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Wie das Weltraumspiel Citizen Sleeper 2: Starward Vector RPG-Normen auf den Kopf stellt

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Francisco Dominguez
30. Jan. 2025

Citizen Sleeper 2: Starward Vector ist ein Weltraum-RPG, aber keins, wie man es gewohnt ist. Ihr seid ein Sleeper, ein Androide, der einst zu einem Leben in Knechtschaft verdammt war und jetzt vor Laine auf der Flucht ist – dieser intergalaktische Gangster hält sich für euren Besitzer, nachdem er eurem Fabrikanten Essen-Arp die Kontrolle entrissen hat.

Er irrt sich. Mit der Hilfe eines alten Freundes, an den ihr euch – dank einer ungelegenen Fehlfunktion – nicht mal erinnern könnt, entkommt ihr in den Starward Belt, die entlegensten Ausläufer der Galaxie. Euren ehemaligen Besitzer dicht auf euren Fersen erwerbt ihr ein Schiff und eine Besatzung mit der Absicht, in diesem gefährlichen Universum euren eigenen Platz zu finden, und der schwachen Hoffnung, dass ihr Laines gefährliche Herumpfuscherei an euren synthetischen Eingeweiden wieder rückgängig machen könnt.

Das wird nicht einfach werden. Aus gutem Grund enthält das Spiel auch eine Stress-Mechanik. Auf jeden Fall wird es aber denkwürdig, denn die Tabletop-RPG-Inspirationen und die experimentelle Erzählweise von Citizen Sleeper 2 katapultieren RPG-Konventionen direkt in die eisige Leere des Weltalls.
 

Tiefgehende Begegnungen


In dieser (bis auf einige Gastauftritte) eigenständigen Fortsetzung zum gefeierten narrativen RPG Citizen Sleeper aus dem Jahr 2022 werdet ihr euren Fuß nicht auf andere Welten wie Terra-2 von The Outer Worlds oder Jemison von Starfield setzen oder von weiten außerirdischen Horizonten dazu aufgefordert, eure Astronautenstiefel anzuziehen und auf Erkundung zu gehen.

In Citizen Sleeper 2 erkundet ihr den Weltraum fast wie ein körperloses Wesen, das über den Raumstationen und Asteroiden schwebt, auf die ihr stoßt. Statt auf weite Räume und ein Gewirr von Aktivitäten reduziert sich das Geschehen auf einige wenige wichtige Orte und Läden, die ihr mit würfelbasierten Aktionen, Währung und purer Hartnäckigkeit erkundet.

Der Wegfall der traditionellen Erkundung der Oberwelt und der Kampfhandlungen schafft Raum für Alternativen, die in den Mittelpunkt treten. Angespannte Begegnungen und Verhandlungen mit den Akteuren und Schöpfern des Belts. Tiefere und bedeutsamere Beziehungen mit eurer Crew, etwa mit Juni, der obsessiven, angehenden Datenarchäologin, und Yu-Jin, dem genialen Auftragsschurken. Die schwer fassbare Natur eures eigensinnigen Roboterverstandes.

Citizen Sleeper 2 ist so riesig wie jede andere Open World. Es gibt nur keine endlosen Märsche in Richtung Horizont oder Kämpfe gegen Horden von Feinden.
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Und trotz der Tabletop-Einflüsse gehen die Fertigkeiten, durch die ihr mit dem Belt von Citizen Sleeper 2 interagiert, über die von Dungeons & Dragons und seinen vielen Nachahmern hinaus. Es gibt keinen Wert für Stärke und noch nicht mal eine Möglichkeit, einen Hau-drauf-Build zu erstellen. Der Wert, der physischer Schlagkraft am nächsten kommt, ist „Endure“, eine Eigenschaft, die ihr für langwierige Bergbau-Aufträge oder gefährliche Exkursionen benötigt Sollte es einmal zu einer Rauferei kommen, weil ihr einen Angreifer entwaffnen oder an einer Wache vorbeistürmen müsst, sind eure Fertigkeiten „Intuit“ oder „Engage“ gefragt, die euren Erfindungsgeist messen bzw. die Fähigkeit, ein Szenario zu bewerten und zu nutzen, anstatt eurem Trainingsprogramm zu folgen.

Wenn ihr das erste Mal in Flotsam andockt, werdet ihr von einer einschüchternden Ansammlung miteinander verbundener Schiffe und Wracks begrüßt, die eine riesige Stadt bilden. Der Erzähler bemerkt völlig zu Recht, dass die Beschreibung dieses planlosen Konstrukts als „labyrinthartig“ angesichts der schlampig angelegten Wege und notdürftigen Zugänge eine starke Untertreibung wäre. Euer erstes Ziel bei der Ankunft: euch in einer Stadt zurechtzufinden, die sich dem logischen Verständnis entzieht.

