
Kid A Mnesia Exhibition: Erkundet zwei Kultalben von Radiohead in einer experimentellen Traumlandschaft

In den letzten Jahren haben sich sowohl digitale Konzerte als auch immersive Ausstellungen weiterentwickelt und sich von in den Kinderschuhen steckenden Experimenten zu eigenständigen, allgemein akzeptierten Genres gemausert. Spiele wie Minecraft oder Fortnite begrüßten Künstler wie BTS oder Charli XCX auf ihren virtuellen Bühnen. Gleichzeitig entstand eine neue Welt taktiler und dimensionsübergreifender Ausstellungen in der echten Welt, von Yayoi Kusamas Infinity Mirror Rooms bis hin zu Virtual Realms: Videogames Transformed, bei der selbst Spielautoren wie Hideo Kojima oder Tetsuya Mizuguchi mitwirkten.
Im Jahr 2021 trafen beide Konzepte bei der Kid A Mnesia Exhibition aufeinander, einer mutigen Zusammenarbeit von Radiohead mit dem Epic Games Store. Die von Sean Evans, Christine Jones, [namethemachine] sowie Arbitrarily Good Productions produzierte Kid A Mnesia Exhibition ist ein bahnbrechendes spielbares Erlebnis. Die Ausstellung, die halb Spiel, halb digitale Installation ist, verzerrt die klanglichen und visuellen Identitäten der Stücke der Radiohead-Alben Kid A und Amnesiac zu einem tiefgründigen Labyrinth aus Räumen, die Spieler in Ruhe erkunden können.
Eigentlich sollte die Kid A Mnesia Exhibition eine echte Ausstellung in London werden. Thom Yorke und Stanley Donwood beschrieben sie dem PlayStation.Blog als „riesiges rotes Bauwerk, das durch das Verschweißen von Frachtcontainern entstand und so gestaltet wurde, als wäre ein brutalistisches Raumschiff in das Victoria and Albert Museum in Kensington mit seiner klassischen Architektur gestürzt.“
Ihre Ambitionen wuchsen zwar weiter, doch die COVID-Pandemie zwang die kreativen Köpfe hinter dem Projekt dazu, ihre Pläne anzupassen. Die Regeln einer echten Ausstellung hinter sich lassend, verwandelte sich die Kid A Mnesia Exhibition in ein neues digitales Zuhause, das die Grenzen immersiver Kunst und Hommage sprengte. Das Ergebnis ist ein wunderbar komplexer und dissoziativer Raum, der geradezu verlangt, erkundet zu werden.
„Yesterday, I woke up sucking on a lemon“
Die Kid A Mnesia Exhibition beginnt damit, dass ihr in einen monochromen Wald versetzt werdet, aber keinerlei Anweisungen erhaltet. Folgt ihr einem roten Leuchten, stoßt ihr auf einen Gang, der euch mit einem Remix von „Everything in Its Right Place“ anlockt, gepaart mit einem Gedicht, das das Erlebnis mit folgenden Worten einläutet: „MANCHE RÄUME ERGEBEN SINN, MANCHE WERDEN NIEMALS SINN ERGEBEN, BIS SPÄTER“ („SOME PLACES WILL MAKE SENSE, SOME WILL NEVER MAKE SENSE, SEE YOU LATER“).

