Neuigkeiten

GoNNER ist ein audiovisueller Traum vom Tod

J
Jon Irwin
9. Okt. 2023

GoNNER erinnert an das tintenschwarze Delirium eines Albtraums und spielt sich trotzdem ganz wunderbar.

Die faszinierende Mischung aus Run-and-Gun und Roguelike wartet mit einem hohen Schwierigkeitsgrad sowie Traumlogik an jeder Ecke auf. Die Plattformen des Spiels – bestehen sie aus Knochen? Oder handelt es sich um die Kritzeleien eines verstörten Kindes? – materialisieren sich unter euch wie Schienen, die vor einem fahrenden Zug ausgelegt werden. Die prozedural generierten Level sind nie komplett sichtbar; je weiter ihr erkundet, desto mehr könnt ihr erkennen. 

Bei den Kreaturen sieht das allerdings ganz anders aus: Die Menagerie aus monochromatischen Wesen, die euch mal mehr und mal weniger feindlich gesinnt sind, habt ihr immer im Blick. Mit der Ausrüstung eurer Wahl bahnt ihr euch einen Weg durch die Gegnermassen: Es gibt ungefähr ein Dutzend freischaltbarer Waffen, einen Rucksack, der eine Spezialfähigkeit aktiviert – darunter eine kreisförmige Explosion, sofortiges Nachladen oder eine Turbokanone – und verschiedene Schädel von einem Baum der Unterwelt, die jeweils ein individuelles Power-Up verleihen. Wenn ihr eure Munition verfeuert und auf die Monster hüpft, führt ihr Kombos aus, die eure Punktzahl erhöhen und euch lila Glyphen einbringen, mit denen ihr ein neues Leben erstehen könnt.

GoNNER 3

Allerdings erklären diese Mechaniken nicht, wie herrlich sich GoNNER spielt. 

Gegner werden wunderbar befriedigend zerquetscht. Durch den offenen Schlund eines Riesenwurms bewegt ihr euch zwischen den Leveln hin und her. Der Sound besteht aus ätherischen Klängen und Industrial-Elementen, als wärt ihr in einer Fabrik eingeschlafen und könntet im Traum noch die knirschenden Geräusche von Metall vernehmen. Bei einer Trefferkombo ertönt ein pochender Herzschlag, während sich auf dem wackelnden Bildschirm intensive albtraumhafte Umrisse abzeichnen. Jedes einschlagende Geschoss erweitert die Klanglandschaft um einen treibenden Beat, sodass man eher von einer haptischen als einer akustischen Erfahrung sprechen kann.

Haltet ihr den Rhythmus aus Kopfschüssen und tödlichen Hopsern lange genug aufrecht, geht die Action erst richtig los. Die düsteren Höhlen verwandeln sich dann in einen psychedelischen Rave und eure Punktzahl schießt ihn die Höhe, doch das ist nebensächlich, denn ihr seid im Flow. Zumindest bis der Zufallstreffer eines Dämons euren Schädel über den Boden schlittern lässt. Dann gehen die Lichter aus.  Immerhin könnt ihr in diesem Traum euren Kopf zurückholen und wiederaufsetzen. Aber lasst euch nicht zu viel Zeit: Erleidet ihr im kopflosen Zustand einen Treffer, ist das Spiel vorbei. 

GoNNER 1

Der Tod ist außerdem euer Mentor und euer bester Freund ist ein Weltraumwal namens Sally.

GoNNER stammt aus der Feder von Art in Heart, einem Indie-Entwicklertrio aus Schweden. Interessant dabei ist, dass das Pseudonym des leitenden Game Designers Ditto nur bedingt zu der unnachahmlichen Ästhetik seiner Arbeit passt. Das Spiel des Teams wirkt, als hätte sich Tim Burtons widerspenstiges Kind bei einem Game Jam mit dem banalen Thema „Abenteuer“ ausgetobt. Ein erfolgreicher Lauf dauert zwar nur 30 Minuten, allerdings beißt ihr höchstwahrscheinlich schon nach zwei Minuten ins Gras, bevor ihr die vielen Geheimnisse gelüftet habt. Doch GoNNER macht schnell süchtig: Bevor ihr es euch verseht, träumt ihr tausend Mal und sterbt genauso oft.

GoNNER ist 2016 erschienen und seit dem 27. Februar 2020 im Epic Games Store erhältlich. Die darauffolgenden Jahre haben sich als Albtraum der etwas anderen Art erwiesen. Falls das Spiel bisher unter eurem Radar war, ist jetzt der perfekte Zeitpunkt, um sich in das wundervoll frustrierende und makabre Abenteuer von Art in Heart zu stürzen.