
SILENT HILL f – eine krasse Mischung aus Alt und Neu sowie Schönheit und Horror

/p/silent-hill-2-4542c7Seit der Edo-Zeit treffen sich die Samurai in den heißesten Sommermonaten Japans, um sich beim Kabuki-Theater zu gruseln und sich mit schaurigen Geistergeschichten „abzukühlen“. Im Land der aufgehenden Sonne glaubt man, dass die Toten bei diesen hohen Temperaturen in die Welt der Lebenden zurückkehren, was den Sommer dort zu einer Art Halloween macht. Während ich SILENT HILL f bei 35 Grad in Tokio spielte, drehte der Publisher Konami Digital Entertainment (KONAMI) zum Glück trotzdem die Klimaanlage auf, sodass ich mich zur Abkühlung nicht gruseln musste.
SILENT HILL f ist eine gewagte, aber erfrischend originelle Interpretation der beliebten Spielreihe. Es enthält eine wichtige Botschaft, anspruchsvolle Themen und eine Kulisse, die sich von den meisten anderen virtuellen Schauplätzen in Videospielen unterscheidet. Das Überraschendste an SILENT HILL f ist jedoch vielleicht, dass es überhaupt existiert.
Es passt irgendwie, dass ich SILENT HILL f während des Sommerfestes Obon spielte, bei dem die Seelen der Verstorbenen nach Hause zurückkehren, denn viele Jahre lang sah es so aus, als wäre SILENT HILL auch für immer verschwunden. Da sich KONAMI jahrelang fast vollständig aus dem Videospielgeschäft zurückgezogen hatte, befürchteten die Fans der Reihe das Schlimmste. Zum Glück hat sich das alles im letzten Jahr geändert.
Mit SILENT HILL: The Short Message wurde Anfang 2024 die Neuauflage der legendären Serie gestartet. Das später im selben Jahr erschienene, vielgelobte Remake von SILENT HILL 2 bewies, dass die Liebe der Fans nach wie vor groß ist. Dabei wurde dem PS2-Klassiker vom polnischen Entwickler Bloober Team neues Leben eingehaucht. Jetzt, da das Interesse der Spieler wieder geweckt ist, wagt SILENT HILL f einen mutigen neuen Schritt mit der bahnbrechenden Horrorreihe – und zwar gen Osten.
Zum ersten Mal in der Geschichte der Reihe haben KONAMI und der Entwickler NeoBards es gewagt, SILENT HILL aus der gleichnamigen US-Stadt in das ländliche Japan zu verlegen. SILENT HILL f tauscht die malerische Ferienregion in Maine gegen eine verfallende japanische Bergstadt ein und versetzt euch in die 1960er Jahre. Ihr schlüpft in die Rolle der unglücklichen Teenagerin Shimizu Hinako, die in der unerklärlich nebelverhangenen Stadt Ebisugaoka ums Überleben kämpft, wobei die Situation von Tag zu Tag beunruhigender wird.
„Die Handlung von SILENT HILL spielte von Anfang an immer in der gleichnamigen Stadt. Für das neue Projekt sollte es jedoch etwas anderes sein und daher suchten wir nach einer neuen Kulisse, wo wir die Story und das Gameplay ansiedeln konnten“, so der Produzent der Serie, Motoi Okamoto. „Deshalb wollte ich das Setting ändern, um frischen Wind reinzubringen.“
Dieser Schritt hat sich zweifellos ausgezahlt. Die fiktive Stadt Ebisugaoka ist ein wunderschöner und absolut einzigartiger virtueller Ort. Inspiriert von einer echten japanischen Stadt namens Kanayama wollten die Entwickler deren labyrinthartige Straßen und Gassen nachbauen und die klaustrophobische Atmosphäre dieser Orte verstärken, um maximale Spannung zu erzeugen. Trotz der langen Tradition und der engen Verbindung von Videospielen zum Land der aufgehenden Sonne gibt es nur wenige Titel, in denen ihr das heutige ländliche Japan erkunden könnt. Während man in letzter Zeit viele Stunden damit verbringen konnte, in westlichen Samurai-Spielen wie „Assassin's Creed Shadows“ und „Ghost of Tsushima“ Ronin zu bekämpfen, sind japanische AAA-Titel, die in Japan spielen, eine Seltenheit – ganz zu schweigen von solchen, die eine ländliche Stadt in den 1960er Jahren als Schauplatz haben.
