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Die größte Stärke von Marvel Rivals ist, die Schrägheit von Comics aufzugreifen

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Thomas Wilde
2. Aug. 2024
US-Comics sind schon etwas schräg. Doch genau diese Schrägheit macht sich NetEase Games bei Marvel Rivals zunutze.

Viele Marvel-Figuren gibt es schon seit Jahrzehnten und sie haben in dieser Zeit viele Höhen und Tiefen erlebt. Sogar relativ simple (oder einfach nur ikonische) Charaktere haben ein paar verrückte Geschichten in ihrem Backkatalog, wie z. B. „CapWolf“ oder Thor, der in einen Frosch verwandelt wurde. Als langjähriger Comic-Leser ist es mir im Zeitalter des Filmuniversums von Marvel ein großes Vergnügen, Neueinsteigern von den bizarrsten Momenten der Franchise-Geschichte zu erzählen.

Marvel Rivals geht von Anfang an voll darauf ein. In diesem 6-gegen-6-Helden-Shooter treten Teams aus Marvel-Helden und -Schurken in einem mittlerweile zerrütteten Multiversum gegeneinander an. Euch erwarten Elemente aus mehreren Superhelden-Fortsetzungen von Marvel, die bis zur dystopischen Zukunft von 2099 reichen (und auch das kürzlich vorgestellte „Web of Life and Destiny“ umfassen). Auch in Marvel Rivals wird sich nicht davor gescheut, einzigartige Wendungen einzubauen.

Die Handlung beginnt mit einem Treffen zwischen Doctor Doom und seiner geringfügig besseren Version aus dem Jahr 2099. Weil sich die beiden nicht vertragen können, führt die daraus resultierende Katastrophe zum „Timestream Entanglement“, einem Chaos aus verschiedenen Universen und Zeitlinien.

Ihr spielt die Superhelden und -schurken, die darin hineingezogen wurden, und seid nun gezwungen, es nicht nur vor den Dooms (den verschiedenen Gegnern aus den zerstörten Welten) zu verteidigen, sondern natürlich auch vor euren Mitstreitern.

Wenn ihr mit anderen Helden-Shootern wie Rogue Company oder BloodLoop vertraut seid, wird euch Marvel Rivals von Anfang an gefallen. Die Konzeption des Spiels ist darauf ausgelegt, ein möglichst reibungsloses Erlebnis zu schaffen. Gleich beim ersten Spieltest gelangte ich innerhalb von fünf Minuten in ein Match.
Marvel Rivals 1
Jede Runde von Marvel Rivals bietet euch explosive, rasante Schießereien, die sich an das zerstörerische Spektakel der Superheldenstorys anlehnen. Gleich in der ersten Runde ging ich hinter einem Gebäude in Deckung, das meine Gegner dann kurzerhand in die Luft jagten, um mich zu erwischen. Ihr könnt alles nach Herzenslust zerstören, insbesondere mit feuerstarken Charakteren wie der Scarlet Witch oder dem Star-Lord.

Trotzdem gilt hier das Gleiche wie für alle anderen Koop-Shooter: Bei Marvel Rivals steht das Team und nicht die Einzelperson im Mittelpunkt. Es geht um Abstimmung, Unterstützung und Kommunikation. Euer Team braucht Unterstützer und ihr müsst für ihre Sicherheit sorgen.

Zu eurem Trupp in Marvel Rivals gehören Vanguards, Duelists und Strategists, die im Wesentlichen aus Tank-Charakteren, Schadensverursachern und Unterstützern bestehen. Zur Maximierung eurer Erholungs- und Verteidigungsoptionen solltet ihr am besten einen Vanguard, zwei Strategists und drei Duelists haben. Gut aufgestellte Teams mit weniger Erfahrung sind schlechter organisierten Gegnern meist haushoch überlegen.

Da sich Marvel Rivals derzeit noch in der Beta-Phase befindet, kann es noch viele Änderungen an den Spielmechaniken und der Balance geben. Einige Charaktere sind in der aktuellen Spielversion wirklich stark (vor allem Venom), während andere ein paar Verbesserungen vertragen könnten.

Im Moment ist Marvel Rivals ein einfach zu spielender Actiontitel, in den man leicht ein- und aussteigen kann. Nur selten dauert ein einzelnes Match länger als fünf Minuten, und viele der Charaktere lassen sich absichtlich einfach spielen. Der Punisher zum Beispiel ist eigentlich nur eine Figur aus Ghost Recon, die in einem Superhelden-Universum agiert. Für jeden ist der passende Charakter dabei, egal ob ihr bereits Erfahrung mit kooperativen Actionspielen habt oder ob ihr einfach nur Comics mögt.

