Screenshot von „The Lucky Carder“ in Inscryption, der den fiktiven YouTuber vor einem Greenscreen zeigt.
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Der Charakter Lucky Carder macht Inscryption zu etwas Besonderem

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Mat Olson
9. Okt. 2023
Screenshot von „The Lucky Carder“ in Inscryption, der den fiktiven YouTuber vor einem Greenscreen zeigt.

Goldzähne fallen klimpernd in die verwitterte Waage, die zwischen euch und eurem Gegner steht. Ihr sitzt in einer muffigen Hütte und spielt ein seltsames Kartenspiel, und auf der anderen Seite des Tisches funkeln nur die Augen eures Widersachers in der Dunkelheit. Die Zähne lassen die Seite der Waage, die eurem Gegner zugeschrieben ist, herabsinken, als Gegenwert für den Schaden, den eure kostbare Karte, eine furchterregende Insektengottheit, verursacht hat. Plötzlich verkündet eine Stimme, weder eure, noch die eures Gegners: „Immer die Gottesanbeterin wählen!“

Inscryption entzieht sich einer einfachen Erklärung. Man kann es nur gebührend würdigen, wenn man es spielt. Der Hit aus dem Jahr 2021 wartet mit plötzlichen, Gänsehaut verursachenden Wendungen, Genrewechseln und ausgefeilten Deckbau-Herausforderungen auf. Dabei erhält das vielschichtige Spiel seine Kohärenz durch eine überraschende Enthüllung, die relativ früh eintritt.

Falls ihr es noch nicht gespielt und keine Lust auf Spoiler habt, dann hört jetzt auf zu lesen. Lest erst weiter, wenn ihr bereit seid, mehr über Luke „The Lucky Carder“ Carder zu erfahren, den Charakter, den Daniel Mullins, der Schöpfer von Inscryption, mithilfe von „Found Footage“-Videos in das Spiel eingebaut hat, um die Handlung zu untermauern und euch tiefer in ihre Geheimnisse eintauchen zu lassen.
 

Wer ist „The Lucky Carder“?


Kevin Saxby als Lucky Carder in Inscryption – 9
Luke Carder wird euch in Inscryption relativ früh vorgestellt, auch wenn ihr es anfangs vielleicht nicht bemerkt. Bis ihr Carder kennenlernt und merkt, dass ihr Inscryption aus seiner Perspektive erlebt, hat das Spiel euch bereits dazu gebracht, Leshy eins auszuwischen, dem unheimlichen Charakter, der euch bis dahin wahrscheinlich bereits mehrmals umgebracht hat. Carder wird von dem in Vancouver lebenden Schauspieler Kevin Saxby gespielt und sein Ausruf: „Ich glaube, ich habe ihn gerade besiegt“ („I think I just beat him!“) leitet den ersten großen Wendepunkt der Geschichte des Spiels ein.

(Zur Information: Ich war auf derselben High School wie Saxby. Wir haben in der Schule zusammen einige alberne Videoprojekte erstellt, aber als ich das erste Mal Inscryption spielte, hatte ich schon mehrere Jahre keinen Kontakt mehr zu ihm.)

Genau wie die meisten Spieler, die sich an Inscryption wagen, wusste auch Saxby nicht, was ihn erwartete, als er für die Rolle des Carder vorsprach. „Ich hatte vorher noch nie für ein Videospiel gearbeitet“, erklärt Saxby in einem gemeinsamen Interview mit Mullins. „Bis dahin hatte ich hauptsächlich im Bereich der Werbung gearbeitet und hatte kleinere Rollen in Fernsehserien.“

Auch Mullins hatte noch nie bei einem Live-Dreh wie dem für Inscryption Regie geführt. Das Spiel war beinah fertiggestellt, als Saxby sich dem Projekt anschloss. „Als ich am zweiten und dritten Teil arbeitete, wurde mir klar, dass das Spiel etwas brauchte, das die verschiedenen Elemente in Einklang bringt“, so Mullins. „Ich hatte schon eine Weile mit dem Gedanken gespielt, Videos in das Spiel einzubauen, und die Idee, der Hauptcharakter könnte ein YouTuber sein, der Kartenpakete öffnet, führte schließlich zu dem Einfall, die Koordinaten des Spiels zu finden. Ab da passte alles zusammen.“
Der Charakter Lucky Carder in Inscryption – PackRat-Karte
Inscryption lässt euch zwischen den Rätseln des Spiels und Carders Bemühungen, diese Rätsel außerhalb des Spiels zu lösen, hin- und herspringen. Carders Geschichte wird mit Handyvideos erzählt, genau wie das bei vielen YouTubern auf The Lucky Carders Niveau der Fall ist.