„Auch wenn japanische Horrorspiele vielleicht etwas an Popularität verloren haben, glaube ich, dass Titel, die in Japan spielen, in den letzten Jahren definitiv mehr Leute angezogen haben“, meint Okamoto. „Im letzten Jahrzehnt gab es keine großen Veröffentlichungen von Horrorspielen aus Japan oder mit einem japanischem Setting, also war das definitiv ein Risiko. Aber wer nichts wagt, der kann auch nichts gewinnen ... Deshalb beschlossen wir, voll auf den japanischen Horroraspekt zu setzen.“
Selbst im Kino ist japanischer Horror nicht mehr so angesagt wie früher. Während man in den Yakuza-Spielen in neonbeleuchteten Nachbildungen von Osaka gegen Schläger kämpft, spürt man in dieser aufwendig gestalteten Stadt aus den 1960er Jahren eine echte Ruhe und Charakterstärke. SILENT HILL f ist ein wunderschöner Titel, der wie kaum ein anderes Spiel der letzten Zeit mühelos eine gewisse Stimmung und Atmosphäre vermittelt. Ich werde sofort dazu verleitet, mich an jeder ruhigen Straßenecke umzusehen, jeden Inari-Schrein zu besuchen, jedes liebevoll geschriebene Kanji zu lesen und die makellosen Schiebetüren jedes unheimlich stillen Gebäudes zu öffnen.
Es dauert aber nicht lange, bis ich diese unheimliche Schönheit hinter mir lasse und Hinakos gruseliger Stadtspaziergang zu einem Kampf um ihr Leben wird. Als ein schrecklicher Nebel über die zuvor ruhige Stadt hereinbricht, bewegen sich marionettenartige Wesen mit herzzerreißender Boshaftigkeit zitternd und zuckend auf Hinako zu. Die Erwachsenen der Stadt sind nirgends zu finden. Nun entdecken Hinako und ihre Freunde an jeder Ecke Monster, und Ebisugaoka wird langsam von roten Pflanzen befallen. Dabei breiten sich ihre faszinierenden purpurroten Blüten wie Ranken über die Straßen aus und versuchen, sich um Hinakos Beine zu winden und sie festzuhalten.
Da das Spiel nicht mehr in den USA spielt, findet man in SILENT HILL f auch keine Schusswaffen. Stattdessen verteidigt sich unsere Heldin mit allem, was sie so findet – Dolche, Baseballschläger, Stahlrohre und Sensen. Während ich einer Messerklinge ausweiche und im letzten Moment einen Angriff kontere, fühlt sich der spannende Nahkampf ein bisschen wie in Dark Souls des Studios „FromSoftware“ an.
Laut dem Gameplay-Lead des Entwicklers war die Hauptinspiration für das Kampfsystem in „f“ aber nicht Hidetaka Miyazaki, sondern die Vergangenheit der Reihe. „Da es sich um eine neue Interpretation von SILENT HILL handelt, sahen wir uns alle älteren Teile noch einmal an”, berichtet Al Yang, Game Director bei NeoBards, dem Studio, das das Spiel zusammen mit KONAMI entwickelt. „Für das Team und mich hatten SILENT HILL 1 und SILENT HILL 4 den größten Einfluss auf das Gameplay. Der vierte Teil ist ein sehr auf Nahkampf ausgerichteter Titel, daher wollten wir die Spannung und das Tempo dieses Spiels übernehmen, es jedoch moderner gestalten.“
SILENT HILL f ist also ein Titel, bei dem jeder Aspekt für Stress sorgt. Ihr müsst nicht nur eure Ressourcen verwalten, sondern auch die Haltbarkeit eurer Waffen im Auge behalten. Findet dafür unbedingt ein Werkzeugset, um eure Waffen zu reparieren, bevor sie kaputtgehen. Die arme Hinako muss sich zudem um ihre seelische Gesundheit kümmern. Während sie immer mehr albtraumhaften Kreaturen begegnet und mitansehen muss, wie ihr Zuhause in der Dunkelheit versinkt, liegt es an euch, auf ihren psychischen Zustand sorgfältig zu achten. Mithilfe der „Sanity“-Anzeige kann Hinako Angriffe verlangsamen und überlebenswichtige Fokusangriffe ausführen – wird sie jedoch währenddessen getroffen, verfällt sie in eine Panik, die ihre Gesundheit beeinträchtigt.
