspektive und schaukelt immer höher. Mit jedem Tastendruck wird der Junge schneller und er schwingt sich weiter und mit mehr Kraft. Die Schaukel ächzt, Calvin erreicht neue Höhen und ihr erhascht einen Blick auf den Ozean sowie den vor Kurzem eingegipsten Fuß des Kindes. 

Dann kommt eine Windböe, Calvin schaukelt immer wilder und die Kamera wackelt so heftig, dass euch beinahe schwindelig wird. Calvin schafft das Unvorstellbare, absolviert eine volle Umdrehung und dann noch zwei weitere. Schließlich verliert er die Kontrolle über die Schaukel und macht sich auf den Aufprall bereit. Doch er wird von der Schaukel geschleudert und in den Ozean katapultiert, während der Bildschirm weiß wird.

Die Szene an und für sich ist bereits tragisch, doch Edith Finch verstärkt diesen Effekt noch durch die clevere Integration von Gameplay-Elementen in die Erzählung. Ihr seht die Katastrophe auf euch zukommen, genau wie Calvin, und stellt euch auf das Undenkbare ein. Doch leider könnt ihr sein trauriges Schicksal nicht ändern.
 

Barbaras Geschichte


Kurz nachdem ihr Calvins Zimmer im Haus der Finches besucht habt, betretet ihr Barbaras Räumlichkeiten. Die Schwester von Calvin und Sam war in den 50er-Jahren ein berühmter Kinder-Star und genoss wegen ihres markanten Schreckensschreis Kultstatus. In einem Comicbuch erlebt ihr die überzeichnete Geschichte vom Ableben der damals 16-jährigen Barbara.
5 packende Geschichten aus What Remains of Edith Finch, die euch nicht mehr loslassen – Barbaras Geschichte
In dieser Sequenz liegen ihre Hochzeiten bereits hinter ihr. Allerdings hat sie eine Einladung zu einer Horror-Convention vor Ort erhalten und möchte über diese Plattform den Kontakt zu ihren Fans neu aufleben lassen. Während Barbara mithilfe ihres Freundes ihren Schrei für die Veranstaltung perfektioniert, muss ihr Vater Sven schnell ins Krankenhaus gebracht werden, da er sich mit einer Motorsäge im Keller des Hauses schwer verletzt hat. 

Das Pärchen wartet auf Svens Rückkehr und erfährt über die Nachrichten im Fernsehen von einer Gruppe Maskierter, die die Gegend terrorisiert. Wie auf ein Signal ist aus dem Keller plötzlich ein dumpfes Geräusch zu hören. Barbara lässt erst ihren Freund nachsehen, doch als sie selbst hinuntergeht, trifft sie auf Blut, Finsternis und einen maskierten Mann. Dieser erweist sich in typischer Horrorfilmmanier als Barbaras Freund. Als die Gruppe Maskierter schließlich in das Haus eindringt, müsst ihr ihnen zu den Klängen von John Carpenters Halloween entkommen.

Barbaras Geschichte ist etwas abgedrehter als die anderen Sequenzen von What Remains of Edith Finch, wobei das Ende recht grausig ist. Allerdings sorgen der einmalige Comicbuch-Look und die verschmitzten Anspielungen an Horrorfilmklassiker dafür, dass ihr sie nicht so schnell wieder vergesst. Edith Finch bietet jede Menge Abwechslung und Barbaras Erzählung ist ein Paradebeispiel dafür.
 

Sams Geschichte


Obwohl Sam länger lebt als sein Bruder und seine Schwester, ist sein Tod nicht weniger morbid. Während eines Campingausflugs mit seiner Tochter Dawn schießt er mit einer alten Sofortbildkamera Fotos. Ihr müsst dabei den Sucher der Kamera auf passende Motive in der Wildnis richten.
5 packende Geschichten aus What Remains of Edith Finch, die euch nicht mehr loslassen – Sams Geschichte
Zuerst macht Sam ein Foto von Dawn, die in ihr Buch vertieft ist. Dann wechselt die Perspektive zu Dawn, die ihren Vater dabei fotografiert, wie er eine Karte liest. Ihr Vater versucht zwar, Dawn die Grundlagen für das Überleben in der Wildnis näherzubringen, doch das Mädchen interessiert sich eher für ihre Literatur.

Es wird schnell ersichtlich, dass die beiden in verschiedenen Welten leben. Als Sam Dawn plötzlich zeigt, wie man mit einem Jagdgewehr umgeht, ist die Spannung fast unerträglich. Für das vorletzte Foto müsst ihr mit Sams Kamera Dawn einfangen, die etwas widerwillig auf einen Hirsch zielt. In der letzten Einstellung zeigt das Spiel Sam und Dawn, die den Hirsch halten, doch das Tier zuckt und stößt Sam von einer Klippe.

Sams Geschichte ist nicht nur dank der fesselnden Fotomechanik so erschütternd, sondern auch, weil wir die Schicksale von Calvin und Barbara bereits miterlebt haben. In Sams Wunsch, seine Tochter zu beschützen, ist deutlich seine unerschütterliche Liebe für seine Geschwister zu erkennen. Leider kann Sam sich nicht selbst retten, der Fluch der Familie Finch hat erneut zugeschlagen.
 

