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Disaster Report 4 ist herb, albern und äußerst faszinierend

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Ian Walker
28. Aug. 2023

Bereits die ersten Dialogoptionen in Disaster Report 4: Summer Memories vermitteln alles, was ihr über dieses Action-Abenteuer-Survival-Spiels wissen müsst.

Nachdem ihr das Geschlecht und das Aussehen eures Charakters festgelegt habt, sitzt ihr in einem Bus und fahrt langsam durch die fiktive japanische Metropole Hisui City. Der Bus ist vollgestopft mit Passagieren, es sind so viele, dass eine alte Frau, bucklig und gebrechlich, im Gang stehen muss, während sie auf die Haltestelle wartet, an der sie aussteigen muss. An dieser Stelle bietet euch Disaster Report 4 vier verschiedene Optionen:

  • Ich biete der älteren Dame meinen Sitzplatz an.

  • Mir fällt auf, dass ich bald aussteigen muss, und biete ihr meinen Sitzplatz an.

  • Ich betrachte die Umgebung an und biete ihr meinen Sitzplatz an.

  • Ich schimpfe über die ältere Dame, bevor ich ihr meinen Sitzplatz anbiete.

Ihr überlasst ihr zwar in jedem Fall euren Sitzplatz, aber mit jeweils unterschiedlicher Motivation und Einstellung. Außerdem erhaltet ihr nur für die erste Option – einen Akt der Großzügigkeit ohne Vorbehalte – Moralpunkte (Morality Points), die in Disaster Report 4 mitgezählt werden. Es macht keinen großen Unterschied, ob ihr zu einem der beiden Extreme des impliziten Heiliger-oder-Mistkerl-Spektrums tendiert, aber darum geht es bei dieser alltäglichen Szene auch nicht.

Bei den Gesprächen in Disaster Report 4 geht es nicht wie in vielen anderen Videospielen darum, das „Richtige“ zu sagen oder sonst irgendwie zu „gewinnen“. Sie stellen eher Gelegenheiten dar, euch mittels geführtem Rollenspiel durch die Welt des Spiels zu bewegen. Die Interaktion mit der alten Frau im Bus bestimmt den weiteren Verlauf des Abenteuers: Ihr könnt zwar nicht immer über den Ausgang jeder Situation entscheiden, in der ihr euch in Disaster Report 4 wiederfindet, aber ihr könnt die Gespräche fast immer subtil mit der Stimmung und dem Tonfall eurer Antworten beeinflussen.

Und das alles passiert vor der Katastrophe.

Essenziell geht es bei Disaster Report 4 darum, die Folgen eines schweren Erdbebens zu bewältigen. Bei den ersten Erdstößen verunglückt euer Bus. Nachdem ihr aus dem Wrack gekrochen seid, erkennt ihr, dass sich Hisui City von einer geschäftigen Stadt in eine moderne Ruine verwandelt hat, die von zahlreichen, heftigen Nachbeben heimgesucht wird. Im Verlauf des Spiels bewegt ihr euch durch die Straßen der Stadt und durch verschieden stark beschädigte, brennende oder überflutete Gebäude und versucht irgendwie, mit dem Chaos um euch herum fertigzuwerden.

Disaster Report 4 ist herb, albern und äußerst faszinierend – Laufen
In Disaster Report 4 müsst ihr nicht die Helden spielen, ihr könnt aber durchaus mit kleinen Gesten gute Taten vollbringen, wie z. B. jemandem mit Verdauungsproblemen Toilettenpapier zu besorgen, oder sogar Leben retten, indem ihr eine verschüttete Frau aus den Trümmern eines eingestürzten U-Bahnsteigs befreit. Die Geschichte verläuft dabei nicht grundsätzlich anders, ob ihr euch nun vorbildlich verhaltet oder beschließt, etwas egozentrischer zu sein, und dabei eine Bieterschlacht zwischen den Überlebenden um einen Verbandskasten vom Zaun brecht oder einen unübersehbaren Mord in den Büroräumen eines Juweliergeschäfts ignoriert.

Da Aktionen nur selten Konsequenzen haben, fühlt man sich in Disaster Report 4 angesichts der geradlinigen Handlungsstränge leicht unwichtig und machtlos. Andererseits hatte ich aber das starke Bedürfnis, mit jedem zu sprechen, der mir über den Weg lief, auch wenn die meisten NPCs nur eine einzige Dialogzeile zum Besten geben. Dabei erfuhr ich zwar kaum etwas über die aktuelle Situation oder über meine Gesprächspartner, aber die unglaubliche Vielfalt der Hintergrundfiguren – so farblos jede einzelne für sich genommen scheint – bietet durchaus ein glaubwürdiges Bild der vielen Menschen, denen man während einer derartigen Katastrophe im wirklichen Leben begegnen würde.

Obwohl man Disaster Report 4 an den üblichen Standards gemessen wohl kaum als „gut“ bezeichnen würde, nimmt es dank seiner Art, die gesamte Umgebung in dramatischen Szenenbildern lebendig werden zu lassen, trotzdem einen besonderen Platz in meinem Herzen ein. Der Anblick eines Bürogebäudes, das nur wenige Meter von euch entfernt einstürzt, ist atemberaubend, egal wie oft es passiert (und es passiert häufig). Etwas, das Disaster Report 4 sehr gut gelingt, sind die grandiosen Zerstörungsszenen, die – aus der Fußgängerperspektive erlebt – das Gefühl vermitteln, die ganze Welt würde zusammenbrechen. Dabei wird noch nicht einmal eine erzählerische, orchesterähnliche Steigerung bemüht, um für zusätzliche Dramatik zu sorgen.

Ich bin mir sicher, dass eingefleischten Fans von Disaster Report sich für die nächste Folge eine offenere Welt und – wie in früheren Spielen der Reihe – einen größeren Einfluss der Entscheidungen auf die Handlung wünschen, und diesem Wunsch würde ich mich durchaus anschließen. Trotzdem gefällt mir, was Disaster Report 4 sich vorgenommen hat, vor allem, wenn man das Hin und Her während der Entwicklung bedenkt. Das Ergebnis ist eine Mischung aus Spannung, Gemütlichkeit und Albernheit, die sich zu einem eindeutigen B-Spiel zusammenfinden, über das sich jeder freuen wird, der nach einem ungewöhnlichen Abenteuer sucht, das sich von allen anderen Spielen unterscheidet. Ihr könnt Disaster Report 4: Summer Memories Epic Games Store kaufen.