„Viele Leute sagen, dass sie die Schreckensmomente in Horrorspielen wirklich genießen“, sagt Yang, „aber damit meinen sie wahrscheinlich eher, dass sie die Spannung toll finden, die diese Titel vermitteln. Daher sind Ressourcen für uns sehr wichtig. Ihr könnt die Haltbarkeit der Waffen und eure Gesundheitsanzeige sehen, was echt wichtig ist, weil ihr so wisst, wie knapp eure essenziellen Ressourcen sind. Denkt ebenfalls daran, dass eure Inventarplätze begrenzt sind. Ihr kennt also die Gefahr, wisst aber auch genau, wo eure Grenzen liegen, wie nah ihr dem Tod seid und wie knapp eure Ressourcen sind. Genau das sorgt für Spannung. Man kann vielleicht vorhersagen, was um die Ecke auf einen wartet, aber man ist sich nicht ganz sicher, ob man darauf vorbereitet ist oder nicht.“
Die ersten Level sind wie ein vertikales Labyrinth aufgebaut, was auf Japanisch „Kinkotsu“ heißt, und sorgen beim verzweifelten Versuch von Hinako, aus der Stadt zu fliehen, für ein klaustrophobisches Gefühl. Während Ebisugaoka immer mehr im Nebel verschwindet, bringt jeder Schritt unbekannte Gefahren mit sich, wie zum Beispiel Blumen und Marionettenmonster. Enge Dorfstraßen weichen nebligen Reisfeldern, gruseligen Klassenzimmern und schauerlich verlassenen Schreinen. Besonders unheimlich ist ein Abschnitt, in dem ihr Spritzen aus einem Feld voller Sensen schwingender Vogelscheuchen holen müsst. Man weiß nie, welche der statischen Vogelscheuchen plötzlich zum Leben erwacht und euch angreift und welche euch weiterhin mit leeren Augen anstarren.
Zum Glück gibt es einen Ort, an dem Hinako immer eine Verschnaufpause einlegen kann. Überall auf den überwucherten Pfaden und gepflasterten Straßen findet man zahlreiche Inari-Schreine. Diese sind in Ebisugaoka nicht nur dekorativ, sondern dienen auch als Zufluchtsort. Ihr könnt an jedem kleinen Shinto-Schrein (Hokora) anhalten und euer Spiel speichern, um einen Moment lang durchzuatmen und gleichzeitig eure eigenen heiligen Opfergaben darzubringen. Diese sind nicht nur ein netter narrativer Touch, sondern verbessern auch Hinakos Überlebenschancen. Für jeden heilenden und ausdauerauffüllenden Gegenstand, den ihr entdeckt, habt ihr die Wahl, ihn entweder in eurem Inventar zu behalten, um ihn im Kampf einzusetzen, oder ihn an Schreinen gegen Glaubenspunkte einzutauschen. Mit diesen Glaubenspunkten könnt ihr ausrüstbare Omamori-Charms kaufen, die bestimmte Werte verbessern. Während eurer Reise findet ihr zudem sorgfältig versteckte Ema-Charms aus Holz, mit denen ihr in Kombination mit Glaubenspunkten zusätzliche Fähigkeitsslots freischalten könnt.