Gregorys Geschichte


Von allen Schicksalen der Familie Finch ist Gregorys mit Abstand das herzzerreißendste. Der Kleine ist noch keine zwei Jahre alt, als seine Mutter, Kay Carlyle, einen Anruf von ihrem Mann Sam Finch erhält, während ihr Sohn in der Badewanne plantscht. Obwohl die beiden mit Eheproblemen zu kämpfen haben, lieben sie ihr Kind bedingungslos. Sam zufolge „sah [Gregory] Dinge, die der Rest von uns nicht sieht“.
5 packende Geschichten aus What Remains of Edith Finch, die euch nicht mehr loslassen – Gregorys Geschichte
Ihr schlüpft in die Rolle des Säuglings und seht die Wände des Badezimmers durch seine Augen. Mit der Maus oder dem Stick eures Controllers steuert ihr einen Gummifrosch, der zum Leben erwacht. Ihr könnt durch das Badewasser schwimmen oder den Frosch mithilfe einer Taste durch die Luft springen lassen, während im Hintergrund Tchaikovskys „Blumenwalzer“ ertönt. Der Enthusiasmus des Babys steht im starken Kontrast zu der schwierigen Konversation, die Kay in ein paar Meter Entfernung führt.

Kay kommt zurück und lässt das Wasser ablaufen, doch ein weiterer Anruf von Sam sorgt dafür, dass sie das Zimmer erneut verlässt. Gregory lässt sich davon nicht stören und mithilfe seines vierbeinigen Freundes dreht er den Wasserhahn wieder auf, um weiterzuspielen. Während die Wanne vollläuft, blendet die Sequenz in ein Unterwassersegment über und am Ende verwandelt sich Gregory in den Frosch und schwimmt den Abfluss hinunter.

Nach Gregorys Tod reichen Sam und Kay die Scheidung ein. In einem Brief an seine Exfrau erinnert sich Sam an jenen schrecklichen Abend und ermutigt Kay, sich selbst zu vergeben. Für uns Spielerinnen und Spielern, die für Gregorys Schicksal mitverantwortlich sind, gibt es jedoch keine Vergebung.
 

Lewis' Geschichte


Die Erzählung, die alle anderen in den Schatten stellt, ist aber eindeutig die von Lewis, der in einer Konservenfabrik arbeitet. Ediths älterer Bruder hatte schon länger psychische Probleme. Sein monotoner Job ist dem nicht unbedingt zuträglich, da er jeden Tag am Fließband Lachs zerhacken muss. In einem Brief an Ediths Mutter erklärt Lewis' Psychiaterin, dass seine Fantasie sowohl Segen als auch Fluch war.
5 packende Geschichten aus What Remains of Edith Finch, die euch nicht mehr loslassen – Lewis' Geschichte
In der Rolle von Lewis zerhackt ihr Fische in der Konservenfabrik und hört der Diagnose der Psychiaterin zu. Im Laufe der Geschichte erfahren wir, dass Lewis sich immer mehr in seine Gedankenwelt zurückgezogen hat. Seine Fantasie verpasst der drögen Szenerie auf dem Bildschirm einen bunten Anstrich. Zuerst stellt Lewis sich ein Labyrinth aus der Vogelperspektive vor, doch schon bald verwandelt sich seine Welt in ein isometrisches Rollenspielabenteuer.

Nachdem er eine Schlucht durchquert und einen loyalen Hund adoptiert hat, erreicht Lewis eine Hafenstadt, die er Lewistopia nennt. Aus dem ganzen Land kommen Siedler, um seinen Triumph zu feiern, doch Lewis ist noch nicht zufrieden und zieht weiter. Auf einem Schiff bereist er den Globus, erbaut neue Städte und lässt sein Reich expandieren. Im Laufe der Geschichte erklärt die Therapeutin, dass Lewis' Gedankenwelt ihn vollkommen in ihren Bann zieht, sodass er sogar seinen Job, sein Zuhause und seine Familie vergisst.

Am Ende wird Lewis König seines eigenen Reiches. Was als Abenteuer aus der Vogelperspektive begonnen hat, ist zu einem detaillierten 3D-Erlebnis geworden. Doch hinter dem Vorhang spielt sich eine weitere Szene ab: In der Konservenfabrik macht Lewis Überstunden, umgeben von Hunderten von toten Fischen. In der letzten Sequenz wohnt Lewis einer Krönungszeremonie bei und nimmt sich in der Realität das Leben.

Wie auch der Rest von Edith Finch ist Lewis' Schicksal düster und beklemmend. Viele von uns haben ebenfalls mit einem unbefriedigenden Job oder fehlenden Sinn im Leben zu kämpfen, und erkennen sich in Lewis wieder. Doch Ediths Reise zeigt, dass man aus der Vergangenheit lernen und sich der Zukunft stellen kann, ganz gleich, welche Herausforderungen warten.