Neuigkeiten

Wo Vampire Crawlers das Deckbuilder-Genre neu aufstellt – und wo nicht

D
Diego Nicolás Argüello
30. Apr. 2026

Es kommt nicht oft vor, dass ein Spielestudio ein neues Genre hervorbringt. Das war jedoch 2022 beim illustren und fesselnden Vampire Survivors von Poncle der Fall. Die „Reverse Bullet-Hell“ hat seit ihrem Start unzählige Nachahmer von anderen Studios hervorgebracht und wurde von der Kritik gefeiert. Nun bewegt sich Vampire Crawlers: The Turbo Wildcard from Vampire Survivors auf ganz anderen Terrain. Die Mission lautet, in einem Mix aus Genres, die seit Jahren übersättigt sind, etwas Bleibendes zu schaffen.

Vampire Crawlers präsentiert sich als runden- und kartenbasierter „Blobber“ (Rollenspiel in einer 3D-Ego-Perspektive) mit Roguelite-Elementen. Es ähnelt klassischen Dungeon-Crawler-Spielen, ist aber im Grunde ein taktisches Deckbau-Spiel. Ganz im Geiste seines großen Bruders dreht sich bei diesem Ableger alles darum, die mächtigsten Kartenkombinationen zu erstellen, die man sich vorstellen kann, und alle Kreaturen, die einem im Weg stehen, mit Leichtigkeit zu vernichten.

Die Prämisse ist, gelinde gesagt, faszinierend, wenn man bedenkt, dass sich Poncle sowie Mitentwickler Nosebleed Interactive (bekannt durch Vostok Inc. und Arcade Paradise ) einem anspruchsvollen Publikum mit hohen Standards stellen, dem es besonders in den letzten Jahren Spielen nicht mangelte. Doch die Studios haben dieses Dilemma zu einer Chance gemacht. Indem sich das Spiel auf das konzentriert, was Vampire Survivors auszeichnet, und aktuelle Deckbuilder und Roguelites sorgfältig untersucht, versteht Vampire Crawlers, wann es das Rad neu erfinden sollte und wann es besser ist, auf Bewährtes zu setzen.

20260427221847 1
Fortführung eines Vermächtnisses

Luca Galante, der Hauptentwickler von Vampire Survivors, hat den Erfolg des Spiels beherzigt, als er über den Namen und die Ästhetik von Vampire Crawlers nachdachte. Im Gespräch mit GameSpot traf der Entwickler schnell die geschäftliche Entscheidung, weiterhin auf der Marke und der Idee aufzubauen, anstatt von Grund auf neu anzufangen.

„Wenn ich so ein Spiel entwickeln und dazu eine neue Markus schaffen wollte, wäre es nur eines unter den Hunderten von Deckbuilding-Spielen, die es schon gibt“, sagte Galante gegenüber GameSpot. „Der Name Vampire Survivors gibt uns die Kraft und die Möglichkeit, den Leuten zu sagen: ‚Das ist ein Vampire-Survivors-Deckbuilder. In diesem Spiel finden sich Elemente, die bereits vertraut sind, und es vermittelt gleichzeitig das Gefühl des Originals.‘“

Mit diesem Ansatz mussten die Teams auch nicht erst neue Schauplätze, Charaktere und Hintergrundwissen entwickeln, bevor sie mit der Arbeit am Spiel beginnen konnten. Für Galante waren die Mechaniken der Hauptfokus. Doch obwohl die Teams auf einen großen Fundus an Assets und Ideen zurückgreifen und diese weiterentwickeln konnten, dauerte die Entwicklung des Ablegers etwa vier Jahre. Wie gegenüber Xbox Wire erklärt wurde, ist Vampire Crawlers Teil dessen, was Poncle intern „Experimente“ nennt, wobei Galante und sein Team Kontakt zu anderen unabhängigen Studios aufnehmen, die an Ablegern arbeiten. Crawlers sah bereits in der Prototypenphase vielversprechend aus und entwickelte sich schneller als alle anderen, wodurch es der erste Ableger war, der offiziell veröffentlicht wurde.

Mit dem Start des Spiels sieht man bereits, dass sich alle getroffenen Entscheidungen lohnen. Egal, wie viele Stunden man in Vampire Survivors verbracht hat, hier fühlt man sich gleich wie zu Hause. Von Charakteren über Texturen bis hin zu Geräuschen – alles greift auf ein bestehendes Universum zurück, und kein Element wirkt fehl am Platz. Bekannte Features, wie die umfangreiche Freischaltliste von Vampire Survivors, sind ebenfalls dabei und warten mit 128 Aufgaben auf, die man im Laufe der Zeit im Auge behalten muss – eine Zahl, die sicherlich noch steigen wird, da Poncle und Co. das Spiel immer weiter erweitern. Dabei werden bekannte Karten, wie der Mad Forest, zu erkundbaren Regionen in der Ego-Perspektive.