Als langjähriger Marvel-Fan fiel mir zunächst einmal die Zusammensetzung der Figuren in Marvel Rivals auf. Inzwischen erwartet man, dass Iron Man, Spider-Man und Hulk in jedem Videospiel der Franchise vorkommen. Da diese Charaktere die Aushängeschilder der Marke sind, wäre es seltsam, wenn sie nicht dabei wären.
Marvel Rivals 2
Allerdings sucht man derzeit einige große Namen wie Captain America und Wolverine vergebens. Stattdessen erwarten euch ein paar weniger bekannte, aber interessante Figuren. Zum Beispiel wurde die K-Pop-Sensation Luna Snow zum ersten Mal in einem Handyspiel präsentiert, Jeff the Land Shark ist eine witzige Figur, die es erst seit ein paar Jahren gibt, und die eigentlich schon 1975 vorgestellte Magik ist erst in letzter Zeit richtig populär geworden.

Sogar Galacta, die Ansagerin von Marvel Rivals, wurde aus der Versenkung geholt und kehrt ins Rampenlicht zurück. Sie stammt aus einer Kurzgeschichte von Adam Warren aus dem Jahr 2009, die wahrscheinlich nicht einmal in den Comics vorkommt.

Es ist toll zu sehen, wie all die Charaktere und Schauplätze in Marvel Rivals ihr Videospieldebüt geben. Eine Karte basiert auf der futuristischen Cyberpunk-Version Japans, in der Peni Parker zu Hause ist. In einer anderen müsst ihr Spider-Zero retten oder angreifen. Dabei handelt es sich um eine Figur, die erst 2019 im Rahmen der Comic-Version des „Spider-Versum“ eingeführt wurde.

Gleichzeitig lassen sich viele der Charaktere in Marvel Rivals von verschiedenen Aspekten ihrer eigenen Geschichte inspirieren. So spricht Magneto beispielsweise viel über die Insel Krakoa, die der Schauplatz eines kürzlich abgeschlossenen Handlungsbogens in den X-Men Comics war. Hulk-Spieler können sich auf einen Charakterwechsel freuen, bei dem man in die Rolle eines bewaffneten Bruce Banner schlüpft, was an Mark Waids kurzlebige Serie Indestructible Hulk aus dem Jahr 2012 erinnert.

Daraus ist ein Spiel entstanden, das sich wirklich so anfühlt, als würde es alles nutzen, was Marvel Comics zu bieten hat. Der Titel beschränkt sich nicht willkürlich auf eine Handvoll Schauplätze oder Charaktere, die das größte medienübergreifende Interesse wecken, wie es bei anderen Spielen der Fall ist, die intensiv auf das Filmuniversum von Marvel zurückgreifen. Marvel Rivals will anscheinend so schräg sein, wie es nur geht, indem es auf Namor und Hela setzt und auf Deadpool und Daredevil verzichtet.

Auch wenn es eigentlich gar nicht nötig gewesen wäre, wurde hier wirklich sorgfältig recherchiert und vorausgeplant. Marvel Rivals spielt absichtlich in einer zusammengewürfelten Alles-auf-einmal-Version des Comic-Universums. So konnten die Entwickler mit vielen der Charaktere einfach ihr eigenes Ding machen, ähnlich wie es Insomniac mit Spider-Man tat.

Es wird interessant sein, zu sehen, in welche Richtung sich Marvel Rivals jetzt entwickelt. Marvel verfügt über eine Menge dunkler Zukunftsszenarien, alternativer Universen und alter Handlungsstränge, die NetEase in eine Karte oder Mission einbauen könnte, wie Marvel Zombies, X-Men: Zukunft ist Vergangenheit und das Noir-Universum. Schließlich gibt es noch Marvel 1602, in dem viele der wichtigsten Marvel-Figuren so dargestellt werden, als hätten sie im elisabethanischen England existiert.

NetEase hat bereits eine der größten Hürden für jede Marvel-Adaption genommen, nämlich die Bereitschaft, genauso schräg zu sein wie die Vorlage.

Ihr könnt Marvel Rivals kostenlos im Epic Games Store spielen.