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Hinter den Kulissen von Football Manager 26

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Francisco Dominguez
3. Nov. 2025
Nach über 25 Jahren auf der Trainerbank von Football Manager gibt es nur wenig, das Miles Jacobson, den Studioleiter von Sports Interactive und kreativen Kopf hinter der Fußballmanagement-Erfolgsgeschichte, noch zu überraschen vermag. Eine Ausnahme bildet dabei die Entstehungsgeschichte von Football Manager 26, denn sie steckt doch voller unerwarteter Wendungen.

Sie beginnt mit FM25, dem Spiel, das als größte Neuerung seit der Einführung der ersten 3D-Spielengine 2008 gedacht ist. FM25 soll ein kompletter Neustart werden: neue Engine, überarbeitetes Matchday-Erlebnis, frisches Interface, endlich auch Damenfußball, und dazu eine ganze Reihe moderner taktischer Features.

Stattdessen aber geht das Spiel in die Geschichte ein als der Football Manager, der nie erschien. Erst verschiebt sich der geplante Release von Herbst 2024 auf März 2025; im Februar schließlich wird das Projekt komplett eingestellt. Eine 31 Jahre währende Tradition jährlicher Veröffentlichungen endet.

„Ohne um den heißen Brei herumzureden: FM25 war einfach nicht gut genug“, erzählt Jacobson dem Epic Games Store. „Wir wollten zu viel in zu kurzer Zeit. Es gab jede Menge Probleme während der Entwicklung. Auf eine neue Engine umzusteigen, ist verdammt schwierig. Aber auf eine neue Engine umzusteigen, wenn man über 30 Jahre lang seine eigene genutzt hat? Das ist nochmal ein ganz anderes Kaliber.“

Das Entwicklerteam ist enttäuscht – und zugleich erleichtert: lieber den guten Ruf der Reihe bewahren, statt ein halbgares Spiel herauszubringen. „Viele Spieler waren verärgert, dass wir letztes Jahr nichts veröffentlicht haben“, sagt Jacobson. „Aber ich glaube, noch enttäuschter wären sie gewesen, wenn wir das, was damals fertig war, tatsächlich herausgebracht hätten.“
Interview: Football Manager 26 – Trophäe
Die Entscheidung fällt weder leicht noch ist sie billig. Von Schuldgefühlen und Selbstzweifeln geplagt weigert sich Jacobson monatelang, die Absage auf den Druck zurückzuführen, dem bisherigen Veröffentlichungsmodell zu folgen und weiterhin im Jahresrhythmus ein Spiel herauszubringen. Für Selbstmitleid, das er ohnehin als „nutzloses Gefühl“ bezeichnet, bleibt allerdings keine Zeit. Nach einem weiteren Jahr harter Arbeit ist der ersehnte Neuanfang endlich da.

FM26 ist der erste Schritt in die nächsten zwanzig Jahre Football Manager und keine bloße Fortsetzung von FM24“, sagt Jacobson.
 

Bewegte Erkenntnisse


Wie sehr sich die Verlängerung gelohnt hat, zeigt sich sofort, wenn man die neue Match-Engine in Aktion sieht. Seit der ersten, rudimentären 3D-Version ist viel passiert. Stellt man FM26 neben die Titel, die in den 2000ern erschienen sind, wirkt das, als vergleicht man Pong mit The Last of Us. Die glaubwürdige KI und die Kameraführung, die an echte TV-Übertragungen erinnert, machen aus FM26 echten Fußball.