Während NeoBards maßgeblich an den spannenden Spielmechaniken von SILENT HILL f beteiligt war, beauftragte KONAMI den bekannten japanischen Horrorautor Ryukishi07 mit dem Schreiben des fesselnden Drehbuchs für das Spiel. „Wir sind echt froh, dass wir mit Ryukishi07 einen so talentierten Schriftsteller an Bord haben“, sagt Okamoto.
Wie jedes gute Horrorwerk ist auch SILENT HILL f voller spannender und glaubwürdiger Ereignisse. Die Handlung spielt in den 1960er Jahren. Das Thema Geschlechterrollen zieht sich wie ein roter Faden durch SILENT HILL f, da diese Zeit mit dem Aufkommen der Frauenrechtsbewegung in Japan zusammenfällt. Hinako flieht vor ihrem alkoholkranken und gewalttätigen Vater und wird noch dazu von ihren Klassenkameraden verspottet, weil sie nicht weiblich genug ist. Unter der Oberfläche des Fantasy-Horrors von SILENT HILL f verbirgt sich also auch eine dunkle Geschichte über Frauenfeindlichkeit, Wut und Eifersucht.
„Das Thema Geschlecht spielt in der Story eine große Rolle – aber wir wollen nicht zu viel über die Handlung verraten …“, so Okamoto. „Allerdings wollte Ryukishi07 diesen Aspekt unbedingt aufgreifen. Es war also eine bewusste Entscheidung, uns auf die Protagonistin und diese Thematik zu konzentrieren.“
Ryukishi07 ist bekannt für Visual Novels wie „Higurashi“ und „Umineko When They Cry“. Seine Werke verbinden schon immer gruseligen Horror mit etwas Menschlichem. Er ist selbst bekennender Gamer und hat sich für seinen Künstlernamen sogar von seiner Liebe zu Final Fantasy inspirieren lassen: „Ryukishi“ kommt von Dragoon und „07“ von der Figur Lenna aus Final Fantasy V. Als er erfuhr, dass SILENT HILL f in Japan spielen würde, meinte er, dass er eine Weile brauchte, um sich von allem zu lösen, was er über SILENT HILL wusste. Was soll man von einem SILENT HILL-Titel halten, der nicht in der gleichnamigen Stadt spielt?
„Ich musste mich erneut mit der Frage beschäftigen, was ein SILENT HILL-Spiel ausmacht, und entschied mich dann, mich auf die innere Angst der Charaktere zu konzentrieren“, erklärt Ryukishi07. „Ich fand, dass jede Umgebung wie SILENT HILL wirken kann, solange diese Elemente berücksichtigt werden und man diesen psychologischen Aspekten treu bleibt, egal ob in Japan, anderswo oder sogar in der Vergangenheit.“
Während Hinako und ihre Freunde mit ansehen müssen, wie ihr Zuhause langsam von der Dunkelheit verschluckt wird, findet sich die Protagonistin an bestimmten Stellen der Geschichte auch in einer surrealen, magischen Welt wieder. In diesem jenseitigen Universum, in dem sie von einem mysteriösen Mann mit einer Fuchsmaske geführt wird, ist Hinako ganz auf sich allein gestellt. Während sie durch verlassene Schreine und alte Gebäude wandert, steigern diese Abschnitte den Horror, wobei regelmäßig eine Puppe aus ihrer Kindheit erscheint, um Hinako ernste Warnungen zu geben und sie wieder in die Realität zurückzuholen. SILENT HILL f wechselt geschickt zwischen surrealen und echten Momenten, wobei schreckliche Bosskämpfe in der Albtraumwelt die Spannung zwischen Hinakos Freunden und ihrem Familienleben in der realen Welt widerspiegeln.