Abgesehen von den grundlegenden Bewegungen in der Ego-Perspektive gibt es keine nennenswerten Interaktionen, keine Sammelgegenstände und auch keine geradlinige Geschichte, der man folgen könnte. Wie bei Ausstellungen in der echten Welt auch müsst ihr teilnehmen und euch durch die Räume der Ausstellung bewegen, damit der Reiz der transzendenten Werke Neugier und Schwung aufbauen kann. Die Welt und ihre furchteinflößenden Gespenster können euch nicht verletzen und dem Erlebnis kein Ende setzen – ihr habt das Steuer eures eigenen Erkundungsschiffs fest in der Hand und segelt durch ein Meer modulierter Klänge.
Bei der Kid A Mnesia Exhibition ist Geduld eure größte Tugend. Die Räume, die ihr betretet, erscheinen auf den ersten Blick vielleicht simpel, doch oftmals brauchen sie etwas Zeit, um zu wirken. Beispielsweise gibt es in der Papierkammer („The Paper Chamber“) Zeichnungen und Kritzeleien an den Wänden. Ein paar Zettel schweben in der Mitte des Raums, während das Stück „In Limbo“ leise spielt. Wartet ihr einen Moment, flattern die Zettel erst umher und nehmen dann ihre vorherige Form wieder an. Doch die Informationen, die auf ihnen stehen, haben sich verändert.
Ein Limbo ist als Zwischenraum für Gedanken, Ideen und Erfahrungen definiert. Dieser Raum, der mit interessanten Konzepten und unzusammenhängendem Text gefüllt ist, erzeugt einen erstaunlichen visuellen Eindruck – nicht nur des Stücks, sondern auch des seltsamen Unbehagens, das durch einen unvollendeten grauen Raum ausgelöst wird.

Während ihr euch von Raum zu Raum bewegt, seht ihr, dass die Verbindungsgänge mit Hintergrundwissen zu den Alben Kid A und Amnesiac in Form von spiralförmigen Skizzen und Wortfragmenten auf Zementwänden beschrieben sind. Die nachgezeichneten Gedichte und Kritzeleien erzeugen eine schmuddelige Atmosphäre, die die brutalistische Konstruktion der Hauptbereiche der Ausstellung ergänzt. Große Bauwerke, wie das Pyramiden-Atrium in der Mitte, schockieren euch, da sie euch das Gefühl verleihen, winzig zu sein, was den Gegensatz zu den klaustrophobisch engen und mit Schutt übersäten Gängen bildet.
In der Kid A Mnesia Exhibition verläuft man sich schnell, aber wenn euch das passiert, dann werft einen Blick auf die Karte, die alle Orte verbindet und auf der steht, wo welches Stück gespielt wird. So könnt ihr euch sozusagen eure eigene EP mit euren Höhepunkten aus Kid A und Amnesiac zusammenstellen.
„Nervous messed up marionettes“
Da die Kid A Mnesia Exhibition ursprünglich als echte Ausstellung geplant war, seid ihr nicht völlig allein. Abgemagerte Strichmännchen lehnen sich an Wände an und wandern durch dieses Grenzreich. Die Figuren sind oft von Schatten umgeben oder durch Licht verdeckt. Bewegung, Gesicht und Körperhaltung bleiben bewusst verborgen. Die unheimlichen Figuren in der Kid A Mnesia Exhibition werden nicht erklärt und sind unergründbar, fast so, als würde man in einem Museum einem Fremden in die Augen schauen. In ihrer Nähe zu sein, ist fast schon isolierender, als alleine dazustehen.

Auch andere merkwürdige Organismen tauchen hier und da in der Ausstellung auf, etwa ein Raum voller Geister, deren Gesichter das Monster-Bär-Logo der Band ist. An anderer Stelle, im Inneren des Pyramiden-Atriums in der Mitte, bewegt sich ein haushoher Stier mit Storchenbeinen wie ein Uhrwerk zur Klaviermelodie aus Kid A. Dieser saure Cocktail aus visuellen und klanglichen Reizen bewegt sich auf einem schmalen Grat zwischen Traum und Albtraum.
Die Kid A Mnesia Exhibition lohnt sich auch für diejenigen, denen Radiohead nichts sagt. Doch für Fans bietet sie einen einzigartig intimen Einblick in die Zeit nach dem Erfolg von OK Computer aus dem Jahr 1997. Sie fängt die frustrierte Kunst der Jahrhundertwende ihrer Schöpfer ein, bewahrt sie und passt sie so an, damit sie etwa zwanzig Jahre später genossen werden kann. Diese interessanten Versatzstücke bringen euch eurer eigenen Interpretation näher. Zumindest ermöglichen sie euch, Zugang zum komplexen musikalischen Miasma von Radiohead zu finden.
Betretet die Kid A Mnesia Exhibition im Epic Games Store und genießt die Show.