
Neuigkeiten
Hauntii ist ein handgezeichneter Twin-Stick-Shooter und handelt von einem Geist auf der Flucht vor der Ewigkeit
R
Rachel Watts
Ein Spiel, in dem ein niedliches Gespenst durch das Jenseits wandert, lässt einen eher melancholischen Grundtenor vermuten, doch Leo Dasso, der Gründer von Moonloop Games, ist der festen Überzeugung, dass ein Spiel, in dem es um die Ewigkeit und um verlorene Seelen geht, deswegen nicht zwangsläufig traurig sein muss, ja nicht einmal vom Tod handeln muss.
„Das Thema der Geschichte von Hauntii ist ziemlich düster, oder zumindest würden es viele als düster betrachten“, so Dasso. „Man spielt als Geist, man ist gestorben, und alles, was man jemals geliebt hat, ist nicht mehr da. Aber wir hatten uns von Anfang an beim Design das Ziel gesetzt, dass das Spiel nicht düster oder deprimierend wirken sollte. Wir wollten, dass es Spaß macht. Hauntii ist kein Spiel über den Tod, denn schließlich weiß niemand, wie der Tod ist. Die Toten selbst können uns nichts mehr darüber erzählen, und sie kaufen erst recht keine Spiele.“ In Hauntii schlüpft ihr in die Rolle eines Geistes, der frisch aus dem Land der Lebenden geerntet und ins Jenseits verfrachtet wurde. Zu Beginn des Spiels ist unser kleiner gespenstischer Protagonist gerade im Aufbruch zu einer höheren Ebene begriffen, als der Start aus irgendeinem Grund misslingt, gewaltige Ketten aus dem Boden hervorbrechen und ihn wieder nach unten ziehen. So schnell gibt sich der Geist allerdings nicht geschlagen und unternimmt eine Reise durch die verschiedenen Bereiche des Jenseits, um herauszufinden, wer er in seinem früheren Leben war und wie er doch noch zu seiner Himmelfahrt kommt.
Hauntii ist ein episches Abenteuer in einer Welt, die direkt aus Dassos Notizbuch beschworen wurde. „Auf dem College habe ich Illustration studiert und Programmieren hat mich schon immer fasziniert“, so Dasso. „Ich war in der Newgrounds-Szene sehr aktiv und habe Flash-Spiele entwickelt. Hauntii begann eigentlich mit kleineren Kritzeleien und Skizzen, die ich bei Treffen im Jahr 2019 machte. Das waren einfach kleine Gespenster oder Szenen. Ich probierte aus, welcher Stil für das Spiel geeignet sein könnte, daher habe ich Skizzen und Zeichnungen in völlig unterschiedlichen Stilrichtungen.“
Es ist nicht das erste Mal, dass sich der Grafikstil eines Spiels direkt aus Dassos Kritzeleien und entwickelt hat. Das 2013 veröffentlichte Ballpoint Universe wurde vollständig durch Dassos Zeichnungen zum Leben erweckt – im wahrsten Sinne des Wortes. Seine faszinierende Welt aus verschlungenen Kritzeleien und Kugelschreiberzeichnungen wirkt, als wäre das Spiel direkt von der Papierseite auf den Bildschirm gesprungen.

„Das war keine Absicht, es ergab sich einfach bei beiden Spielen so“, sagt Dasso. „Damals, 2012, hatte ich den Eindruck, dass alle Spiele auf Hyperrealismus aus waren, mit realistischer Beleuchtung und Physik und allem Drum und Dran. Ich fand, dass dabei etwas verloren ging, also wollte ich das komplette Gegenteil machen. An den Spielen arbeiten viele Hunderte von sehr talentierten Grafikerinnen und Grafikern, aber das Ergebnis ist so weit von den Konzeptzeichnungen entfernt, dass es viele Menschen gar nicht bewusst wird. Bei Ballpoint Universe ging es also darum, so wenig wie möglich von der Grafik zu abstrahieren, was konkret bedeutete, die Zeichnungen zu scannen und direkt ins Spiel zu übernehmen.“
Die beeindruckende Optik von Ballpoint Universe stach 2013 unter der Masse hervor, und mit Hauntii geschieht im Jahr 2024 genau dasselbe. Vor Entscheidung, für Hauntii handgezeichnete Grafiken zu verwenden, entstand jedoch Dassos Wunsch, einen Twin-Stick-Shooter zu entwickeln. Auf den ersten Blick erscheint es völlig unsinnig, den Grafikstil und die Thematik von Hauntii mit der hektischen, chaotischen Natur eines Twin-Stick-Shooters zu kombinieren – aber die Action ist das Ergebnis von Dassos Idee, auf pure Melancholie zu verzichten.