„Bei der Erstellung dieses Spielskripts wollte ich vor allem alltägliche Situationen einbauen, die jeder nachvollziehen kann“, sagt Ryukishi07. „Ich kann meine Hauptinspirationen für die Geschichte nicht verraten, ohne für Spoiler zu sorgen. Aber beim Spielen dürfte das alles sicherlich klarer werden.“
Während ihr die schrecklichen Details über Hinakos Vergangenheit und die Ereignisse, die zur Zerstörung ihres Zuhauses geführt haben, aufdeckt, spiegeln sogar die Rätsel, die ihr löst, die Psychologie der Charaktere und die Umgebung wider. Von einem „Brotbüchsenrätsel“, bei dem ihr tief in Hinakos durch Unsicherheit geprägte Psyche eintaucht, bis hin zu einer frühen Reise durch Omamori-Charms, die die schwierige Beziehung ihrer Heimatstadt zur Religion widerspiegeln, sind die Rätsel in SILENT HILL f faszinierend abstrakt. Hinako macht sich auch immer wieder Notizen in einem Tagebuch. Jedes Mal, wenn ihr etwas über eine neue Figur, einen neuen Ort oder neue Ereignisse erfahrt, haltet ihr dies in Form von wunderschön illustrierten Einträgen in eurem Tagebuch fest.
Dadurch werden alle Facetten von Ebisugaoka überzeugend zum Leben erweckt – die lange Geschichte der Stadt und die komplizierten Beziehungen ihrer Bewohner. Okamoto wollte unbedingt, dass der Ort fast wie eine eigenständige Figur wirke. „Da es sich um einen SILENT HILL-Titel handelt, muss sich das Spiel natürlich auf die Psyche einer bestimmten Figur konzentrieren, weshalb es so stark auf Hinako ausgerichtet ist“, erklärt Okamoto. „In diesem Spiel wird jedoch deutlich, dass nicht nur sie von den Monstern angegriffen wird, sondern dass diese Ungeheuer und die damit einhergehenden Veränderungen auch ihre Heimatstadt zerstören. Das ist also eine bildliche Art zu sagen, dass die Monster nicht nur Hinako attackieren, sondern auch einen Teil ihrer Heimatstadt, einen Teil ihres Lebens.“
Apropos Monster: Die Gegner, denen ihr in SILENT HILL f begegnet, sind ein verstörender Mix aus lebendigen Albträumen. Neben den bereits erwähnten Marionetten kämpft Hinako gegen empfindungsfähige Vogelscheuchen, riesige, mit Schwertern bewaffnete Kreaturen und sogar schleimige, zweibeinige Wesen, die aus einer Ansammlung menschlicher Gesichter bestehen. Diese albtraumhaften Geschöpfe sind alle das Werk der japanischen Künstlerin „kera“. Bekannt für ihre Entwürfe für die Visual Novel „Spirit Hunter“ und Square-Enix-Spiele wie „Romancing SaGa“ und „Lord of Vermilion“, tragen ihre beunruhigenden Designs dazu bei, den surrealen Horror von SILENT HILL f zu etwas ebenso Kunstvollem wie Verstörendem zu machen. Während das Böse diese einst ruhige Stadt immer mehr in seinen Bann zieht, verwandeln sich die makabren Kreaturen, denen ihr ausgesetzt seid, in immer abscheulichere Gestalten und bleiben die ganze Zeit über einzigartig und beunruhigend.
„Wir sind echt froh, dass wir mit „kera“ zusammenarbeiten konnten, die für das Charakter- und Monsterdesign zuständig war“, sagt Okamoto. „Ihre Entwürfe und unsere Vorschläge sorgten für eine ganz besondere Mischung aus Schönheit und Terror. Dies ist eines der Themen, die in japanischen Horrorfilmen häufig vorkommen: Man nimmt zwei gegensätzliche Elemente und kombiniert sie irgendwie miteinander. In diesem Fall konnten wir sowohl schöne als auch grausame und groteske Aspekte miteinander verbinden und so eine ganz besondere und unheimliche Art von Ästhetik schaffen.“
Wie seine Vorgänger lässt sich auch SILENT HILL f mehrmals durchspielen, wobei jede neue Reise durch Hinakos albtraumhafte Welt neue Story-Schnipsel enthüllt – und so ihr makaberes Geheimnis langsam lüftet. Die Fans unter euch werden sich darüber freuen, dass SILENT HILL f fünf verschiedene Enden hat, darunter auch das für die Reihe typische absurde UFO-Ende. Wie mir der Autor Ryukishi07 verriet, wollte er, dass ihr SILENT HILL f mehrmals durchspielt, und vermied bewusst eine klare moralische Wertung, damit es kein eindeutig gutes oder schlechtes Ende für Hinakos Geschichte gibt. Ähnlich wie der Nebel, der ihr Zuhause umhüllt, besteht auch die Moral von SILENT HILL f aus vielen Grautönen.