„Freunde, die bereits für Videospiele gearbeitet hatten, erzählten mir, dass es sich dabei meistens um Motion Capture oder Sprechrollen handelt“, so Saxby. „Selbst nachdem ich Teile des Drehbuchs gelesen hatte, war mir nicht ganz klar, was mich erwartete. Ich hatte noch nie Spiele mit echten Schauspielern gesehen, weil ich selbst eher kein Gamer bin.“

Mullins dagegen hatte bereits Erfahrung mit „FMV“ („Full-Motion Video“). Das Genre beruht auf Filmsequenzen mit echten Schauspielern und hatte seine Blütezeit in den 90er-Jahren, als die CD-ROM als Speicherformat für Spiele eingeführt wurde.

„Damals war ich kein PC-Gamer, sondern eher ein Nintendo-Spieler“, erklärt Mullins. „Aber im Laufe meiner Karriere als Entwickler beschäftigte ich mich mit Spielen wie Command & Conquer, um ein Gefühl dafür zu bekommen.“

Viele der frühen FMV-Spiele hatten sehr kleine Budgets und wirkten deshalb eher kitschig (und sind dementsprechend schlecht gealtert), aber Mullins ließ sich bei der Entwicklung von Inscryption von neueren Titeln inspirieren. Die Werke von Sam Barlow hatten einen großen Einfluss. Barlow erlebte mit dem Spiel Her Story seinen Durchbruch, das beim Independent Games Festival 2016 den Seumas McNally Grand Prize gewann. Im Jahr 2022 wurde auch Inscryption mit diesem Preis ausgezeichnet.
Kevin Saxby als Lucky Carder in Inscryption – 10
„Bei Barlows Spielen kann man das Filmmaterial bis ins kleinste Detail beeinflussen, und es ist ein fast voyeuristisches Gefühl, nicht nur zuzusehen, sondern auch zurückzuspulen und nach Hinweisen zu suchen“, sagt Mullins. „Das fand ich reizvoll und es brachte mich schließlich auf die Idee für mein Spiel. Ich fand es fast noch spannender, die Videos nicht zum Hauptfokus von Inscryption zu machen, sondern sie eines von mehreren Elementen eines vielschichtigen Spiels sein zu lassen, das auch 3D-Modelle und Pixelgrafik enthält.“

Die Hintergründe des Charakters Luke


Als Saxby die Rolle des Luke Carder erhielt, gab es bereits einen Trailer für Inscryption, der die frühe Atmosphäre des Spiels zeigte. Bevor er sich damit beschäftigte, einen Charakter zu spielen, der in die seltsame Welt von Inscryption hineingezogen wird, konzentrierte sich Saxby zunächst darauf, den gewöhnlichen Typen darzustellen, den wir in Carders ersten Videos sehen.

„Ich habe mir Videos von Leuten angesehen, die Kartenpakete öffnen, um die Eigenheiten und das Auftreten dieser YouTuber zu verstehen“, erinnert sich Saxby und schlüpft plötzlich nahtlos in die enthusiastische Persönlichkeit eines Content-Erstellers: „Willkommen auf meinem Kanal, Leute! Heute werfen wir einen Blick auf bla bla bla.“

„Ich musste mich sorgfältig auf diese Rolle vorbereiten und Nachforschungen anstellen, um die Persönlichkeit authentisch zu verkörpern. Am Anfang war mir die Welt der Twitch-Streams und Kartenpaketvideos ziemlich fremd.“
Kevin Saxby als Lucky Carder in Inscryption – 5
Saxby, der neben seiner professionellen Tätigkeit regelmäßig kurze Sketche für Plattformen wie Instagram dreht, sieht sich selbst eher als Komiker denn als Schauspieler und spricht normalerweise nur zurückhaltend über seine Arbeit. („Ich sehe mich nicht als Theaterdarsteller“, sagt er.) Für die Rolle des Carder versuchte er, „die Dinge unkompliziert zu halten“ und so viel wie möglich von sich selbst einzubringen.

„Sofern die eigene Persönlichkeit nicht in Konflikt mit der Rolle in der Geschichte steht, sollte man das tun“, erklärt Saxby. „Ich war ich selbst, aber habe mich angepasst. Ich war ein bisschen aufgeregter, ein bisschen mehr ‚Nerd‘. Ich stellte mir eine Menge Fragen. So gehe ich alle meine Rollen an. Ich versuche, mich in den Charakter hineinzuversetzen, zu verstehen, was er über die Geschehnisse denkt.“

Durch die Art, wie die Dreharbeiten für Inscryption abliefen, und den Spielraum, den er für seine Rolle hatte, konnte Saxby sehr viel enger mit Mullins zusammenarbeiten als mit Regisseuren bei Rollen in Serien wie Batwoman auf The CW oder Resident Alien auf Syfy.