Gerade das ist eine wichtige Veränderung. In Vampire Survivors steuert man Charaktere aus der Vogelperspektive, und bewegt sich normalerweise nach links oder rechts, während unzählige Feinde versuchen, einen aufzuhalten. Im Ableger geht man methodischer vor. Im Spiel gibt es eine Minikarte, auf der sowohl die genauen Standorte von Feinden als auch Fragezeichen-Symbole für Geheimnisse, Schatztruhen und andere Artefakte eingezeichnet sind. Natürlich erwarten einen unterwegs auch viele Überraschungen, aber die wichtigsten Informationen sind von Anfang an da. Man kann sich auf jeder Ebene jeder Region Zeit lassen.

Dieser klassische RPG-Ansatz, bei dem man sich Feld für Feld bewegt und die Kamera manuell in eine der vier Richtungen um einen herum drehen muss, hat nicht nur ästhetische Gründe. Er dient als ein Alleinstellungsmerkmal. Im Vergleich zu Spielen wie Legend of Grimrock oder Darkest Dungeon schafft es Vampire Crawlers, einen Mittelweg aus beiden zu gehen. Es werden die Klassiker aufgegriffen, aber nicht ohne moderne Anpassungen, wodurch das Spielgefühl von Survivors beibehalten wird.

„Die Idee entstand daraus, dass man in vielen aktuellen Roguelike-Spielen einen eher rudimentären Entscheidungsbaum vorgesetzt bekommt, der nicht mehr sonderlich interessant ist“, erzählte Galante Xbox Wire. „Das ist zwar ein gangbarer Weg, aber ich wollte etwas erschaffen, das etwas mehr Tiefgang hat, damit dem Erkunden etwas mehr Bedeutung zukommt (aber nicht zu viel, sonst wäre es ja ein Rollenspiel). Es war gar nicht so einfach, sicherzustellen, dass das Erkunden kein zu großer Teil des Spiels wird! Die Dungeons sind hauptsächlich dazu da, interessantere Entscheidungsmöglichkeiten zwischen Kämpfen zu bieten und einem das Gefühl zu verleihen, sich durch eine Welt zu bewegen, in der viele verschiedene Dinge passieren könnten, anstatt nur Menüs durchzugehen.“

Nachdem das Team genau wusste, was es mit dem Konzept eines Blobbers erreichen wollte, entwickelte es neue Ideen, um das rasante Tempo von Vampire Survivors auf den taktiklastigen Ableger zu übertragen. Es lassen sich immer noch Gegenstände wie die „King Bible“ und den mächtigen „Garlic“ finden, aber jetzt musst man auch Positionierung und Deckbau berücksichtigen, da sich die Feinde mit jeder Runde eine Kachel vorwärtsbewegen, wodurch sie schließlich angreifen. Aktionen, die Gegner wegstoßen oder mehrere gleichzeitig angreifen, können einem im Kampf einen enormen Vorteil verschaffen, wenn sie richtig eingesetzt werden.

Dabei setzt das zur Verfügung stehende Mana den eigenen Aktionen Grenzen. Dadurch muss man alles genau abwägen, denn man kann Mana auch einsetzen, um sich Boni zu verschaffen, wie zum Beispiel durch das Ausspielen der „Spinach“-Karte, die 10 % mehr Schaden verleiht. Diese Entscheidung muss man jeden Zug treffen. Jede Einsatzmöglichkeit kann verlockend sein, denn diese Boni können zwar gestapelt werden, doch man verbraucht dabei auch Mana, mit dem sonst Karten ausspielen könnte, die einem einen Schild verleihen, einen heilen oder dem Gegner Schaden zufügen.

Die bekannten Elemente aus Vampire Survivors machen so viel Spaß wie eh und je. Das Öffnen einer Truhe ist nach wie vor lächerlich. Ein Schwall Lichter schießt daraus hervor, untermalt von einem Disko-Song. Solche Momente zeigen deutlich, was Survivors so herausragend gemacht hat. Und es ist interessant, was die Entwickler für den Ableger beibehalten haben.

20260427203817 1
Nicht denken, sondern fühlen

„Ich wollte die Kernprinzipien und -konzepte von Vampire Survivors auf andere Genres übertragen“, sagte Galante gegenüber GameSpot. „Ich habe Vampire Survivors aus Spaß angefangen. Es war etwas, das ich einfach nur für mich gemacht habe. Dass Vampire Survivors einfach zu spielen ist, man sich dabei gut fühlt und Frustration möglichst vermieden wird, ist das, was das Spiel für mich ausmacht. All das wollte ich in Vampire Crawlers übertragen.“

Galante nahm sich dieses Prinzip zu Herzen. Wenn man das Spiel startet, wird man mitten ins Geschehen geworfen. Es gibt kein Tutorial, was dem Spielspaß aber keinen Abbruch tut. Es handelt sich nämlich um ein leicht verständliches Spiel, in dem man anfangs nur erkunden und Karten ausspielen kann. Natürlich gibt es auch schwierige Elemente, besonders, wenn man immer weiter in Regionen mit anspruchsvolleren Feinden vordringt. Dennoch kommt beim Spielen von Vampire Crawlers ein fast Arcade-mäßiges Gefühl auf, das sofort fesselt. Unnötig Komplexes gibt es nicht. Meistens weiß man nicht einmal, wie viele Lebenspunkte ein Gegner noch hat. Dadurch bleiben weniger, aber besser durchdachte Spielmechaniken übrig, die den Einstieg und das Spielen erleichtern.

