
Auch im Jahr 2025 ist und bleibt Cyberpunk 2077 unerreicht

Nur wenige Spiele sind so ein Meisterwerk der Wiedergutmachung wie Cyberpunk 2077. Die Geschichte über seinen problematischen Start ist wohlbekannt, doch eins steht fest: Auch im Jahr 2025 bleibt es absolut überragend.
Abgesehen davon, dass es auf jeder Plattform besser läuft als je zuvor, ist Cyberpunk 2077 der Inbegriff eines Rollenspiels, denn es bietet euch eine Welt, in der ihr leben könnt. Wenn ihr durch die Straßen von Night City lauft oder im DLC Phantom Liberty den Bezirk Dogtown erkundet, wird es euch so vorkommen, als könntet ihr das von Straßenverkäufern feilgebotene Essen riechen und die Regentropfen auf eurer Haut spüren.
Wer auf PC zockt, hat das allerbeste Spielerlebnis, denn fast fünf Jahre nach seiner Veröffentlichung ist Cyberpunk 2077 ein technisches Wunder. Obwohl ich es auch schon auf Konsole gespielt habe (darunter die Version für die Nintendo Switch 2), erlebe ich es am liebsten auf PC: Nichts ist entspannender, als alleine durch Night City zu streifen, während meine Kopfhörer und ein Ultrawide-Monitor mir das Gefühl geben, ich sei in meiner Wohnung in irgendeiner anrüchigen Ecke der von CD Projekt Red erschaffenen Welt.
Im Folgenden nenne ich euch vier Gründe, warum Cyberpunk 2077 selbst Jahre nach seiner Veröffentlichung immer noch unerreicht ist.
Endlos viele Möglichkeiten zum Rollenspiel

Wie bereits erwähnt ist Cyberpunk 2077 genau die Sorte RPG, zu der Genre-Klassiker wie Baldur's Gate 3 aufgestiegen sind: Es hat Biss und macht süchtig.
Der Hauptcharakter heißt V und ist ein unbeschriebenes Blatt, aber Letzteres könnt ihr sowohl vor Beginn des Abenteuers als auch während eurer Zeit in Night City ganz einfach ändern – dank kleiner spielbarer Auftakt-Sequenzen sowie einer Vielzahl an Werten und visuellen Merkmalen, die ihr nach Herzenslust anpassen könnt.
In einem Spieldurchlauf wählte ich den Konzerner V aus. Er wurde von den größten Konzernen in Night City durchgekaut und ausgespuckt und ist deswegen ausgesprochen reizbar unterwegs.
Bei einer der ausschlaggebenden Missionen in Phantom Liberty ging eine Infiltration schief und ich musste ein paar Wachen mit tödlicher Präzision ausschalten. Es gab keine Aufforderung à la „Wählst du Weg A (Gewalt) oder Weg B (Stealth)?“ – das Szenario entfaltete sich einfach so.
Ich hatte die Mission schon mindestens zweimal durchgespielt und dachte mir dieses Mal relativ wenig dabei, bis mein V später von Security-Leuten aus dem Gebäude eskortiert wurde. Ein besonders kräftiger Wachmann fragte mich, ob ich für den Tod seiner Kameraden verantwortlich sei. Daraufhin erhielt ich nicht nur ein gänzlich neues Dialogszenario, das ich noch nie zuvor gesehen hatte, sondern konnte sogar eine Konzerner-Antwort auswählen, die ich nicht verraten werde (es sei nur so viel gesagt: sie war nicht nett).
Der darauffolgende Krawall war genauso mitreißend wie die ihm vorangegangene Mission. Und das Beste daran? In Cyberpunk 2077 gibt es Dutzende dieser scheinbar unbedeutenden Entscheidungen und ich verbringe gern Jahre damit, sie alle aufzuspüren.
Eine Geschichte voller großer Momente

