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Orwell fragt: Ist es gut, böse zu sein, um die Bösen zu fangen?

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Phil Hornshaw
11. Dez. 2023
Ich liebe zwar Videospiele, bei denen unbeschwerter Spaß oder fantastische Ideen im Vordergrund stehen, aber ich habe auch ein Faible für welche, die mit ihren Mechaniken komplexere Gefühle hervorrufen. Orwell ist eines dieser Spiele: Beim bloßen Spielen werdet ihr vor Fragen gestellt, die in der echten Welt äußerst wichtig sind und euch vielleicht sogar dazu bringen, eure eigenen Ansichten zu überdenken.

Orwell besteht aus zwei episodischen Geschichten über einen aufkeimenden Überwachungsstaat im Zeitalter sozialer Medien. Ihr spielt so etwas wie einen Internetpolizisten und sammelt mithilfe spezieller Software Informationen über Personen aus deren Online-Daten und ermittelt, wer hinter dem Bombenanschlag steckt, um weitere Angriffe zu verhindern. Klar ist es eure Aufgabe, Leben zu retten und die Bösen aufzuhalten, aber das Spiel ruft bei euch widersprüchliche Gefühle über eure Handlungen hervor.

Das Problem ist selbstverständlich, dass diese umfassende Überwachung für autoritäre Zwecke missbraucht werden kann. Während ihr Orwells Gegenstücke zu Tweets und E-Mails durchkämmt, stellt sich schnell heraus, dass die von euch gefundenen Beweise nicht gerade stichhaltig sind. Welche Informationen ihr den Behörden des Landes weitergebt – über wen und in welchem Zusammenhang – kann den Verlauf der Handlung beeinflussen. Sie können sogar für verschiedene Charaktere schwerwiegende Folgen haben.
Orwell fragt: Ist es gut, böse zu sein, um die Bösen zu fangen? - Einschätzung
Orwell wird euch richtig zusetzen, wenn euch das Spiel vor zwei Beweisstücke stellt, die sich gegenseitig widersprechen. Ein Beitrag von einem Soldaten in einer fremden Armee, der für eure Regierung spioniert, lässt vermuten, dass er nicht so loyal ist wie behauptet – ein anderer zeigt hingegen, dass er auf eurer Seite steht. Eine E-Mail eines Dissidenten mag zwar nahelegen, dass er einer gewaltbereiten Fraktion beigetreten ist, doch seine Textnachrichten zeigen, dass er sich gewaltlosen Protesten verschrieben hat. In diesen Fällen könnt ihr nur eine Information an eure Vorgesetzten weiterleiten, also liegt es an euch, welches Bild ihr von den überwachten Charakteren vermitteln wollt. Nach der Weitergabe dieser Hinweise habt ihr über die Maßnahmen der Regierung allerdings keine Kontrolle, was möglicherweise zu unbeabsichtigten Folgen führt, durch die Schuldige entkommen können, Unschuldige verhaftet werden, und Andere unter Umständen mit ihrem Leben bezahlen müssen.

All das ruft ein beunruhigendes Gefühl hervor. Hätte ich gerne, dass jemand meinen Twitter-Feed oder meine privaten E-Mails durchsucht und aus ihnen ein Urteil über mich fällt? Treffe ich anhand von ein paar Bildern auf einem Smartphone oder gesendeten Nachrichten die richtigen Entscheidungen darüber, ob jemand schuldig oder unschuldig ist? Ist es möglich, diese Macht mit guten Absichten einzusetzen, und kann ich negative Folgen vermeiden?

Die Spieler in Rollen schlüpfen zu lassen, die sie im wirklichen Leben vielleicht nie einnehmen würden – und die damit verbundenen Emotionen – ist für mich einer der aufregendsten Aspekte an Videospielen. Orwell ist nicht die Art von Spiel, die euch eine Machtfantasie bietet, sondern wirft stattdessen andere interessante Ideen und Fragen auf. Es kann euch dazu bringen, euch selbst schwierige Fragen über eure Ansichten zu stellen, und meiner Meinung nach ist das eine der selteneren und faszinierenderen Möglichkeiten des Mediums Videospiele.

Orwell ist im Epic Games Store verfügbar.