„Mit gefällt am Twin-Stick-Gameplay die einfache, unbeschwerte Mechanik“, so Dasso. „Alles wirkt gleich weniger tragisch, wenn man ein Gespenst ist und kleine grüne Klümpchen verschießt, und das ist genau das, was wir erreichen wollten, nämlich dass es nicht so ernst wird. Es ist ein Spiel, es sollte witzig sein und Spaß machen.“
Kugeln oder Sphären auf Feinde zu schießen ist eine der beiden Fähigkeiten, die dem Geist in Hauntii zur Verfügung stehen. Die zweite ist eine „Spuk“-Fähigkeit, dank derer er in Objekte schlüpfen und von ihnen Besitz ergreifen kann, um dann ihre Spezialfähigkeit zu nutzen. Diese Fähigkeit kann nützlich sein, um Rätsel zu lösen – zum Beispiel, indem ihr in Steinsäulen fahrt und sie bewegt, um ein Portal zum nächsten Bereich zu öffnen. Oder wenn die Feinde in Massen über euch herfallen, könnt ihr auch in einen nahegelegenen Kristall springen und einen schnellen Geschosshagel entfesseln, wobei die zweifarbige Optik von Hauntii von Farben und Klängen erfüllt wird.

Hauntii kann sich zu erstaunlicher Action steigern, aber Besitzergreifung und Kugelschießen haben auch Grenzen. Es ist wichtig, dass ihr kleine Dreieckstücke sammelt, um eure Energieanzeige immer gefüllt zu halten, und dazu müsst ihr die Umgebung absuchen und besiegte Gegner plündern. Außerdem habt ihr auch einen Ausweichfähigkeit, dank der ihr mühelos in dem Chaos der Geschosse umherflitzen könnt.
Der Wechsel zwischen spannenden Bullet-Hell-Kämpfen und ruhigeren oder beschaulichen Momenten ist nahtlos. Hauntii beginnt auf einer seltsamen Wiese mitten zwischen sanften Hügeln und sich merkwürdig ringelnden Pflanzen. Während ihr dem Pfad folgt, drängen die Schatten immer näher – und wenn ihr das Licht verlasst, werden die Musik und die Optik immer verzerrter und glühende Augen beginnen in der Dunkelheit zu leuchten. Die Spannung nimmt zu und schließlich packt euch ein gewaltiges, schattenhaftes Wesen mit seiner riesigen Klaue, das Maul weit aufgerissen und bereit, euch verschlingen.
Doch bevor es dazu kommt, werdet ihr von einem engelhaften Wesen gerettet. Diese himmlische Gestalt mit Namen Crisp, wie uns Dasso verrät, freundet sich schnell mit unserem kleinen Geist an. Anfangs erscheint sie als normaler Geist mit einer strahlend weißen Aura, doch sie besitzt auch noch eine andere, furchterregendere Form – ein exakt der Bibel nachempfundener Engel mit gewaltigen Flügeln und erschreckend vielen Augäpfeln.
„Crisp nimmt ihre Geistform an, um neue Geister nicht zu ängstigen, ist aber in Wahrheit ein Wesen mit einer ungeheuren Macht“, so Dasso. „Bei ihrem Design haben wir uns gefragt: ‚Wie können wir das vermitteln?‘, und dann ist uns aufgefallen, dass solche Wesen in der Bibel ziemlich gut beschrieben werden.“
Wenn Crisp ihre allmächtige Engelsgestalt offenbart, zeigt eine ausgefeilte Animation ihre Verwandlung von einem Wesen zum nächsten – ein junges Mädchen mit einem Heiligenschein, eine seltsame gefiederte Kreatur, ein gewaltiger zentraler Augapfel, umgeben von verschiedenen rotierenden Ringen – bis sie wieder ihre Geisterform annimmt. Sie ist eine absolute Erscheinung und die Animationsarbeit von Lucie Juric, der Animations- und Storyboard-Künstlerin von Hauntii, vermittelt ihre einschüchternde Präsenz auf eindrucksvolle Weise.

