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CONSCRIPT ist ein Survival-Horrorspiel in den Schützengräben des 1. Weltkriegs
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Steven Nguyen Scaife
In anderen Kriegsspielen stehen actionreiche Kämpfe im Mittelpunkt. Es gibt immer Gegner, auf die man schießen kann, und nur selten geht einem die Munition aus. Die allgemeine Strategie ist klar, man folgt deutlich sichtbaren Symbolen und eindeutigen Befehlen. Viele Kriegsspiele sind wie eine Tour über verschiedene Schlachtfelder: abwechslungsreiche, über die ganze Welt verteilte Schauplätze mit eigenen dramatischen Höhepunkten, die man einmal besucht und dann nie wiedersieht. Es sind einfache Wir-gegen-die-anderen-Konflikte, die mit einer minimalen Geschichte auskommen, um die Missionen miteinander zu verbinden.
CONSCRIPT hinterlässt sofort einen bleibenden Eindruck, weil es solchen Kriegsspielen sehr wenig ähnelt. Anders als beispielsweise in Battlefield 1 wird der Krieg hier nicht romantisch verklärt. Das macht bereits die Eröffnungssequenz deutlich, in der jeder Tod aus der Sicht eines neuen, austauschbaren Soldaten gezeigt wird. In CONSCRIPT spielt ihr den französischen Soldaten André, der zwischen den aufgetürmten Leichen seiner gefallenen Kameraden erwacht, die alle in ein Massengrab geschleppt wurden, um dort außer Sichtweite zu verrotten. Stunden später erst entkommt ihr aus dem noch größeren Grab der Schützengräben von Verdun. Nun erwarten euch die umgebenden Festungen, zerstörte Städte und feindliches Gebiet, während ihr nichts unversucht lasst, um euren Bruder Pierre zu finden.

Der wohl offensichtlichste Horroraspekt des Spiels ist die Menge an Zeit, die ihr damit verbringt, im Dunkeln herumzuirren. Schlammige Schützengräben und die steinernen Tunnel der Festungen sind nur spärlich von elektrischen Lampen erhellt, die hastig und rein zweckmäßig angebracht wurden. Manche Winkel und Durchgänge sind völlig unbeleuchtet, obwohl die Generatoren friedlich brummen und vom Bombenhagel verschont bleiben. Die Bereiche sind darauf ausgelegt, dass ihr langsam durch sie hindurchschleicht und immer wieder anhaltet – nicht nur, um nach Vorräte zu stöbern, sondern auch, um auf Geräusche zu lauschen, wie etwa den Klang feindlicher Schritte, das schwere Atmen durch eine Gasmaske oder das Quietschen von Ratten, die sich an Leichen gütlich tun.
CONSCRIPT schafft diese Stimmung, indem es auf die für Videospielkriegsführung so typischen Feuergefechte in der Ego-Perspektive verzichtet. Stattdessen seht ihr die zerfallende Welt aus einer ungenauen Top-Down-Perspektive, das zitternde Fadenkreuz immer nur kurz vor euch platziert. Wenn ihr einen Feind im Visier habt, ist er euch tatsächlich schon ungemütlich nahe und nur selten könnt ihr ihn mit dem ersten Treffer erledigen. Mit euren Anfangswaffen könnt ihr nur einen einzigen Schuss abfeuern. Anschließend müsst ihr nachladen und wieder zielen, bevor ihr erneut schießen könnt.
Die Inspiration hierfür kommt eindeutig aus den frühen Resident Evil-Spielen: schwerfällige Kämpfe, Schlösser, die komplizierte Schlüssel benötigen, und jede Menge Rätsel. Die Karten führen zu sich selbst zurück und eröffnen unterwegs Abkürzungen zu Schutzräumen, in denen ihr zum Klang der Titelmusik Gegenstände in Kisten lagern könnt und (seltsamerweise) einen Händler vorfindet, der an Resident Evil 4 erinnert und euch für eine Handvoll Zigaretten neue Waffen und Vorräte verkauft.