Damit jeder neue Durchgang bei jeder Rückkehr nach Ebisugaoka spannend bleibt, führen Hinakos Handlungen und Entscheidungen zu unterschiedlichen Bosskämpfen und bringen zusätzliche sammelbare Hintergrundinformationen, verzweigte Pfade und völlig neue Handlungsstränge ans Licht.
Das Ganze dient dazu, das Tempo gleichmäßig zu halten. Sowohl Yang als auch Ryukishi07 denken, dass echter Horror auf Spannung und Überraschungen basiert und nicht nur auf billigen Schreckmomenten. „Wenn alles gleich ist, kann nichts richtig auffallen“, meint Yang. „Das war für uns ein wichtiger Punkt.“ Japanische Horrorsimulationen sind eher langsam und setzen mehr auf Atmosphäre. Es ist nicht so, dass es keine Action gibt, aber für uns war es am wichtigsten, uns wirklich auf dieses Gefühl der Angst zu konzentrieren – also die Kombination aus Ästhetik und Terror. Das ist einer der Hauptgründe, warum wir das Tempo etwas drosseln und den Spielern diese langsame Spannung bieten wollten.“
Diese Stimmung spiegelt sich auch im meisterhaften Soundtrack von SILENT HILL f wider. Während fast alle Beteiligten von SILENT HILL f noch keine Erfahrung mit der Reihe hatten, wurde der Soundtrack von Serien-Veteran Akira Yamaoka komponiert. Unterstützt wurde er dabei von Kensuke Inage, der ebenfalls zum ersten Mal dabei ist. Für die „Fog World“ ist Yamaoka zuständig, während Inage die Musik für die „Otherworld“ schreibt. Dass zwei verschiedene Komponisten am Spiel arbeiten, soll den Kontrast zwischen den beiden Welten betonen.
Yamaoka komponiert bereits seit 1999 Musik für SILENT HILL und bekam jetzt zum ersten Mal die Chance, einen eindeutig japanisch klingenden Soundtrack zu erschaffen.
„Ich finde, dass die Musik für SILENT HILL schon immer einen starken japanischen Einfluss hatte“, betont Yamaoka, „nur wurde bei den früheren Titeln das Klangerlebnis so angepasst, dass es für westliche Spieler besser zugänglich und verständlich war. Für SILENT HILL f machte ich jedoch all diese Anpassungen rückgängig und ging von einer rein japanischen Perspektive aus, sodass das Ergebnis im Vergleich zu meinen früheren Werken eher eine unverfälschte Erfahrung ist. Zwar kamen diesmal einige neue Instrumente hinzu, doch im Großen und Ganzen hat sich nichts geändert. Es geht weniger um die eingesetzten Mittel als vielmehr um das Tempo und den Charakter der japanischen Klänge.“
Yamaoka zufolge wollte er mit dieser Musik das japanische Konzept des Wabi-Sabi einfangen, also das Gefühl, sich auf die Stille und den Trost einer Umgebung zu konzentrieren. Es war wichtig, sowohl die Geräuschlosigkeit als auch die Spannung zu verstärken, um den von Angst geprägten Ton dieser nachdenklichen Geschichte aus den 1960er Jahren zu unterstreichen. Das ist eine Stimmung, die man sofort hört, wenn auch nicht sofort einordnen kann. Schon in der Eröffnungsszene des Spiels sorgt die Musik mit melancholischer Gitarre, dröhnenden traditionellen Trommeln und Flöten, gemischt mit einem düsteren Refrain eines Kinderchors, für eine unheimliche Atmosphäre. Die langgezogenen Töne wecken Neugier, bevor sie sich zu einem beunruhigenden Crescendo entwickeln. Ähnlich wie bei SILENT HILL f, wo sich Spannung und eine gefühlvolle Erzählung die Waage halten, ist auch hier die Balance zwischen unheimlicher Stille und allumfassendem Sound perfekt getroffen.
