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Tief im Kaninchenbau: Warum ihr dieses Halloween „Alice: Madness Returns“ spielen solltet

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Sarah LeBoeuf
30. Sept. 2024

Laub raschelt am Boden. Der Duft von Kürbisgewürz erfüllt die Luft. Vier-Meter-Skelette werfen ihre langen Schatten auf makellose Vorgärten. Es besteht kein Zweifel: Die Gruselsaison steht kurz bevor. Oktober heißt für Kinder, dass es wieder Zeit ist, das perfekte Kostüm zu suchen und die einträglichste Süßigkeitenroute zu planen. Und für alle Junggebliebenen ist der Moment gekommen, um die klassischen Gruselgeschichten aus verschiedenen Medien zu entdecken oder erneut zu besuchen.

Was Videospiele betrifft, sind zu dieser Jahreszeit natürlich Horrorspiele die Favoriten. Wann, wenn nicht jetzt, gibt es einen besseren Moment, um mit Schockmomenten den Puls hochzutreiben oder bei psychologischem Terror die Fassung zu verlieren? Dabei gibt es manchmal abseits der ausgetretenen Pfade – oder auch tief im Kaninchenbau – interessante Möglichkeiten, die üblichen Horrorthemen auf andere Weise zu erkunden. Das wurde mir klar, als ich Alice: Madness Returns nach 13 Jahren zum ersten Mal wieder aus der Versenkung holte. Hier erfahrt ihr, warum dieses unterschätzte Meisterwerk einen Platz in eurer Halloween-Kollektion verdient.
 

Eine perfekte Atmosphäre


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Als Action-Abenteuer mit Plattform- und Kampfelementen ist Alice: Madness Returns eigentlich nicht unbedingt das typische Spiel für die Gruselsaison. Das Spiel von dem einstigen Entwickler Spicy Horse und Publisher EA aus dem Jahr 2011 ist eine Fortsetzung des PC-Spiels American McGee's Alice aus dem Jahr 2000, einer verzerrten und stilisierten Fortsetzung von Lewis Carrolls klassischem Roman.

Für Madness Returns müsst ihr das erste Spiel allerdings nicht gespielt haben. Es genügt zu wissen, dass die Alice Liddell von Spicy Horse als Einzige den Brand ihres Elternhauses überlebt hat und anschließend lange Zeit in einer psychiatrischen Anstalt verbrachte. Völlig in sich zurückgezogen begegnet Alice der Grinsekatze und folgt dem Weißen Kaninchen in eine Version des Wunderlands, die wenig mit anderen Interpretationen von Carrolls Erzählung gemein hat.

Madness Returns spielt ein Jahr später und Alice lebt inzwischen in einem im viktorianischen Waisenhaus im Londoner Stadtteil Whitechapel. Zwar gilt Alice als geheilt, doch die Erinnerungen an das Feuer verfolgen sie noch immer und schon bald entgleitet sie erneut in das Wunderland, ein verdorbenes, albtraumhaftes Reich ihrer Fantasie.

Während der Zeichentrickfilm aus dem Hause Disney das beliebte Kinderbuch um eine psychedelische Dimension erweiterte, ist Madness Returns die Horrortrip-Version von Alice im Wunderland. Alle wichtigen Bewohner des Wunderlands sind da, allerdings nicht als die bekannten freundlichen Zeichentrickgesichter. Die Grinsekatze, Alices Gehilfin und Führerin, ist bis auf die Knochen abgemagert und ihr breites Grinsen entblößt blutige Zähne. Der Hutmacher, die Schildkröte, der Märzhase und andere literarische Figuren sind ähnlich verzerrt. Selbst die gewohnten Gegner sind unheimlich, insbesondere die Ruinen, die aus Puppengliedern und völliger Dunkelheit zu bestehen scheinen.

Sobald das Hauptmenü auf dem Bildschirm erscheint, warnt eine leicht verstimmte Klaviermelodie, dass im Wunderland gar nichts in Ordnung ist. Die Musik unterstreicht den düsteren Grafikstil perfekt. Madness Returns ist kein Horrortitel im herkömmlichen Sinne, es gibt keine Schreckmomente und keine Schutzräume. Einige übliche Motive sind trotzdem vorhanden, so zum Beispiel ein fantasierender Erzähler, der es mit der Realität nicht so genau nimmt. Das Spiel gibt nicht vor, ein Gruselspiel zu sein und trifft doch die Stimmung der Spuksaison haargenau.
 