Doch anders als die Spiele, von denen es inspiriert ist, enthält CONSCRIPT ausschließlich menschliche Gräuel. Ein alter Trailer zeigt noch Gestalten, die wie kriechende Zombies aussehen, was auf übernatürlichen Horror hindeutet, aber die finale Version des Spiels enthält nichts dergleichen, nicht einmal in Form einer Traumsequenz. Dieser düstere Realismus unterscheidet CONSCRIPT von anderen Horrorspielen mit Kriegsthema. Amnesia: The Bunker enthält ähnliche Mechaniken, die auf Ressourcenknappheit und erdrückender Dunkelheit basieren, dreht sich aber um ein Monster, das euch durch Löcher in den Wänden nachstellt. Außerdem gibt es reichlich Geschichten, in denen übernatürliche Elemente mit Kriegsschauplätzen – insbesondere des 2. Weltkriegs – vermischt werden, aber CONSCRIPT erzeugt die nervenaufreibende Spannung fast ausschließlich durch Spielmechaniken. Menschliche Konflikte sind grauenerregend genug.
Im Survival-Horror-Genre geht es um Knappheit und Strapazen. Es geht um die Erkenntnis, dass man allein ist, dass die Bewegungsfreiheit eingeengt ist, dass die nötigen Mittel zur Selbstverteidigung fehlen oder zumindest die Fähigkeit, sich mühelos und souverän zu wehren. Abgesehen von dem letzten Gebiet des Spiels, das wie ein Abstieg in die Hölle wirkt, konzentriert sich in CONSCRIPT alles auf den für Survival-Horror typischen Überlebenskampf. Ständig seid ihr auf der Suche nach Vorräten, um euer begrenztes Inventar zu füllen, nur um diese Vorräte dann bei Gefechten im Dunkeln wieder aufzubrauchen.

Die Grabenlampe zum Beispiel beansprucht einen kostbaren Inventarplatz. Um mehr Platz zu schaffen, könnt ihr das Risiko eingehen, eine Ersatzbatterie zurückzulassen oder euch langsam vorzutasten und dabei allein auf das Licht eurer unmittelbaren Umgebung zu vertrauen. Ihr braucht Platz für Gegenstände, die ihr unterwegs findet, aber auch für Schlüssel, medizinische Hilfsmittel oder Waffen. Ihr müsst also kalkulieren. Kommt ihr mit den Patronen aus, die noch in der Trommel sind, und hofft darauf, unterwegs mehr Munition zu finden? Oder müsst ihr euch in ein Gebiet wagen, das so gefährlich ist, dass ihr einen Platz für eine zusätzliche Waffe und möglicherweise noch einen weiteren für Munition braucht?
Wie die besten Spiele des Survival-Horror-Genres sorgt auch CONSCRIPT dafür, dass jede eurer Entscheidungen von Bedeutung ist – bis hin zur einfachen Überlegung, ob ihr einen feindlichen Soldaten tötet oder nicht. Manchmal ist es besser, unbemerkt zu bleiben, denn Leichen locken Ratten an, die nur kleine Ziele sind und Krankheiten übertragen, die eure maximale Gesundheit halbieren, bis ihr Arzneimittel findet. Je nachdem, wo die Leichen hinfallen, lassen sich die Ratten aber eventuell leicht umgehen. Und Leichen, die euren Weg versperren, könnt ihr verbrennen – sofern ihr bereit seid, zwei weitere Inventarplätze für Benzin und ein Feuerzeug zu opfern.
Der raffinierteste Aspekt der Darstellung des Krieges in CONSCRIPT sind jedoch die Bosskämpfe – beziehungsweise ihr Fehlen. Die meisten Horrorspiele gipfeln in einem Kampf gegen irgendeine Monstrosität, bei dem ihr all eure Ressourcen – Heilgegenstände und Munition – bei dem Versuch verbraucht, mühselig einen langen Lebensbalken zu reduzieren. Hier werden diese Begegnungen zu Schlachtfeldsequenzen, in denen ihr in die sogenannte Knochenmühle von Verdun geschickt werdet, in der Hoffnung, den Vormarsch des Feindes aufzuhalten. Jedes Gebiet erhöht auf natürliche Weise die Spannung und den Schwierigkeitsgrad. Aber da, wo ihr in einem anderen Survival-Horrorspiel einen Bosskampf bestreiten müsstet, begegnet ihr hier einem befehlshabenden Offizier, der euch zurück ins Schlachtgewühl schickt. So verleiht CONSCRIPT dem Ausdruck „Horror des Krieges“ eine ganz neue Bedeutung.
CONSCRIPT ist im Epic Games Store verfügbar.