Auch die Grafik und die Klangkulisse sorgen für ein herausragendes Erlebnis. In Vampire Survivors sorgten Aktionen wie Levelaufstiege und die erwähnte Truhensequenz für einen Dopaminschub, der nie langweilig wurde. Dieses Element wird in Crawlers beibehalten. Selbst einfache Aktionen werden beinahe schon gefeiert, da knallige Farben und auffällige Animationen zum Einsatz kommen, die einem Regen aus Edelsteinen gleichen.

Selbst die neuen Aktionen, wie das Ziehen und Ausspielen von Karten, warten mit fesselndem Feedback auf. Man kann Karten schnell ausspielen, was den Reiz zusätzlich verstärkt. Je sicherer man mit dem aktuellen Deck umgehen kann, desto schneller laufen Kämpfe ab. Dadurch kann man kaum mit dem Spielen aufhören, wenn man gerade einen Lauf hat. Noch schwieriger ist es, keinen neuen Durchlauf anzufangen, wenn man stirbt.

Vampire Survivors hatte einen deutlichen Einfluss auf viele der Roguelites, die in den letzten Jahren beliebt waren. Es ist unmöglich, Spiele wie Balatro und Ball x Pit zu spielen, ohne beim Anblick ihrer grellen Präsentationen und Dopamin-gesteuerten Mechaniken, die an echte Casinos erinnern, an das Spektakel zu denken, das sich beim Öffnen einer Truhe in Vampire Survivors entfaltet. Eine Methode, einfache, gut gestaltete Mechaniken zu verbessern, ist es, wenn sie die Sinne ansprechen. Das hat Vampire Crawlers nur allzu gut verstanden.

Ss 10b3a5d9c7f4a4a58c37a730b6d3992f7f806d42 1920x1080
Neue Wege ebnen

Wie bei jedem anderen guten Roguelite wird Vampire Crawlers schnell zu einem Zahlenspiel. Man kann sich einfach nicht an den immer weiter steigenden Zahlen sattsehen. Der Deckbau-Aspekt ist genau darauf ausgelegt. Verschiedene Charaktere bringen dabei eigene passive Fähigkeiten, Boni und Startdecks mit, um für Vielfalt zu sorgen.

Steigt man im Level auf, fügt man dem Deck eine aus mehreren Karten hinzu. Es gibt auch Spielmechaniken, die den Anpassungsaspekt weiter vertiefen. Etwa die Evolutionen, ähnlich wie bei Vampire Survivors, wenn man verschiedene Karten kombiniert oder ihnen passive Fähigkeiten hinzufügt. Obendrein gibt es eine Stadt, die als Zentrum dient. Hier kann man das mit Mühe verdiente Gold für permanente Verbesserungen, neue Charaktere und vieles mehr ausgeben.

Daher ist es schon überraschend, dass es trotz der Vielzahl an Spielmechaniken in Vampire Crawlers nie zu viel wird. In seinem Gespräch mit Xbox Wire erklärte Galante, es sei sein Ziel gewesen, ein bestehendes Genre – und zwar ein ziemlich beliebtes – aufzugreifen und all das zu entfernen, was ihn normalerweise daran frustriere.

„Ich mag Kartenspiele wirklich sehr, besonders Deckbau-Spiele. Daher bin ich an dieses Spiel aus einer völlig anderen Perspektive herangegangen“, erzählte er Xbox Wire. „Ich habe versucht, all das zu übernehmen, was mir an den Deckbuilding-Spielen, die ich gespielt habe, gefallen hat. Ich habe mich nur auf diese Aspekte konzentriert und alles weggelassen, was ich frustrierend finde. Daher kann man auch so schnell spielen. Wenn ich ein Kartenspiel gut beherrsche, warte ich normalerweise ungern, bis alle Animationen abgeschlossen oder unnatürliche Pausen abgelaufen sind. Ich möchte schnell meine gesamte Hand ausspielen und meinen Zug beenden.“

Vampire Crawlers, das am 21. April veröffentlicht wurde, erreichte laut Poncle in seiner ersten Woche eine Million Nutzer. Diese Zahl außen vor gelassen – bei genauerer Betrachtung des Spiels wird dessen Reiz deutlich. Es gibt zwar viele Deckbuilder und Roguelites, aber nur ein Vampire Survivors. Der Ableger steht als eigenes Werk, indem er sich auf die Stärken und Eigenheiten der bestehenden Spielwelt stützt und Unnötiges entfernt, ohne Komplexität zu opfern. Zusammen mit der bezaubernden Präsentation muss so das Rad nicht neu erfinden werden.

Vampire Crawlers: The Turbo Wildcard from Vampire Survivors ist im Epic Games Store verfügbar.