Für viele Gamer ist die Spielreihe vor allem durch ihren herausragenden zweiten Teil ein Begriff. Da das Remake von Bloober Team sowohl von der Kritik gefeiert wurde als auch kommerziell erfolgreich war, wird der Schatten, den SILENT HILL 2 auf die Reihe wirft, immer größer – und Okamoto ist sich dieser Herausforderung nur allzu bewusst. „Als Produzent der SILENT HILL-Serie nahm ich vor der Entwicklung der Fortsetzung alle bisherigen Titel unter die Lupe und bin persönlich der Meinung, dass SILENT HILL 2 in Bezug auf den Inhalt der Geschichte ein wichtiger Meilenstein ist. Doch wenn man einfach nur eine Kopie davon produziert, werden die Spieler schnell die Lust an dem Projekt verlieren. Anstatt also lediglich den Inhalt zu kopieren, versuchen wir, das Spiel so vielseitig wie möglich zu gestalten. Im Fall von SILENT HILL f war dies der Grund, warum wir Ryukishi07 als Drehbuchautor engagierten. Wir versuchen, neue Dinge auszuprobieren und die Reihe mit neuen Ideen zu bereichern, um SILENT HILL einen frischen Anstrich zu verpassen.“
Doch nicht nur Hinakos Angriffe sind beeindruckend – auch KONAMI hat das Schicksal von SILENT HILL f vergleichsweise unerfahrenen Leuten anvertraut, was sie mit der tragischen Heldin des Spiels gemeinsam haben. NeoBards wurde 2017 von einer Gruppe von Branchenveteranen gegründet und hat sich schnell als zuverlässiger Anbieter von Portierungen und Support etabliert. So hat das Team bereits mit Capcom an Dead Rising Deluxe Remaster und Mega Man Battle Network Legacy Collection gearbeitet und war an Marvel's Avengers und Final Fantasy VII Rebirth von Square Enix beteiligt. Allerdings ist SILENT HILL f das erste große Spiel, bei dem sie als Hauptentwickler dabei sind – und mit einer Bewertung von 86 auf Metacritic zum Zeitpunkt des Verfassens dieses Artikels sieht es so aus, als hätte sich diese Zusammenarbeit gelohnt.
„Da dies das erste traditionelle Horrorspiel von NeoBards ist, sind wir echt dankbar für das unglaublich positive und kritische Feedback und wollen diese Erfahrungen für die Zukunft mitnehmen“, meinte Yang als Reaktion auf die Bewertungen vor der Veröffentlichung des Spiels. „Wir möchten uns besonders bei KONAMI dafür bedanken, dass sie uns das Vertrauen geschenkt haben, einen Beitrag zu einer so legendären Serie zu leisten.“
Diese Meinung teilt auch Okamoto, der seit 2019 als SILENT HILL-Verantwortlicher bei KONAMI arbeitet. Inzwischen sind sechs Jahre vergangen, und die Wiederauferstehung der Reihe hat die kühnsten Träume vieler Fans übertroffen.
„Wir sind echt zufrieden mit dem, was wir bisher erreicht haben, und wie die Leute darauf reagieren“, sagt Okamoto mit einem Lächeln. „Wir hätten einfach ein Remake herausbringen können, was sicher einige eingefleischte Fans angezogen hätte, aber das wäre dann auch schon alles gewesen. Stattdessen hatte ich eine langfristige Vision im Kopf. Dieses Projekt sollte nicht nur eine einmalige Angelegenheit sein, sondern Teil einer linearen Entwicklung mit weiteren Folgen. Vor drei Jahren durfte ich dann mehrere Titel ankündigen.“
Vor Kurzem haben wir sogar ein Remake von SILENT HILL 1 angedeutet. Jetzt dürfte auch der skeptischste Fan wissen, dass wir noch mehr Fortsetzungen für SILENT HILL im Köcher haben.