
Marvel Rivals angespielt: Wie die Helden in den Helden-Shooter kommen

Es kommt nicht von ungefähr, dass Marvel Games in den letzten fünf Jahren immer mehr ins Rampenlicht gerückt ist. Die Spider-Man-Reihe von Insomniac erfreut sich sowohl auf dem PC als auch auf den Konsolen ungeahnter Beliebtheit, und es gibt sogar Titel (wie Marvel's Midnight Suns und MARVEL SNAP), die sich vom Action-Abenteuer-Genre abwenden und stattdessen ein langsameres und taktischeres Erlebnis bieten.
Mit der Expansion im Videospielbereich war es nur eine Frage der Zeit, bis Marvel in die Welt der Online-Shooter vorstößt – und genau da kommt Marvel Rivals ins Spiel.
Ich hatte beim Summer Game Fest die Gelegenheit, Marvel Rivals auszuprobieren und mir in mehreren Matches und Spielmodi ein Bild von den Helden und Schurken zu machen. Auch wenn die Vergleiche mit Overwatch und Paladins fast unvermeidlich sind, ist sich Entwickler NetEase dessen sehr wohl bewusst.
Der Wunsch, sich von eben dieser Konkurrenz abzuheben, hatte entscheidenden Einfluss auf die Entwicklung von Marvel Rivals. Der Game Director von Marvel Rivals, Thaddeus Sasser, hofft, dass euer Erlebnis möglichst authentisch ist, sobald ihr in die Rolle eures bevorzugten Helden (oder Schurken) schlüpft.
„Der Held soll in diesem Helden-Shooter wirklich ein ‚Held‘ sein. In unserem Spiel wird man beispielsweise Iron Man wie nie zuvor in einem Multiplayer-Titel erleben können. Genau darum geht es uns hier“, sagt Sasser.
Sogar Gelegenheitsfans, die das Franchise meist nur wegen der Marvel-Blockbuster kennen, wissen bei einem Blick auf die Charakterliste, dass die bekanntesten Namen dabei sind. Doch neben Iron Man und Doctor Strange gibt es auch ein paar weniger bekannte Spielfiguren wie Magik und Luna Snow. Beim Gespräch mit den NetEase-Entwicklern erfuhr ich, dass noch viel mehr geplant sind.
„Die bekanntesten Helden und Schurken machen etwa 70 Prozent der Figuren im Spiel aus. Außerdem können sich die Fans auf ein paar Überraschungen freuen, mit denen sie sicher nicht rechnen“, erklärt Danny Koo, Co-Executive Producer bei Marvel Games.

Wer schon andere Helden-Shooter gespielt hat, dem werden die Spielmodi von Marvel Rivals bekannt vorkommen. Bei „Convoy“ muss ein Team eine Ladung auf einem bestimmten Weg über die Karte begleiten, während das Gegnerteam es dabei aufzuhalten versucht. Bei „Domination“ geht es ums Erobern und Verteidigen, wobei beide Teams um die Kontrolle über ein Gebiet auf der Karte kämpfen.
Wenn ihr mit Overwatch vertraut seid, werdet ihr den Aufbau von Marvel Rivals als ziemlich ähnlich empfinden. Das ändert sich jedoch, sobald ihr in ein Match einsteigt.
Zunächst einmal fühlt sich die Third-Person-Kamera etwas ungewohnt an, obwohl man sich schnell an sie gewöhnt. Schnell wird klar, warum sich NetEase für eine etwas nach hinten verlagerte Kameraperspektive entschieden hat. So könnt ihr nicht nur euren Charakter (und die Skins, mit denen ihr ihn ausgestattet habt) besser sehen, sondern seid durch den Wechsel in die Third-Person-Perspektive auch vielseitiger in euren Aktionen und Bewegungsabläufen. Dank dieser zusätzlichen Freiheit können neue Charaktere in die ständig wachsende Liste aufgenommen werden. Allerdings geht dies auch mit einigen gestalterischen Einschränkungen einher.
„Wir bemühen uns sehr darum, den Titel allen Spielern zugänglich zu machen, unabhängig von ihrer Spielstärke“, so Sasser. „Sowohl Neueinsteiger, die diese Art von Spiel noch nie gespielt haben, als auch erfahrene Spieler, die gerne Scharfschützen sind oder bestimmte Rollen übernehmen, werden in Marvel Rivals auf ihre Kosten kommen, denn es ist genau auf ihren Spielstil zugeschnitten. Jeder findet in diesem Spiel die passende Aufgabe für sich. Aufgrund der unterschiedlichen Fertigkeiten der Charaktere ist dies für uns besonders wichtig.“
Nehmen wir zum Beispiel Iron Man. Er kann sich praktisch unbegrenzt auf der Karte bewegen, da seine Flugfähigkeit nicht durch Timer oder Abklingzeiten eingeschränkt wird. So ist es möglich, permanent durch die Luft zu schweben und zu fliegen, sodass auch weniger erfahrene Spieler an den Kämpfen teilnehmen können, ohne unbedingt auf Tuchfühlung gehen zu müssen.
Spider-Man kann sich dagegen mit rasender Geschwindigkeit über die Karte schwingen, sich an Wänden festhalten und daran hochklettern und sowohl auf dem Boden als auch in der Luft in Faustkämpfe verwickelt werden. Dieser wilde Ansatz geht natürlich mit einer steilen Lernkurve einher, zeigt aber auch, dass Marvel Rivals ein breites Spektrum an Spielstilen und Fertigkeiten bietet, mit denen sich sowohl Neulinge als auch Veteranen ins Getümmel stürzen können, ohne sich dabei über- oder unterfordert zu fühlen.