„Wenn man nur für einen Tag in einer Fernsehserie mitwirkt – und ich sage das als jemand mit nur sehr begrenzter Erfahrung –, erhält man keinerlei Gelegenheit, mit dem Regisseur zu sprechen. Der Regisseur hat unheimlich viel zu tun und ist damit beschäftigt, mit den Stars zu arbeiten“, sagt Saxby. „Deshalb hat es mir Spaß gemacht, für Inscryption zu arbeiten, weil ich mehr Spielraum mit meiner Darbietung hatte. Ich hatte an den Drehtagen auch mehr Zeit, mich auf meine Arbeit zu konzentrieren, weil nicht erst ständig 15 Leute irgendetwas absegnen müssen.“
Der Charakter Lucky Carder in Inscryption – Prospector
Mullins hatte ebenfalls Spaß daran, mit Saxby direkt loslegen zu können, auch wenn er gleichzeitig die Entwicklung des Spiels abschließen und an den Details der Handlung feilen musste, um Carder schlüssig einzubauen.

„Zu Beginn der Dreharbeiten war das Drehbuch noch nicht fertiggeschrieben, deshalb ließen wir uns zwischen den Aufnahmen oft einige Wochen oder sogar einen Monat Zeit“, so Mullins. „Es war eine große Hilfe, bereits Filmmaterial zu haben, und es war einfacher, das Drehbuch fertigzustellen, als wir wussten, dass Kevin die Rolle spielen würde.“
 

Von spielerisch zu paranoid


Wir wollen euch nicht zu viele Einzelheiten der Handlung verraten, aber das Abenteuer, das Saxby und Mullins für Luke Carder erschaffen haben, enthält dunklere Elemente als man es vom Leben eines unbekümmerten Gamers vielleicht erwarten würde – unter anderem ein Spiel in einer alternativen Realität („Alternate Reality Game“, ARG), das Mullins für Inscryption entwickelt hat.

Für die FMV-Elemente, die von der positiven Attitüde eines YouTubers abweichen und stärker in Richtung Found-Footage-Horror neigen, mussten sowohl Mullins als auch Saxby ein wenig aus ihrer Komfortzone heraustreten.
Der Charakter Lucky Carder in Inscryption – Uhr
„Jedem Schauspieler liegen andere Dinge im Blut, und für mich persönlich ist es viel einfacher, unbeschwerte Komödien und einfach mich selbst zu spielen“, erklärt Saxby. „Deshalb habe ich sehr viel Respekt vor ‚Scream-Queens‘ und generell Schauspielern, die in Horrorfilmen glaubhaft Opfer oder sogar Nervenzusammenbrüche darstellen, zum Beispiel Toni Collette in Hereditary. Eine solche Leistung ist – ‚Spaß‘ ist vielleicht nicht das richtige Wort – aber auf jeden Fall aufregend.“

„Es ist nicht einfach, eine Situation darzustellen, in der man ernsthaft glaubt, man stünde vor dem Tod“, fährt Saxby fort. „Wenn man so eine Rolle ehrlich spielen möchte, muss man sich bis zu einem gewissen Grad selbst davon überzeugen können, dass die Gefahr real ist. Bloße Gedanken reichen für mich nicht aus, um solche Emotionen zu vermitteln und den Albtraum zu erleben, den Luke durchmacht. Ich muss mein Herz zum Rasen bringen, meine Vorstellungskraft herausfordern.“

„Ich weiß noch, wie Kevin sich für einige Szenen in Stimmung brachte, indem er ‚Ich werde sterben! Ich werde sterben!‘ wiederholte“, erzählt Mullins kichernd. „Ich hatte sehr wenig Erfahrung als Regisseur oder allgemein mit Schauspielern, deshalb sagte ich mir: ‚So ist das wohl, das muss er wohl tun.‘“

Für die Entwicklung des ARG in Inscryption nutzte Mullins die Zusammenarbeit mit Saxby, um Hinweise in die Videos einzubauen, und er reagierte auch auf die Community, die versuchte, die gestellten Rätsel zu lösen. Mullins wollte den Spielern, die seine früheren Spiele wie The Hex gespielt und die ARGs darin gelöst hatten, eine völlig neue Herausforderung bieten.
Kevin Saxby als Lucky Carder in Inscryption – 7
„Es gibt nicht sehr viele Spieler, die das ARG, das ich für The Hex entwickelt hatte, gespielt haben. Schon in der Entwicklungsphase des ARG von Inscryption waren es deutlich mehr. Es war mir wichtig, etwas Neues zu entwickeln, neue Wendungen und Schockmomente einzubauen.