Die Geschichte von V entfaltet sich innerhalb einer größeren Geschichte rund um die Megakonzerne, die Night City beherrschen (in der Erweiterung wird sogar die Präsidentin der Neuen Vereinigten Staaten von Amerika in die Geschehnisse verwickelt). Dennoch ist sie zutiefst persönlich.
Na klar, der anfängliche Einbruch bei der Arasaka Corporation ist spannungsgeladen, doch was als der raffinierte Sci-Fi-Einbruch beginnt, von dem wir alle immer schon geträumt haben, verwandelt sich schnell in einen düsteren, unheimlichen Trip in die Unterwelt von Night City. Hier seht ihr, wie Ripperdocs ihre medizinische Macht missbrauchen, und erlebt quasi einen Snuff-Film in Egoperspektive. Kurz gesagt: Cyberpunk 2077 ist nichts für schwache Nerven.
Ich gebe mein Bestes, um diesen Artikel frei von Spoilern zu halten, weil es grausam wäre, euch einen der großen Momente in der Geschichte von Cyberpunk 2077 zu verderben. Deshalb nur so viel: In der Mitte des Spiels wird ein Akt des Inlandsterrorismus mit dem Hacken der berühmt-berüchtigten Blackwall auf eine Art und Weise verwoben, die Chaos- und Horrorelemente so geschickt miteinander verknüpft wie kein anderes Spiel je zuvor.
Man kann durchaus sagen, dass ein Spieldurchlauf in Cyberpunk 2077 (egal, wie ihr ihn angeht) reicht, um euch ein Stück weit zu verändern – so übertrieben das auch klingen mag.
Es gibt zwar auch andere Sci-Fi-RPGs, aber keins davon bietet eine vergleichbar schmutzige, sonderbare, traumartig wirkende Welt, die sich so surreal und gleichzeitig so vertraut anfühlt wie die in Cyberpunk 2077.
Night City ist der wahre Star des Spiels
Der Hauptschauplatz von
Cyberpunk 2077 erstreckt sich sowohl in die Höhe als auch in die Breite und ist – obwohl dort scheinbar so viel Grausamkeit und Ungerechtigkeit herrschen – ein Ort, an dem die kleinsten Lichter noch nicht erloschen sind.
Night City ist eine Mischung aus Albtraum und ätherischen Träumen. Hier trifft Metall auf Körper und Neonlicht auf Stahlträger. Es macht so viel Spaß, die abgründigen Tiefen und die höchsten Punkte dieser Stadt zu erkunden.
Einmal, als ich in Night City unterwegs war und nach einem der Tarotkarten-Graffiti suchte, wurde ich Zeuge eines wunderschönen Sonnenuntergangs. Ich setzte mich auf ein Dach und sah einfach nur dabei zu, wie die Sonne hinter den Gebäuden auf der anderen Straßenseite versank und ihre letzten Strahlen dem Neonlicht wichen, das sich in kleinen Pfützen spiegelte, die der Regen vom Vortag hinterlassen hatte.
Dieser Anblick stimmte mich nachdenklich: Night City scheint der gefährlichste Ort in den Neuen Vereinigten Staaten zu sein, aber hat diese Stadt auch schöne Seiten? Also erkundete ich ihre Straßen, vom staubigen Heywood-Bezirk bis hin zu den Badlands, und erfreute mich am wunderschönen Meerblick in Pacifica.
Doch der für mich schönste Moment auf dieser Erkundungstour war, als ich eins der bereits erwähnten kleinen Lichter fand.
Dogtown – der Bezirk, den wir in der Erweiterung Phantom Liberty kennenlernen – ist halb glitzerndes Casino und halb echtes Kriegsgebiet. An einem Ort, der mehr Letzterem ähnelte, traf ich auf eine kleine Gruppe von Leuten, die sich um einen Grill versammelt hatten und einem Gitarristen lauschten, der auf einem Sofa sitzend musizierte.
So schön manche Gebiete in diesem Spiel auch sein mögen, am Ende sind es doch die Leute, wegen denen man immer wieder zurückkehrt.
Eine moderne, immersive Simulation

Fans von Deus Ex und Dishonored sehnen sich vermutlich stets nach dem entscheidungslastigen Gameplay, das diese Titel bieten. Cyberpunk 2077 scheint in vielerlei Hinsicht an dieses Spieldesign anzuknüpfen – mit dem Unterschied, dass es in einer deutlich größeren Welt angesiedelt ist und mit einer deutlich beeindruckenderen Grafik daherkommt.
Das führt dazu, dass ich bei jeder Rückkehr in die Welt von Cyberpunk 2077 etwas Neues finde, das ich zu meinem Vorteil und zum Verjagen von Gegnern nutzen kann.
Auf meiner Tour durch Dogtown erhielt ich den Auftrag, mich in ein Versteck der Voodoo Boys zu schleichen. Fast jedes Szenario in Cyberpunk 2077 kann mit roher Gewalt und Schusswaffen gelöst werden, also ließ ich mich nicht lange bitten. Ich deckte mich mit ein paar Vorteilen und Ausrüstungsgegenständen ein, die es mir ermöglichten, mich unsichtbar zu machen, die Zeit zu verlangsamen und Kopfschüsse auszuteilen, als würde ich Fallout 4 spielen.
Bei meinem nächsten Spieldurchlauf experimentierte ich mit einem Stealth-Build, der auf den Quickhacks „Seuche“ (Contagion) und „Streuung“ (Ping) basierte. So konnte ich in einen Gegner hacken, seine Kumpel finden (wozu ich oft nicht mal einen anderen Raum betreten musste) und einen Virus hochladen, um sie alle auszuschalten.
Der Keller [des Verstecks] war ebenfalls in aller Heimlichkeit und ohne Gimmicks zu erreichen; ich musste nur geistesgegenwärtig den praktischen Nebeneingang nutzen, der reichlich Deckung bot. Drinnen wurde ich vor eine Entscheidung gestellt: Ich konnte den Netrunner, der eine unschuldige Frau erpresste und mit dem Tod bedrohte, umbringen – oder ihn verschonen.
Das Schwierige daran? Dieser Netrunner arbeitet tatsächlich für einen Undercover-Agenten, der versucht, die Voodoo Boys von innen heraus zu zerstören. Wenn ihr den Netrunner tötet, müsst ihr auch den Agenten töten – und das führt dazu, dass eine andere Mission später im DLC nicht mehr verfügbar ist.
Nachdem ich mir den Anime Cyberpunk: Edgerunners zu Gemüte geführt hatte (den ihr euch übrigens unbedingt ansehen solltet, falls ihr das nicht schon getan habt), knöpfte ich mir erneut das Spiel vor, um einen Build auszuprobieren, der von David (dem Hauptcharakter der Serie) und seinem Sandevistan-Implantat inspiriert ist.
Plötzlich lief die vorhin beschriebene Situation ganz anders ab, weil ich diesmal die Zeit anhielt und mit meinen Gorilla-Armen auf die Gegner einschlug. Tatsächlich feuerte ich keinen einzigen Schuss ab, während ich mich durch das Versteck der Voodoo Boys prügelte. Dennoch ließ ich keine Überlebenden zurück.