Eine uralte Geschichte


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150 Jahre sind vergangen, seit Alice im Wunderland zum ersten Mal erschien, aber die Geschichte ist nach wie vor beliebt. Lewis Carrolls Erzählung ist zeitlos – wer von uns hat sich nicht schon einmal in einem ausschweifenden Tagtraum verloren, um den eintönigen täglichen Pflichten zu entkommen?

Ebenso behauptet sich auch Alice: Madness Returns für ein Spiel seines Alters immer noch gut. Neben dem literarischen Klassiker, der ihm als Vorlage diente, scheinen 13 Jahre keine lange Zeit zu sein, aber in der Welt der Videospiele ist das eine Ewigkeit. Im Jahr 2011 steckte die HD-Technologie noch in den Kinderschuhen, und viele Entwickler versuchten, ihre Grenzen mit immer realistischeren Grafiken auszuloten. Im Nachhinein wirken diese Versuche fast schon rührend altmodisch.

Madness Returns hingegen kann visuell immer noch beeindrucken, weil Spicy Horse damals nicht den neuesten Trends nachjagte. Der Grafikstil seiner bilderbuchartigen Zwischensequenzen, der auffälligen Muster und fantastischen Umgebungen ist sehr stilisiert. Natürlich sieht man dem Spiel sein Alter an. Die oft unscharfen Texturen lassen auf den ersten Blick erkennen, dass es sich nicht um eine Neuerscheinung aus diesem Jahr handelt. Dennoch hat es einen visuellen Reiz, den viele seiner Zeitgenossen inzwischen verloren haben.

Jedes Kapitel von Madness Returns spielt in einem anderen Bereich des Wunderlands, und Alice wechselt jedes Mal passend ihr Kostüm. Ihre Reise führt sie von den Elendsvierteln von Whitechapel zu Flüssen voller Blut, mit Smog gefüllten Fabriken, auf den Meeresgrund und bis in den Fernen Osten. Die Level sind ziemlich ergiebig, besonders für Sammlernaturen. Denn zu finden und zu sammeln gibt es wirklich viel: von Zähnen, die als Währung dienen, um eure Waffen zu verbessern, über Alices Erinnerungen bis hin zu geheimen Herausforderungsräumen. Ein einfacher Spieldurchlauf kann etwa 14 Stunden dauern, aber wer alles sehen und erleben möchte, kann gut und gerne ein Dutzend Stunden mehr im Wunderland verbringen.
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Madness Returns ist auch nach mehrmaligem Spielen noch interessant und unterhaltsam. Wir können uns mit einer Nostalgiebrille behelfen, um die veralteten Grafiken und Spielmechaniken zu ignorieren, aber cleveres Jump-'n'-Run widersteht dem Zahn der Zeit. Sogar das Kampfsystem ist einzigartig und Alice wehrt sich mit Waffen wie der Vorpal-Klinge, dem Steckenpferd, der Teekannone und der Pfeffermühle. Es hat etwas ungemein Reizvolles, eine versteckte Schweineschnauze aufzuspüren und ihr eine Ladung Pfeffer zu verpassen, ein Satz, der nur im Kontext dieses Spiels Sinn ergibt.
 

Was ist und was nie sein wird


Seit seiner Veröffentlichung hat es Alice: Madness Returns zu einer Art Kultstatus gebracht. Spicy Horse wurde 2016 aufgelöst, eine allzu vertraute Geschichte im Ökosystem der modernen Videospielentwicklung. Der Schöpfer der Reihe, American McGee, beschäftigte sich noch 2023 mit Ideen für ein drittes Alice-Spiel, aber eine Fortsetzung ist eher unwahrscheinlich. 

Daher bleibt Alice: Madness Returns das Meisterwerk von Spicy Horse. Anstatt zu bedauern, was nie sein wird, können wir feiern, was ist und was war, indem wir nicht zulassen, dass dieses Spiel – und andere Spiele, die nicht die breite Masse erreicht haben – in Vergessenheit geraten. Deshalb ist diese gruselige Jahreszeit eine gute Gelegenheit, zwischen Süßem und Saurem an die geniale Verrücktheit von Alice: Madness Returns zu erinnern, einem Spiel, das immer seltsamer wird, je weiter man in den Kaninchenbau hinabsteigt.