Dafür braucht ihr einen vollen „Cycle“ (auch „Orbital Rotation“, also Umkreisung, genannt). Mindestens. Einen ganzen mühevollen Tag, nur um zu verstehen, wie ihr euch in eurer Umgebung zurechtfindet. Ihr müsst keine Schlösser knacken, kein Zugangsterminal hacken – die Barriere hier ist eure Fähigkeit, einen riesigen, verwirrenden Raum zu verstehen und schwer erkämpfte neue Orte zu entdecken. Manchmal habt ihr Erfolg. Manchmal verirrt ihr euch in einer Sackgasse. Allein, sich mit der Umgebung vertraut zu machen, ist schon ein Spiel.
 

Hinter den Würfeln steckt mehr als Würfe


Das originale Citizen Sleeper führte von Tabletop-RPGs inspirierte Würfelaktionen ein. Am Anfang jedes „Cycle“ werft ihr fünf Würfel. Sie dienen als Ressourcen, eure vorbestimmten Beiträge für die Aktionen des Tages. Glück spielt in den meisten Fällen immer noch eine Rolle – eure Würfe beschränken den möglichen Ausgang einer bestimmten Aktion, das tatsächliche Ergebnis bleibt aber trotzdem immer noch etwas zufällig.
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Beispielsweise kam ich einem beschädigten Wassertransportschiff zur Hilfe und versuchte zu verhindern, dass sich seine Fracht ins All ergoss. Wenn ich einen meiner Tageswürfel mit einer 6 verwende, kann ich mit 100 % Erfolg rechnen. Eine 4 bedeutet eine Chance von 50 % auf ein neutrales Ergebnis sowie eine Chance von jeweils 25 % auf ein positives und ein negatives Ergebnis.

Stellt euch vor, ihr würdet Münzen in einen anspruchsvollen Verkaufsautomaten werfen. Eine wertvolle 6 bringt euch eurem Ziel näher, aber je billiger ihr es versucht, desto größer ist das Risiko eines unerwünschten Ausgangs. Eine 1 könnte von dem Automaten sogar einfach verschluckt werden – oder ihn in eine Bombe verwandeln. Das ist eine riskante Angelegenheit, und ihr lernt, nach Optionen zu suchen, die euch je nach eurer Klasse positive Modifikatoren gewähren (und negative Modifikatoren mit einem hohen Malus von -2 zu verwünschen).

Würfel sind in der Regel das zuverlässige Handwerkszeug des RPG-Spielers. Hier können sie euch im Stich lassen, und zwar nicht nur wie ein Einserpasch im falschen Moment. Wenn euer Stress steigt, weil Aktionen fehlschlagen, euch das Essen ausgeht, ihr einen Vertrag vermasselt oder die Push-Your-Luck-Mechanik verwendet, beginnen eure Würfel, bei bestimmten Zahlen Schaden zu erleiden. Da sie nur drei HP haben, braucht es nicht viel, um sie zu verlieren, und dann habt ihr eine Tagesaktion weniger.
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Und das ist noch nicht alles. Mit den richtigen Komponenten könnt ihr euren Androidenkörper wieder auf seine volle Leistungsfähigkeit bringen. Aber wahrscheinlicher ist, dass euch Ressourcen fehlen und ihr euch mit irgendwelchen Schrottteilen begnügen müsst. Solche notdürftigen Reparaturen führen wiederum dazu, dass eure Würfel Aussetzer haben – sie werden anfällig, unvorhersehbar, mit 80 % Chance auf einen Misserfolg und nur 20 % auf ein positives Ergebnis.
 

Entscheidungen haben langfristige Konsequenzen


Fehlerhafte oder kaputte Würfel sind nur eine Möglichkeit, wie etwas schieflaufen kann. In einem Spieldurchlauf fand ich mich mit gestörten und anfälligen Würfeln mittellos und hungrig auf dem längst verlassenen Helion Gate wieder, einem alten interstellaren Wegpunkt, der seit Ewigkeiten dem Verfall überlassen ist. Ich suchte in den Überresten von Treibstofftransportern nach Mitteln, um zur Zivilisation zurückzukehren oder mir zumindest eine warme Mahlzeit zu besorgen. Mit den zunehmend nutzlosen Würfeln kam ich nur langsam voran und meine Chancen standen schlecht. Ich brauchte mehrere Zyklen, um den Treibstoff zu besorgen, den ich brauchte, um das nächste Restaurant zu erreichen, und dann noch länger, um die nötigen Ressourcen zusammenzukratzen, um mich zu erholen und mich wieder auf den Weg zu machen.