„Für jeden Charakter gibt es eine durch Sterne gekennzeichnete Fertigkeitsbewertung, die anzeigt, wie schwierig es ist, mit ihm zu spielen“, erklärt Sasser nach dem Ende meiner Spielsitzung. „Es gibt Figuren wie Rocket Raccoon und den Punisher, die relativ leicht zu erlernen sind. Beide sind in der Lage, Schusswaffen zu verwenden. Diese Mechaniken kennt man bereits aus anderen Spielen oder sind zumindest vom Prinzip her leicht zu verstehen, nicht wahr?“
„Allerdings gibt es auch Charaktere wie Spider-Man, deren Spielweise sehr kompliziert ist. Doch sobald man ihn beherrscht, verfügt man über unglaublich starke Fähigkeiten und wird sehr, sehr schlagkräftig“, so Sasser weiter. „Das ist auch so beabsichtigt, denn wir wollen ja für eine große Bandbreite an Fertigkeiten sorgen. Dadurch, dass die Charaktere ihre eigene Spielweise haben, können die Spieler ihre Fähigkeiten und ihr Können unter Beweis stellen. Genau deshalb sind solche Titel eben sehr beliebt bei den Spielern.“
Wie in fast allen teambasierten PvP-Spielen üblich, kann jeder spielbare Charakter in Marvel Rivals eine von wenigen Rollen übernehmen. Vanguards wie Peni Parker oder Bruce Banner/Hulk sind traditionelle Tank-Charaktere, die über viele Lebenspunkte und Fähigkeiten wie das Blocken und Absorbieren von Schaden verfügen. Duelists wie der Fernkampfspezialist Iron Man oder der Faustkämpfer Black Panther sind mehr darauf ausgerichtet, Schaden zu verursachen.
Die Liste wird durch die Strategists vervollständigt, die jedoch nicht einfach zu definieren sind. So kann Rocket Raccoon zum Beispiel Verbündete heilen und Gegnern mit seiner übergroßen Hybrid-Minigun/Kanone Schaden zufügen. Seine Fähigkeiten ermöglichen es ihm, seine Teamkollegen mit Rüstungspaketen, zusätzlichem Schaden und gelegentlicher Wiederbelebung zu versorgen.
Der listige Gott Loki ist ein weiterer Strategist und wird seinem Ruf gerecht, indem er mehrere Formen seiner selbst als Köder einsetzt, mit denen er dann nach Belieben die Plätze tauschen kann. Auch sein ultimativer Move passt gut: Er verwandelt sich in einen Charakter aus dem Gegnerteam und führt sogar dessen Bewegungen aus.