Das kommt nicht von ungefähr. Die Hochleistungskameras von Hawk-Eye, die bei großen Profispielen zum Einsatz kommen, um Ballbewegungen und Spielerpositionen für Entscheidungen zu Handspiel oder Abseits nachzuvollziehen, haben ganz nebenbei eine der weltweit präzisesten Animationsdatenbanken hervorgebracht. Genau diese nutzt nun Sports Interactive.
Interview: Football Manager 26 – Setplay
„Uns wurde klar, dass die Kameras, die in den Stadien für Torlinientechnologie und als VAR eingesetzt werden, im Grunde die Knochen der Spieler verfolgen“, erklärt Jacobson. „Und Figuren in Videospielen bestehen ja ebenfalls aus Knochen, also aus 3D-Skelettstrukturen, die Gelenkbewegungen realistisch nachbilden. Wir haben gemerkt, dass die reale Verfolgung der Spielerbewegungen in Stadien exakt dem entspricht, was wir in unseren Animationen modellieren. Das war für uns eine Offenbarung.“

Mit einigen Anpassungen und auf Basis ihrer eigenen Motion-Capture-Technik integriert das Team daraufhin die umfangreichen Hawk-Eye-Daten direkt in das eigene Animationssystem, sowohl für den Herren- als auch den Damenfußball. Jeder Pass in FM26, jeder Schuss, jede Finte, selbst der kurze Blick nach oben, bevor ein Spieler einen Diagonalball über das Feld schlägt – alles beruht auf präzisen Daten aus echten TV-Übertragungen.

Jacobson ist vom Ergebnis hellauf begeistert. „Die Animationen im Spiel sorgen jetzt für ein Erlebnis, das in vielen Fällen, etwa in der Premier League oder der Bundesliga, genau so aussieht, als würde man das Spiel live im Fernsehen verfolgen“, sagt er. „Das Spiel gewinnt dadurch ein Maß an Authentizität und Glaubwürdigkeit, das wir so noch nie hatten.“
 

Eine taktische Revolution


Dass das Team von Sports Interactive Fußball im Blut hat, merkt man auf Schritt und Tritt. So überrascht es kaum, dass FM26 Kennern des Sports mehr Möglichkeiten als je zuvor bietet. Trainer können jetzt nicht nur das Spiel mit Ballbesitz, sondern auch die Taktik ohne Ballbesitz genauso detailliert steuern wie die großen Coaches – zum Beispiel Pep Guardiola bei Manchester City oder Mauricio Pochettino bei der USMNT.
Interview: Football Manager 26 – Gameplay
Jacobson spricht von einer „taktischen Revolution“. Sie kommt all jenen zugute, deren Fußballverständnis dank moderner Berichterstattung enorm gewachsen ist, Fans also, die heute über Pressingauslöser, Umschaltmomente, Expected Goals oder die feinen Unterschiede einer Abwehrreihe genauso selbstverständlich sprechen wie Profis.

Ein Beispiel: Unter Trainer Eddie Howe spielt Newcastle United im Ballbesitz ein 4-3-3-System, das Angriff und Absicherung in Balance hält. Ohne Ballbesitz wechseln sie zu einem 5-4-1, sprich: Ein Mittelfeldspieler lässt sich in die Abwehr fallen, mehrere Offensivspieler rücken nach hinten. Diese kompakte Formation ist schwerer zu knacken und reduziert gegnerische Torchancen spürbar.

Im Grunde verdoppelt diese Neuerung die taktischen Optionen – für Spieler und Spielerinnen ebenso wie für die gegnerische KI, die mit denselben Werkzeugen arbeitet. Wie üblich funktioniert das System übrigens auch für all jene, die es lieber etwas entspannter angehen: Der unentbehrliche Co-Trainer übernimmt auf Wunsch die Detailarbeit. Gleichzeitig gibt es dank neuer Hilfen wie der FMPedia aber auch ausführliche Erklärungen und Animationen zu jeder Taktik.

