
Wie Cryptmaster aus einem Dungeon-Crawler ein Worträtsel macht

Was wäre wohl gegenüber dem mächtigen Nekromanten angebracht, der gerade eure nicht mehr ganz frische Leiche wiederbelebt hat? Etwas Respekt könnte jedenfalls nicht schaden. Doch im Titel Cryptmaster, den ihr im Epic Games Store jetzt auf eure Wunschliste setzen könnt, ist das nicht selbstverständlich. Gleich zu Anfang bitte ich meinen untoten Retter, an einer Ratte zu lecken. Dann, einem Schild einen Kopfstoß zu versetzen. Und eine Weile später soll er eine Karte zerkauen, die schon seit wer weiß wie langer Zeit in einer geheimen Truhe verstaubt.
Zu meiner Rechtfertigung muss ich sagen, dass ich zu dem jeweiligen Zeitpunkt keine Ahnung hatte, worum es sich bei den Gegenständen handelte. Die Objekte, die in den Gängen dieses in Schwarz-Weiß gehaltenen Dungeon-Crawlers verstreut sind, müssen in einem verrückten Spiel mit 20 Fragen eingesammelt werden. Hierbei ist der Nekromant euer Quizmaster (und gelegentlicher Rattenlecker) und die verlegten Gegenstände eurer Gruppe untoter Abenteurer sind die Preise. Das Beschnüffeln, Zerdrücken, Befühlen und Kitzeln der mysteriösen Dungeon-Gegenstände gehört zum normalen Tagesablauf dieses Dunkelmagiers, was sinnbildlich für den surrealen, witzigen und respektlosen Ton von Cryptmaster ist.