Ich mache mir auch Gedanken darüber, was passiert, wenn das ARG gelöst ist, wenn die Spieler alles herausgefunden haben, was es zu finden gibt – wie fügt es sich danach in die Handlung ein? Einige Spieler werden Videos aufnehmen, in denen sie das Geschehen präsentieren, und ich finde, das gehört zum Erlebnis dazu.“

Es war ein neues Erlebnis für Mullins, ARG-Spielern Hinweise per Post zu schicken, und als zwei Fans beschlossen, in einem Livestream nach den Koordinaten zu suchen, an denen Luke Carder im Spiel seinen Inscryption-Build auf einer Diskette findet, schritten er und Saxby zur Tat. „Die Begegnung der beiden mit Kevin im Wald war völlig ungeplant“, erzählt Mullins. (Die Live-Reaktion der Zuschauer, als die Streamer die „echte“ Inscryption-Diskette entdeckten – und was danach passierte –, solltet ihr euch unbedingt anschauen.)
 

Lukes Vermächtnis


In den Monaten nach der Veröffentlichung von Inscryption im Oktober 2021 erfuhr das Spiel große Resonanz per Mundpropaganda, was schließlich zu mehreren Auszeichnungen als Spiel des Jahres führte. Nun, zwei Jahre später, blickt Saxby ganz besonders gern darauf zurück, wie die Fans von Inscryption nicht nur von dem Spiel, sondern auch von ihm selbst begeistert waren. Über mehrere Monate hinweg veröffentlichte er Livestreams, in denen er Inscryption spielte, die Herausforderungen meisterte und sich gleichzeitig über von Fans erstellte Illustrationen von Luke Carder und anderen Figuren wie Leshy erfreute.
Der Charakter Lucky Carder in Inscryption – Stoat Talking
„Die Community von Inscryption war wirklich warmherzig und begeisternd“, sagt Saxby. „Wenn man bedenkt, wie beliebt das Spiel ist, war es wohl nur ein kleiner Prozentsatz der Community, der sich meine Streams ansah, aber die Leute waren einfach wundervoll und es hat mir großen Spaß gemacht, sowohl Luke Carder als auch Kevin zu sein. Ich spielte das Spiel als ich selbst, und das war ein bewegendes Erlebnis.“

„Ich denke noch heute fast jeden Tag daran zurück“, fährt er fort. „Jedes Mal, wenn ich ein Video einstelle, bekomme ich einen Kommentar auf Instagram in dem jemand sagt ‚Hey, der Typ sieht aus wie Luke aus Inscryption!‘ Das empfinde ich als großes Privileg.“

Mullins, der sich anschickte, direkt nach unserem Interview ein neues Brettspiel mit Saxby auszuprobieren, war ebenfalls sehr zufrieden mit dem Ergebnis ihrer Zusammenarbeit. „Das Ganze hat mir sehr gut gefallen“, erzählt Mullins. „Es hat mir viel Selbstvertrauen gegeben.“

Saxby beichtet Mullins: „Von der Arbeit an dem Projekt habe ich immer noch irgendwie ein Hochstapler-Syndrom. Die Leute fragen mich oft, wann das Spiel auf dieser oder jener Plattform veröffentlicht wird oder wann ein Brettspiel erscheint, und ich antworte ihnen immer, dass sie das den King fragen müssen, das Genie hinter dem Projekt.“

Mullins antwortet: „Also, was das Hochstapler-Syndrom angeht, muss ich sagen, dass du ein wesentlich professionellerer Schauspieler warst als ich ein Regisseur. Ich war wirklich beeindruckt.“

Er fährt fort: „Es gab einen sehr witzigen Moment, als wir eine Szene im Wald drehten. Wir nahmen die Kamera ab und wollten uns ansehen, was wir gefilmt hatten, aber das Video war weg. Es war wie ‚Was soll das denn jetzt? Ich habe doch auf den Aufnahmeknopf gedrückt!‘“
Kevin Saxby als Lucky Carder in Inscryption – 6
Mullins und Saxby lachen los. „Die Kamera war auf meinem Kopf fixiert“, erzählt Saxby. „An der Vorrichtung, die wir dafür verwendet hatten, war eine Klemme, die ständig auf den Stopp-Knopf drückte.“

Mullins fügt hinzu: „Nicht nur das. Die gesamte Prämisse … In der Szene hält Luke eine Lampe und eine Schaufel, er muss also eine Kopfhalterung gekauft haben, um das filmen zu können. Das ist ziemlich lächerlich.“

Lächerlich? Ja, aber es sind genau solche Details, die Luke Carder real erscheinen lassen, wie jemand, der in die Geschichte von Inscryption hineingezogen wurde, weil er einfach zu neugierig war. Jedenfalls zu neugierig, um eine im Wald vergrabene Diskette einfach liegen zu lassen.

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