„Wahrscheinlich war es einfacher, das Spiel zu entwickeln, als wir nur eine halbe Million Spieler hatten“, sagt Jacobson. „Heute müssen wir ein Publikum von über 20 Millionen Menschen ansprechen. Die Balance zwischen zu komplex und zu simpel zu finden, war für uns ein entscheidender Schritt.“

Einige bewährte Features fallen im neuen Titel weg, etwa die Player Shouts. Zwar mag es realistisch sein, unterdurchschnittliche Spieler auszubuhen oder andere anzufeuern, doch welchen Einfluss dies auf das Spiel hatte, war nie klar. „Wir wollten es nicht drin haben, wenn es nichts taugt“, sagt Jacobson. „Und es taugte eben nicht viel.“ Für ihn erfüllen die Player Shouts nicht das Transparenzmodell, das man sich mit den neuen Visualizer-Tool vorgenommen hat.

Andere Elemente haben dringend benötigte Überarbeitungen erhalten, wie etwa die Player Roles, die die strategische Bedeutung jeder Position definieren. Einige klassische Rollen werden gestrichen, weil sie den Anforderungen des modernen Spiels nicht mehr gerecht werden. Dazu gehört auch eine, die Fans von Superstars wie Zinedine Zidane, Francesco Totti oder Kaká in den 90er- und 2000er-Jahren in nostalgischer Erinnerung geblieben sein dürfte: die Rolle des Trequartista.

Als offensiv ausgerichteter Spieler ohne nennenswerte Defensivaufgaben ist der Trequartista ein Vorwand, um einem spielentscheidenden Individualisten seinen Freiraum zu geben – er ist ein Spieler, dessen Instinkt jeden Kompromiss wert ist. Die Position ist mittlerweile „ein Meme“, ein Relikt aus einer langsameren Ära des Fußballs. Jacobson, der ein persönliches Faible für Roma-Legende Totti hat, erwartet, dass der Trequartista genauso in die Serienfolklore eingehen wird wie Freddy Adu, das amerikanische Wunderkind, dessen mittelmäßige Karriere nie dem Weltklassespieler gerecht werden konnte, als der er in Football Manager gelten darf.
 

Verlorene Zeit aufholen


Die taktische Revolution ist beeindruckend, doch das wachsende Interesse am Damenfußball übertrifft sie um Längen. Die FIFA berichtet, dass fast 1 Milliarde Zuschauer die Damen-Weltmeisterschaft 2023 verfolgen. Die United States National Women's Soccer League überschritt im vergangenen Jahr die 2-Millionen-Zuschauer-Marke. Vor diesem Hintergrund betrachtet Jacobson die Integration von 14 Damenligen in FM26, darunter die US NWSL und Englands WSL, weniger als tolle Neuerung sondern eher als längst überfällige Korrektur.

„Hier geht es keineswegs einfach darum, den männlichen Modellen Pferdeschwänze zu verpassen, wie es manche Spiele zuvor versucht haben“, sagt er. „Ganz oder gar nicht – und wir haben uns für ganz entschieden.“

Als Sports Interactive das Projekt 2021 ankündigt, will man noch einmal ganz von vorn anfangen. Das Spiel wird oft mit einer Tabellenkalkulation verglichen, weil es so stark auf statistische Werte setzt. Um Fußballer realistisch darzustellen, greift Sports Interactive auf ein weltweites Netzwerk von Datenquellen zurück, das über 30 Jahre gewachsen ist. Es wird von rund 40 Profivereinen offiziell anerkannt, was die Qualität der Informationen bestätigt. Für FM26 bedeutet das, dass jedes Spielerattribut wie Tempo, Einsatzbereitschaft oder Passspiel auf soliden Daten beruht.

