
Operencia: The Stolen Sun verpackt ein klassisches Genre im zeitgenössischen Gewand

Auf den ersten Blick könnte man Operencia: The Stolen Sun leicht für ein ausladendes Rollenspiel à la The Elder Scrolls halten. Tatsächlich hat man bereits nach ein paar Minuten in der fantastischen Welt von Zen Studios' Kerkerabenteuer das Gefühl, man ist in Himmelsrand unterwegs oder einer beliebigen anderen Region von Tamriel.

Da ihr euch allerdings lediglich in vier Richtungen bewegen könnt – wie es die rasterbasierte Minikarte des Spiels vorgibt –, begreift ihr relativ schnell, dass Operencia zwar etwas Besonderes ist, aber mit den Titeln aus dem Hause Bethesda nicht viel gemein hat. Die mit viel Liebe zum Detail gestaltete Hommage an klassische Dungeon-Crawler in der Ego-Perspektive ist ein Leidenschaftsprojekt des ungarischen Entwicklerstudios, das bisher hauptsächlich für eine beeindruckende Reihe von lizensierten Flipperspielen bekannt ist.
Während Operencias rasterbasiertes Bewegungssystem Aufschluss über die Inspiration des Spiels gibt, erkennt man unschwer an den eigenständigen Leveln, dass man hier nicht in einer offenen Spielwelt unterwegs ist. Feldbasierte Fortbewegung und begrenzte Gebiete mögen anfangs etwas einschränkend klingen, doch für Operencia konnte das Entwicklerstudio dank dieser wohldurchdachten Designentscheidungen ein unvergleichliches Spielerlebnis kreieren.
Die 13 unterschiedlichen Level wirken beispielsweise nie leer oder sind vollgestopft mit recycelten Grafikmodellen, sondern wurden individuell gestaltet und transportieren Spielerinnen und Spieler wirklich in verschiedene fantastische Reiche. Dank dieses sorgfältigen Ansatzes trefft ihr auch nicht auf typische grüne Wälder oder schwach beleuchtete Verliese, sondern auf Operencias Kupferwald oder ein uraltes versunkenes Schloss. Das Blätterdach und die felsigen Pfade des Waldes begeistern mit einer goldroten Farbpalette, während die Unterwasserfestung mit einem riesigen Krötenkönig aufwartet, der euch mithilfe seines Streitkolbens zu einem längeren Aufenthalt überreden möchte.
Da wir gerade von dem amphibischen Bossgegner sprechen: Das rundenbasierte Kampfsystem des Spiels erinnert ebenfalls an jene Klassiker, in denen ihr in der Ego-Perspektive Nah- und Fernkampfattacken gegen eine Vielzahl an mythischen Monstern ausgeführt habt. Auch hier geht Operencia jedoch eigene Wege und vermischt modernes Spieldesign mit einer bezaubernden Ästhetik, die von der mitteleuropäischen Sagenwelt inspiriert ist und von der Unreal Engine 4 beeindruckend in Szene gesetzt wird.
Das Ergebnis sind äußerst strategische und schnelle Auseinandersetzungen, bei denen ihr Schwerter schwingt, Zauber wirkt und euch gegen eine fantasievolle Reihe zunehmend schwieriger Gegner zur Wehr setzt, darunter auch verfluchte Kupfersoldaten (Cursed Copper Soldiers) – Steampunk-ähnliche Gesellen mit surrenden Sägeblättern anstelle von Händen. Glücklicherweise stellen Beute-, Stufen- und Fortschrittssysteme sicher, dass eure vierköpfige Truppe (bestehend aus eurem selbst erstellten Helden sowie einer kleinen Gruppe von Gefährten) für derartige Begegnungen angemessen gerüstet ist.

Apropos Geschichte: Operencias Charme kommt in den Charakterinteraktionen und der Erzählung am besten zur Geltung. Wie auch bei den anderen Aspekten des Titels der Fall, lassen sich sowohl der Spannungsbogen der Story als auch Gespräche mit Gefährten eher von Sagen und Märchen inspirieren als von Mittelalter und epischer Fantasy. Außerdem waren ein professionelles Autorenteam und solide Sprecher und Sprecherinnen am Werk, sodass die Unterhaltungen an das ausgelassene Geplauder einer Gruppe Außenseiter in einer Runde Dungeons & Dragons erinnern.
Auch diese Dialogsequenzen – anstelle eines ein Dialogsystems mit Auswahlmöglichkeiten – beweisen, dass Operencias zielgerichteter Ansatz nicht unter fehlender Freiheit leidet. Das Gegenteil ist der Fall: Der Fantasy-Spaß profitiert von der durchdachten Inszenierung. Wenn ihr euch lieber von einer gut erzählten Geschichte fesseln lasst, als euer eigenes Abenteuer zu schreiben, ist diese erfrischende Neuauflage eines vergessenen Genres ihr Gewicht in Rätselrunen wert.