In Cryptmaster steuert ihr vier untote Abenteurer, die eine Höhle erforschen und die Ungeheuer bekämpfen, die dort zu Hause sind. Das Spiel erinnert auf den ersten Blick an klassische Dungeon-Crawler, aber es wird schnell klar, dass es hier weniger auf wilde Schwerthiebe als auf überlegtes Tastenhauen ankommt. Ihr tut praktisch alles im Spiel, indem ihr schreibt. Kampffähigkeiten werden mithilfe eines Ratespiels freigeschaltet, das an Wordle erinnert. Für jedes Rätsel, dass ihr mit seinen 20 Fragen löst, werdet ihr mir Buchstaben belohnt, die ihr als Ratehilfen verwenden könnt. Wenn ihr eine Fertigkeit erratet, könnt ihr sie benutzen, indem ihr während des Kampfes ihren Namen schreibt: Buchstabiert „Jab“ (Stoß), „Boot“ (Stiefel), „Jostle“ (Rempeln) und dergleichen, bevor euer Gegner zuerst zuschlägt.
„Der ursprüngliche Kern des Spiels war ein System, bei dem Wörter gesammelt und im Kampf wiederverwendet werden, eine witzige Idee, die aber wohl kaum für ein vollständiges Spiel ausgereicht hätte“, so Lee Williams, Autor und Teil des Entwickler-Duos. „Aber als wir begannen, in dieser Richtung weiterzusuchen, tauchten viele weitere wortbasierte Mechaniken auf, die gut dazu passten.“
So entstand ein überraschend offenes System, das ausgefallene Texteingaben belohnt. Euer Nekromantenführer, der titelgebende Cryptmaster, liefert gesprochene Antworten auf alles, was ihr eintippt, und lässt kaum eine Gelegenheit aus, einen sarkastisch-arroganten Kommentar abzugeben.
„Wir benutzen ein einfaches System, das ich manchmal mit einem Münzsortierer vergleiche“, erklärt Williams. Gewöhnliche Wörter erzeugen normalerweise einzigartige Antworten des Cryptmasters. Andere Begriffe sind zu allgemeinen Kategorien gruppiert, die jeweils eine relevante, aber weniger konkrete Antwort bieten. Und wenn ihr totales Kauderwelsch eingebt, werdet ihr vermutlich aufgefordert, euch verständlicher auszudrücken.
Dieses System ist natürlich nicht sofort offensichtlich. Wenn ich den Cryptmaster anweise, an etwas zu lecken, was sich hinterher als Ratte entpuppt, antwortet er, dass es „pelzig und eher unangenehm schmeckt“. Auf die Frage, ob der erste Zauberspruch meiner Hexe „Katze“ sei (auf den Verdacht hin, dass sie eine Katze in den Kampf mitnimmt), fragt er zurück, ob ich „einfach nur die Namen von Tieren aufzähle“. Und wenn ich ihn auffordere, das zu erratende Objekt zu zerdrücken, erfahre ich, dass dies mit dem Äußeren schwierig werden könnte, während sich das Innere leicht zerreißen lasse. Nach ein paar weiteren Fragen weiß ich dann, dass es sich um ein Buch handelt.
„Es gibt noch ein paar weitere Ablenkungsmanöver, wie zum Beispiel, dass der Cryptmaster manchmal ein unbekannteres Wort buchstabiert oder ein bekanntes als Teil seiner Antwort sagt“, fügt Williams hinzu. „Insgesamt sind wir mit dem Ergebnis sehr zufrieden. Die Spieler verstehen, dass es nur ein Trick ist, aber die Wirkung ist trotzdem sehr beeindruckend.“
Das Kampfsystem hingegen ist selbst ein Rätsel für sich. Für jedes Mitglied eurer Gruppe (der Krieger Joro, der Assassine Syn, der Barde Maz und die Meerhexe Nix) gilt nach seinem Angriff eine kurze Abklingzeit. In der kurzen Demo, die ich gespielt habe, entdeckte ich schnell einfache Kampfsynergien: So könnt ihr Joros Fertigkeit „Hit“ einfachen Schaden verursachen, und dann mit Maz' „Yell“ die Abklingzeit zurücksetzen, damit Joro sofort erneut zuschlagen kann. Syn kann mit „Trap“ noch vor Beginn des Kampfes Stacheln auslegen, Nix kann mit ihrem „Zap“-Zauber entfernte Gegner treffen und gegnerische Schilde können euch daran hindern, bestimmte Buchstaben einzugeben (und damit die Fertigkeiten, die sie enthalten) – schnell steigern sich die Kämpfe zu seltsamen taktischen Buchstabierwettbewerben.
Und doch passt alles ganz gut zusammen. Da es sich um ein Buchstabenspiel handelt, wird auch die Gesundheit der Gegner und Gruppenmitglieder durch die Buchstaben ihrer Namen angezeigt – die nacheinander verschwinden, wenn ihr Besitzer Schaden erleidet. Überall findet ihr Truhen und Kisten, die ihr öffnen könnt, indem ihr ihren Namen schreibt. Der monochromatische Grafikstil erinnert an Tuscheskizzen aus dem Notizbuch eines Künstlers (oder Kalligrafen).

„Thematisch und ästhetisch haben wir uns stark daran orientiert, was uns in unserer Jugendzeit begeistert hat und heute eher Nostalgie weckt: D&D, Spielbücher, B-Filme, Fernsehserien wie [die britische surrealistische Spielshow] Knightmare und Brettspiele wie Atmosfear“, verrät Williams. „Daher schien es uns passend, dass auch der Grafikstil ähnlich retro-mäßig anmutet. Paul [Hart, der andere der beiden Entwickler von Cryptmaster und Hauptverantwortliche für Programmierung und Grafik,] ließ sich von den Tuschezeichnungen inspirieren, die man in alten D&D-Tutorials und ‚Fighting Fantasy‘-Spielbüchern findet.“
Cryptmaster soll noch in diesem Jahr erscheinen, bis dahin könnt ihr ja noch fleißig auf der Wortspielseite der New York Times üben. Selten zuvor war Buchstabieren so elegant und noch nie waren 20 Fragen so tückisch. Setzt das Spiel jetzt im Epic Games Store auf eure Wunschliste.