Im Damenfußball steht das Entwicklerteam unter der Leitung von Tina Kerch nun vor denselben Datenlücken wie zu Beginn des Franchise. Vieles erinnert an die Anfangszeit, als Scouts von Sports Interactive mit nichts als einem Ticket und einem Regenschirm zu Auswärtsspielen geschickt werden. Wiederum dienen Hawk-Eye-Aufnahmen für realistische Animationen und die Erfassung von Unterschieden in Laufart und Körperform. Darüber hinaus holt das Team umfangreiches Expertenwissen von Profis im Damenfußball ein – unter anderem von Emma Hayes, der ehemaligen Chelsea- und derzeitigen USWNT-Trainerin, die bei den Olympischen Spielen 2024 Gold holte. Dank all dieser Recherchen basieren geschlechtsspezifische Verletzungsarten und Erholungszeiten in FM26 nun auf realen Daten.
Interview: Football Manager 26 – Mittelfeld
Jacobson sieht den Damenfußball nicht als klar getrennt vom Herrenfußball, genauso wie auch das Spiel selbst nur statistische Unterschiede wahrnimmt. So sind die Spielerinnen eines Damenteams im Durchschnitt kleiner als eine Herren-Elf. Ein kleinerer Torwart wiederum hat Schwierigkeiten bei hohen Schüssen, und zwar unabhängig vom Geschlecht. Jacobson selbst hätte mit seinen 1,68 m genauso zu kämpfen wie eine gleich große Frau.

„Wir nehmen den Damenfußball ins Spiel auf, weil es einfach richtig ist, weil es höchste Zeit wird und weil es eine großartige neue Erfahrung für unsere Spieler ist“, sagt Jacobson. „Am Ende bleibt es derselbe Sport: Fußball. Und dasselbe Spiel: Football Manager. Deshalb ist es uns so wichtig, dass alles Teil desselben Spieluniversums ist.“
 

Fußballmärchen


Eine der größten Entwicklungen im Herrenfußball ergibt sich in den zwei Jahren seit dem Erscheinen von FM24 in der Klub-Weltmeisterschaft. Das Turnier fasziniert Zuschauer weltweit und schüttet seit Neuestem eine beispiellose Summe von einer Milliarde US-Dollar an die ohnehin schon reichsten Teams aus. Dass viel Geld in den Sport fließt, ist für Football Manager nichts Neues, und die bestehenden Spielmodelle könnten mit solchen finanziellen Sprüngen problemlos umgehen.

In der echten Welt aber führt es zu einem Balance-Problem, wenn die Kluft zwischen reichen und vergleichsweise ärmeren Vereinen immer weiter auseinandergeht. Für die Spieler und Spielerinnen von Football Manager – oder schlichtweg für jeden Fußballfan – geht es dennoch immer um das Gleiche: den Glauben an den Triumph über alle Widrigkeiten. Märchenhafte Erfolge im modernen Fußball beschränken sich nicht auf Fernsehdramen wie Welcome to Wrexham.

Jacobson betont, dass Wunder sowohl in der Realität als auch in Football Manager möglich sind. Leicester gewinnt 2015 wider alle Erwartungen die Premier League, Getafe überrascht in Spanien, Atalanta beeindruckt in Italien – und wer seinen Verein gut führt, kann ähnliche Erfolgsgeschichten auch im Spiel erleben.

Die simulierten Charaktere profitieren von der Hingabe des Spielers an eine Serie, in der die durchschnittliche Spielzeit immerhin rund 500 Stunden beträgt. Und trotz aller Daten wird es dem Spiel nie gelingen, all die menschlichen Schwächen und persönlichen Umstände abzubilden, die im echten Leben viele hoffnungsvolle Karrieren scheitern lassen. „Es ist gut, dass das Spiel leichter ist als das echte Leben. Wir streben trotzdem nach Genauigkeit, aber wenn niemand jemals gewinnen könnte, würde auch niemand spielen“, sagt Jacobson.

Nachdem er selbst unzählige unvergessliche, märchenhafte Enden für Spieler erschaffen hat, deren Teams alle Widerstände überwinden, hat der langjährige „Gaffer“ nun auch eines für sich selbst verdient – mit FM26. „Ich drücke mir selbst die Daumen“, sagt er. „Sonst muss ich mir einen richtigen Job suchen, und darauf habe ich keine Lust!“

Football Manager 2026 erscheint am 4. November im Epic Games Store.