
In der Evoland Legendary Edition werden Videospiele gleichzeitig gewürdigt, parodiert und hinterfragt

Jeder, der ein bisschen Ahnung von Videospielen hat, weiß, wie wichtig Schatztruhen sind. Normalerweise befinden sich darin Gegenstände oder Waffen, die im Spielverlauf nützlich sein können.
Doch in der Evoland Legendary Edition (die Evoland: A Short Story of Adventure Video Games Evolution und Evoland 2: A Slight Case of Spacetime Continuum Disorder enthält) wird dieses Spielprinzip auf die Spitze getrieben. Öffnet man eine Truhe, bekommt man jedoch keine Gegenstände oder Waffen, sondern die Bausteine für das Spiel selbst. Euer Abenteuer startet in einer stillen, monochromen Welt, in der ihr nur nach rechts laufen könnt. Schafft ihr es, die Schatztruhe zu ergattern, erhaltet ihr die Fähigkeit, euch nach links zu bewegen. Schnappt ihr euch die Truhe auf der linken Seite, könnt ihr nun in alle vier Himmelsrichtungen laufen.
Wie der Name schon andeutet, entwickelt sich das Ganze mit jeder geöffneten Truhe weiter. Plötzlich seid ihr mitten drin in einem Spiel voller Soundeffekte, Gegner, Musik und Farben. Früher oder später taucht ihr in eine voll entwickelte Spielwelt ein, in der jeder einzelne Aspekt mithilfe eures Charakters „verdient“ wurde. Je weiter ihr in eurem Abenteuer vorankommt, um die Mächte des Bösen zu besiegen, desto mehr Funktionen schaltet ihr frei und könnt zwischen 8-Bit-, 16-Bit-, 32-Bit- und HD-Grafik wechseln und dabei jeweils eigene, vollständig gerenderte Welten erkunden.
Der Prototyp für den ersten Teil von Evoland wurde von Nicolas Cannasse im Rahmen eines 48-stündigen Solo-Game-Jams entwickelt. Dabei ließ er sich von den 8- und 16-Bit-Titeln The Legend of Zelda und FINAL FANTASY aus seiner Kindheit inspirieren. „Dies war die Grundlage für die erste veröffentlichte Vollversion“, so Cannasse, Gründer und CEO von Shiro Games sowie Leiter der Entwicklung beider Evoland-Titel. „In Evoland 2 kamen dann weitere Spielstile hinzu.“
Das erste Spiel war noch ziemlich einfach gehalten und hatte nur ein bisschen was von FINAL FANTASY und Zelda. Aber Evoland 2 setzt mit grafischen und spielerischen Neuerungen absolut neue Maßstäbe und nimmt so ziemlich jedes Spielgenre auf die Schippe, das man sich vorstellen kann. Ob (Action- oder rundenbasierte) RPGs, Plattformer, Kampf-, Rätsel- oder Strategiespiele oder sogar Beat 'em ups – dieser Titel hat einfach alles zu bieten. Bei der Entwicklung hat sich das Team von den ganz großen Namen der jeweiligen Genres inspirieren lassen. „Ich kann mich nicht mehr an alle erinnern, aber Street Fighter, Mega Man, Double Dragon, Fire Emblem und Chrono Trigger fallen mir spontan ein“, sagt Cannasse. „Solange es Sinn machte, diese Titel in Evoland 2 zu integrieren, und es möglich war, deren Spielmechaniken in kurzer Zeit umzusetzen, haben wir sie aufgenommen.“
Natürlich musste das Team einige Herausforderungen meistern, um zwei komplette Spiele mit verschiedenen Grafikstilen zu entwickeln und dabei alles einheitlich zu halten. Der zweite Titel ist in dieser Hinsicht besonders interessant. Darin bewegen sich die Spielercharaktere zwischen verschiedenen Versionen der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, wodurch sich jeweils der Grafikstil ändert. „Es war technisch durchaus anspruchsvoll, den Code für die unterschiedlichen Darstellungsarten funktionsfähig zu machen“, erinnert sich Cannasse. „Im ersten Teil von Evoland waren die Orte, die man sowohl in 2D als auch in 3D sehen konnte, begrenzt. In Evoland 2 kamen verschiedene ‚Zeiten‘ zum Einsatz, sodass es sich nicht immer um genau dieselben Schauplätze handelt, obwohl sie sich sehr ähneln.“
Beim ersten Teil waren die Story einfach gehalten und das Spielerlebnis mit drei Stunden ziemlich kurz. Evoland 2 wurde hingegen als weitläufiges, über 20 Stunden langes Zeitreise-Epos konzipiert. „Das erste Spiel war eher eine evolutionäre Weiterentwicklung des Prototyps Evoland, der während des Game-Jams entstand“, so Cannasse. „Als wir beschlossen, den zweiten Titel zu entwickeln, fragten wir uns: ‚Was wollen wir diesmal anders machen?‘ Die Antwort war eindeutig: Es sollte ein umfassenderes JRPG-Abenteuer werden. In solchen Spielen sind die Welt, die Geschichte und das Gameplay allesamt wichtig. Allerdings wollten wir den humorvollen Ton des ersten Evoland-Teils beibehalten und gleichzeitig eine spannende Geschichte erzählen, die komplexer und tiefgründiger sein sollte, als man auf den ersten Blick vermuten würde.“

Als diese Titel in der Entwicklung waren, hatte Shiro Games noch nicht so viele Mitarbeiter. Auch wenn das Team in den letzten zehn Jahren ziemlich gewachsen ist (von etwa zehn auf über 70 Leute), erinnert sich Cannasse noch gut daran, wie es war, mit wenigen Entwicklern an Evoland zu arbeiten. „Ich weiß noch, wie ich total konzentriert die kleinen Dialogszenen für die Story schreiben musste und wie glücklich ich war, als ich endlich die richtige Stimmung für die Beziehungen zwischen den Charakteren gefunden hatte“, sagt er. „Das gesamte Team, das an der Entwicklung von Evoland 1 und 2 beteiligt war, genoss diese Zeit wirklich sehr. Wir freuen uns riesig, dass die Spieler auch Jahre nach der Veröffentlichung noch Spaß daran haben.“
Seit der Erstveröffentlichung von Evoland 2 im Jahr 2015 hat Shiro Games weitere bekannte und beliebte Titel wie Northgard herausgebracht. Die Fans fragen sich jedoch, ob das stetig wachsende Unternehmen eines Tages zu seinen Wurzeln zurückkehren und vielleicht Evoland 2I entwickeln wird. Diese Frage wird dem Team häufig gestellt. Cannasse antwortet darauf: „Ich würde auch gerne wissen, wie ein mögliches Evoland 2I aussehen könnte. Noch habe ich keine genaue Antwort darauf. Vielleicht wissen es ja die Fans?“
Die Evoland Legendary Edition ist ab sofort im Epic Games Store verfügbar.