Da jeder Charakter über eine derart große Auswahl an Waffen und Fertigkeiten verfügt, überrascht es nicht, dass es in Marvel Rivals auch feste Paarungen und Kombos gibt. Diese als Team-Ups bezeichneten Spezialfähigkeiten sind auf bestimmte Duos und Trios beschränkt und verleihen den Beteiligten aktive oder passive Buffs. Der beliebte Rocket Raccoon kann zum Beispiel auf Groots Schultern hüpfen und so eintreffenden Schaden reduzieren.
Auf die Frage nach zukünftigen Team-Ups und wie sie sich im Laufe der Zeit verändern könnten, hüllte sich Sasser lieber in Schweigen. Allerdings erklärte er, dass man damit die Fertigkeitslücken in einem Team überbrücken will, damit die Spieler nicht das Gefühl haben, einen Helden oder Schurken mit einer steilen Lernkurve wählen zu müssen.
„Wir wollen den Spielern deutlich machen, dass man auch mit weniger mächtigen Charakteren problemlos spielen kann. Deshalb überlegten wir uns, wie die Paarungen dafür aussehen könnten“, sagt Sasser. „Beispielsweise gibt es ein Team-Up zwischen Rocket Raccoon und dem Punisher, bei dem Rocket den Geschützturm des Punishers aufladen kann. Wir haben uns viele Gedanken darüber gemacht, wie die verschiedenen Fertigkeitsstufen sinnvoll und erfolgreich kombiniert werden können, auch wenn jemand – zum Beispiel mit Spider-Man – auf einer höheren Stufe anfängt.“
Marvel Rivals beruht darauf, dass völlig unterschiedliche Elemente des Marvel-Franchise darin vereint werden. Von den Team-Ups über die Vermengung von Helden und Schurken bis hin zur eigentlichen Story – in der nicht näher erläuterten Handlung dreht sich alles um zwei Versionen von Doctor Doom aus verschiedenen Dimensionen. Marvel Rivals beruht gerade auf solchen Kontrasten und Konflikten, die sogar die grafische Umsetzung beeinflussen.
Wenn ihr euch schon Screenshots oder Trailer zu Marvel Rivals angeschaut habt, dürften euch der visuelle Stil und die Charakterdesigns sofort aufgefallen sein. Sie verbinden die gewohnte Comic-Ästhetik mit einem fast schon malerischen Look, der sich klar von der Konkurrenz abhebt. Diese Entscheidung wurde ganz bewusst getroffen und macht deutlich, dass das Entwicklerteam von Marvel Rivals über Nordamerika und Asien verteilt ist.

„Bei uns im Team nennen wir das den „Rivals“-Stil“, erklärt Danny Koo. „Er hat einen sehr comicartigen, fast schon animehaften Charakter. Dieser Stil ist energetisch, schwungvoll und sehr dynamisch. Außerdem sollten dabei alle Farben sehr gesättigt sein und sofort ins Auge stechen. Das Ziel war es, alle möglichen Spieler anzusprechen, vor allem natürlich langjährige Marvel-Fans. Denn gerade diese werden zu schätzen wissen, dass Marvel Rivals die Charaktere des Franchise auf ganz eigene Weise interpretiert.“
Der Online-PvP-Markt ist zwar mittlerweile ziemlich überfüllt, aber Marvel Rivals ist sowohl für Liebhaber des Genres als auch für Fans von Superhelden-Spielen äußerst attraktiv. Als einstiger Overwatch-Fanatiker kann ich sagen, dass die Vielfalt und der Umfang der Charaktere in Marvel Rivals vielversprechend sind und dass die einzigartigen Synergien und Team-Up-Mechaniken das Gefühl zerstreuen, dass dieser Titel nur ein herkömmlicher Shooter mit Marvel-Geschmack ist.
Wie bei den meisten Online-Shootern stellt sich natürlich auch hier die Frage, wie die Monetarisierung im Spiel aussehen wird. NetEase hat sich vorerst noch nicht zu Einzelheiten geäußert, sondern nur bestätigt, dass die Startversion des Spiels kostenlos spielbar sein wird. Während der Anspielphase gab es zwar ein Levelsystem und charakterspezifische Skins, aber wir können bisher nur spekulieren, wie sich Marvel Rivals nach dem Erscheinen spielen wird.
Ihr könnt Marvel Rivals jetzt im Epic Games Store auf die Wunschliste setzen.
Schaut euch unbedingt unseren vollständigen Bericht über das Summer Game Fest an sowie die Vorschau zu bald erscheinenden Shootern wie S.T.A.L.K.E.R. 2: Heart of Chornobyl und Delta Force: Hawk Ops.