Mein Missgeschick hatte längere Nachwirkungen. Die Würfel funktionierten so schlecht, dass auch meine nächste Mission in einer Katastrophe endete. Bei mehreren glücklosen Versuchen verlor ich ein Crewmitglied nach dem anderen. Verzweifelt und einsam hatte ich irgendwann nur noch die Wahl, es mit den für meine Klasse völlig ungeeigneten Fertigkeiten „Engineer“ oder „Endure“ zu versuchen, dazu mit äußerst negativen Modifikatoren. Ohne eine andere Möglichkeit riskierte ich es und warf meine Würfel in den Automaten, der jetzt weniger einem Verkaufsautomaten als einem Glücksspielautomaten ähnelte.

Meine Stressanzeige stieg weiter. Irgendwann verursachte jeder Wurf außer einer 6 Schaden, und dann verlor ich auch den letzten Würfel. Alles wurde schwarz. Ich startete neu, jetzt allerdings mit einer dauerhaften Fehlfunktion. Der ersten von mehreren, die mich nach und nach begleiteten.
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Nachdem ich 20 Minuten mit absoluter Talfahrt verbracht hatte und (bildlich gesprochen) völlig ausgeblutet und ohne Ressourcen war, wundert ihr euch vielleicht, warum ich keinen früheren Spielstand geladen habe. Es gab keinen. Es gibt nur einen Spielstand pro Spieldurchlauf, der bemerkenswert oft automatisch aktualisiert wird, sodass ihr sämtliche Entscheidungen und verhängnisvollen Würfe gezwungenermaßen ausbaden müsst. Wie bei einem guten DM besteht keine Gefahr eines „Game Over“, lediglich die Ereignisse passen sich an – eine verzweigte Erzählung, die eure Gruppenzusammensetzung und die unzähligen Wendungen und Launen des Schicksals widerspiegelt.

Der abgeschlossene Vertrag verhalf mir zu sagenhaftem Reichtum. Anfangs hatte ich gar nichts. Jetzt war ich reich – hatte leider aber irreparable Schäden erlitten. Keine noch so große Menge an Scheinen konnte den Schaden reparieren, den ich mir zugefügt hatte, oder die defekten Würfel aus meinem Körper entfernen.
 

In endlosen Weiten ein Blick nach innen


Nur wenige RPGs sind so introspektiv wie die Citizen Sleeper-Reihe. Sie bildet eine exklusive Klasse mit der alkoholbedingten Selbstfindungsodyssee von Disco Elysium und dem Klassiker aus den 90ern Planescape: Torment.

Citizen Sleeper 2 handelt von einer Galaxie und ihren Bewohnern, den Fesseln, die sie binden, und den Machtstrukturen, die sie knechten. Aber vor allem geht es um den persönlichen Kampf eines Sleepers mit einer Roboterpsyche, die er manchmal kaum seine eigene nennen kann.

Das Spiel erforscht die Trennung zwischen Körper und Geist – ein beständiges Science-Fiction-Thema, das, wie Entwickler Gareth Damian Martin uns bereits beschrieben hat, nach einer erfolglosen Operation aufkam, einem schrecklichen Moment, als er aufwachte und sich selbst nicht wiedererkannte.
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Die Geschichte von Citizen Sleeper zu lesen, ist Magie. Es ist eine präzise gezeichnete Welt in kunstvoll verfasster Prosa und eindrucksvollen Grafikporträts. Eine flüchtige Beobachtung vermittelt in einem Satz, wofür ein Zeichner Tage brauchen würde. Die Worte beschwören ein Bild, ein Gefühl, eine langsame Offenbarung eines abstrakten Konzepts. Ihr könnt die Unvertrautheit eures Sleepers mit seinem Körper nachempfinden, den latenten Verrat, der in raffinierten Sätzen wie „Man atmet zur Beruhigung tief durch, bevor man merkt, wie überflüssig das ist, wenn der Körper keinen Sauerstoff braucht" erkennbar wird.

Möglicherweise findet ihr Citizen Sleeper 2 stressig. Entspannt euch. Atmet tief ein. Spürt, wie der Sauerstoff nutzlos durch euer bionisches Gehäuse streicht. Einen Moment lang wart ihr jemand anderes – etwas anderes. Wach auf, Sleeper. Der Zauber bricht. Ihr kehrt in euren eigenen Körper zurück, füllt eure Lunge mit Sauerstoff und genießt das vertraute Gefühl, die Gliedmaßen eures Körpers aus Fleisch und Knochen zu strecken. Nach dem Leben als Androide im Starward Belt versteht ihr es vielleicht wieder ganz neu.

Citizen Sleeper 2: Starward Vector erscheint am 31. Januar im Epic Games Store.