„Ich hatte eine Konzeptzeichnung von Crisp in ihrer Engelsform, die zwar gut, aber recht einfach war“, erzählt Dasso. „Dann hat unsere Animatorin Lucie das Konzept genommen und weiterentwickelt und so kam es dann zu den sechs Flügeln und der ganzen beeindruckenden Aufmachung. Lucie ist für einen Großteil der Animationen im Spiel verantwortlich. Ich habe einige Charaktere animiert, aber die Zwischensequenzen stammen alle von Lucie.“
Diese wunderbare Animationsarbeit ist in Hauntii allgegenwärtig. Die Kombination von handgezeichnetem Grafikstil, den detaillierten Linien, der markanten Zweifarbigkeit und der nahtlosen Animationen schafft eine dynamische Welt, die wunderschön ist und zur Erkundung anregt. Jedes neue Reich, das unser Geisterfreund besucht, vermittelt eine völlig neue Atmosphäre, von den beschaulichen Wäldern und ihren freundlichen Waldgeistern bis hin zu einer weitläufigen Stadt mit gigantischen, ominösen Türmen, in denen sich die verlorenen Seelen zusammenscharen, um zu einer höheren Ebene aufzusteigen.
„Der Wald selbst ist sehr abwechslungsreich. Da ist ein Waldstück namens „Belgrove“, in dem man überall auf riesige Glocken schießen kann, um sie zum Läuten zu bringen“, so Dasso. „Außerdem liebe ich das so genannte „Wick Land“, einen riesigen Karneval. Das ist eine komplette Stadt aus Zirkuszelten mit Skelett-Achterbahnen, die durch die ganze Stadt rollen. Man kann sich in die Wagen setzen und sogar von den Schienen Besitz ergreifen, um die Form der Achterbahn zu verändern, und das wiederum beeinflusst die Art, wie sich die Wagen über die Achterbahn bewegen.“
Wer genau hinsieht, findet auch Erinnerungsfragmente, die mehr die Vergangenheit des Gespenstes von Hauntii und Einzelheiten aus seinem früheren Leben verraten. Um die Welt von Hauntii so lebendig wie möglich zu gestalten, war eine Menge Arbeit nötig, und ihr könnt zahlreiche Geheimnisse und Überraschungen entdecken. Der Geist ist zwar in der Unterwelt gefangen, dort geht es aber mindestens so lebhaft zu wie im Land der Lebendigen.
„Im Wald gibt es einen Marienkäfer, in den man schlüpfen kann, um an den Bäumen hinauf- und hinunterzuklettern“, sagt Dasso. „Und der Marienkäfer hat einen Sonnenschirm aus einem Blatt, mit dem man von einem Baumwipfel springen und durch die Gegend gleiten kann.“
Die Kombination eines dynamischen Shooters mit einer ruhigen, besinnlichen Geschichte ist eine seltsame Mischung, aber bei Hauntii klappt das vor allem wegen des erzählerischen Umfangs. Atmosphäre und Stimmung ändern sich oft, jedoch ohne dass dies überhastet oder unvermittelt wirkt, was in Anbetracht des zentralen Themas eine wichtige Rolle spielt.
„Hauntii ist ein Spiel, bei dem man weiterziehen oder bestimmte Umstände zurücklassen muss. Wenn man ein Geist ist und stirbt, muss man alles hinter sich lassen“, so Dasso. „Als ich das Skript für Hauntii schrieb, war ich gerade von den USA nach Südkorea gezogen, und das war eine gewaltige Veränderung. Mein Leben war völlig auf den Kopf gestellt. Daher war das für mich selbst ein zentrales Thema – eine ganze Welt zurückzulassen und das Neue willkommen zu heißen. Ich glaube, die Erfahrung hat jeder schon einmal gemacht, dass man in einem bestimmten Moment seine Umgebung wechselt.“
Es ist ein schönes Gefühl und eines, das alle Elemente von Hauntii miteinander verbindet. Laut Dasso werdet ihr Hauntii in etwa acht bis zehn Stunden durchspielen und danach das Gefühl haben, ein großes Abenteuer erlebt zu haben. „Es ist länger, als ich erwartet habe. Ich hatte nicht geplant, es so lang zu machen“, sagt Dasso. „In einem Trailer lässt sich diese Reise nur schwer vermitteln, aber wir haben uns große Mühe gegeben, damit die Geschichte die Spieler bis zum Ende in Atem hält.“
Hauntii ist ab dem 23. Mai im Epic Games Store verfügbar.