
Selfloss ist ein slawisch inspiriertes düsteres Fantasy-Abenteuer über die Geschichte eines Mannes, der seine Seele heilen will

Das Erkundungsabenteuer Selfloss beginnt mit der Entdeckung einer verheerenden Tat. Nach einem kurzen Abstecher in einen unheimlichen Limbus und einer seltsamen Begegnung mit einem sterbenden Wal kehrt der Protagonist Kazimir in das Reich der Lebenden zurück und begibt sich auf eine Reise. Der greise Heiler ist auf der Suche nach einem uralten Ritual, um eine verwundete Seele zu heilen, muss dafür jedoch eine von Monstern und Magie heimgesuchte Welt durchqueren.
Die Prämisse des Spiels ist nicht schwer zu durchschauen. Selfloss mag eine Fantasiewelt voller riesiger Meereswesen, maskierter Götter und fliegender Wale sein, aber es hat einen klaren Bezug zur Realität. „Dieser Titel ist im Grunde ein großes Abenteuer über die Hilfe für andere, aber [man] sucht auch nach der Heilung der eigenen Seele“, sagt der Gründer von Goodwin Games, Alex Goodwin. „In dieser Geschichte geht es darum, den Verlust eines nahestehenden Menschen zu akzeptieren. Schon der Titel „Selfloss“ ist eine Anspielung auf das Gefühl, eine geliebte Person zu verlieren, was oft zur Folge hat, sich selbst zu verlieren“.
Auch wenn dieses epische Abenteuer Kazimir in viele fremde Länder führen wird, sollte der Umfang des Spiels ursprünglich viel kleiner sein. Als Goodwin im Jahr 2015 gerade seinen Bachelor in Informatik machte, rief er Selfloss als eine Art Nebenprojekt ins Leben. Selbst als er seinen Doktortitel erlangte, arbeitete er weiter an dem Prototyp. Doch auf einer Uni-Weihnachtsfeier zeigten ein paar betrunkene Kommilitonen Interesse an seinem Projekt. Nachdem sie mehrere Stunden daran getüftelt hatten (und wieder nüchtern geworden waren), unterbreiteten sie Goodwin Vorschläge für die Implementierung bestimmter Systeme.
„In dem Moment wusste ich: ‚Mensch, das ist kein Hobbyprojekt mehr. Daraus kann wirklich ein komplettes Spiel werden,“ so Goodwin.
Goodwin entwickelte den Titel noch ein paar Jahre lang alleine weiter, bevor er sich entschloss, mehr Leute ins Boot zu holen. Er engagierte Rita Gorokhova (ausgerechnet von Tinder), die zwei Jahre lang die Grafik des Spiels überarbeitete, und brachte dann Dmitriy Nakhabin als Programmierer an Bord. Seitdem ist das Team unverändert und arbeitet in seinem Studio in Kasachstan weiter an Selfloss.

Im Jahr 2020 gehörte das Studio zu den Preisträgern des MegaGrants-Programms von Epic Games, das mit der Unreal Engine entwickelte Indie-Spiele unterstützt. Ein solides Team und die Finanzierung durch verschiedene Investoren und Initiativen sorgten dafür, dass Selfloss zu einem umfangreichen, emotionalen und vielseitigen Titel wurde.
Obwohl schon einige Jahre vergangen sind, ist Goodwins damaliges Konzept nach wie vor präsent. Mit den heutigen finanziellen und personellen Voraussetzungen wird die Welt von Kazimir immer größer. Sobald ihr das erste Mal Kazimirs Zuhause verlasst, trefft ihr auf große Mengen an lila Schleim, der die gesamte Umgebung bedeckt. Zusammen mit eurem treuen Stab müsst ihr euch um dieses üble Hindernis herumbewegen. Mit dem mächtigen Lichtstrahl eures Stabs könnt ihr pulsierendes Miasma zerschmelzen, Gegner angreifen und kryptische Rätsel lösen. Sein Einsatz kann zu interessanten Rätseln und Kämpfen führen.
„Kazimir ist zwar kein echter Zauberer, kann aber diesen magischen Stab kontrollieren“, erklärt Goodwin. „Die größte Besonderheit des Stabs ist, dass ihr ihn mit dem linken Stick des GamePads und Kazimir gleichzeitig mit dem rechten steuern könnt [bzw. auf dem PC mit der Maus bzw. den WASD-Tasten]. Man kann ihn auch an einem bestimmten Ort lassen und irgendwo hinlaufen.“
Es gibt eine Menge Rätsel, bei denen es darauf ankommt, wie ihr euren Stab platziert. An einer Stelle musste ich eine giftige Schleimpfütze überqueren. Daher ließ ich meinen Stab an einem Ende, um mit seinem Strahl einen Durchgang durch die Pfütze zu erzeugen. Nach dem sicheren Passieren rief ich ihn dann per Pfiff zu mir. Ihr werdet immer wieder Lichtstrahlen auf seltsame Runen richten und uralte Steintore öffnen, indem ihr euren Stab strategisch platziert und einsetzt.
Das Kampfsystem ist etwas komplizierter als die Rätsel des Spiels, denn es geht darum, den Lichtstrahl zu steuern und gleichzeitig Kazimir aus der Schusslinie zu halten – ihr müsst euch also auf zwei Dinge auf einmal konzentrieren. Zum Glück könnt ihr auch einen Nahkampfangriff ausführen und ausweichen, wenn euch die Gegner zu nahe kommen. In meiner Spielsitzung waren die einzigen Feinde glibberige, lila Humanoide. Allerdings zeigen die Screenshots und Trailer des Spiels spektakuläre, an Zelda erinnernde Bosskämpfe, bei denen man sowohl Rätsel lösen als auch kämpfen muss.
Obwohl es in Selfloss spannende und actionreiche Momente gibt, ist die Fantasiewelt des Titels relativ beschaulich. In dem zum Teil von der slawischen und isländischen Folklore inspirierten Spiel trefft ihr auf Riesen, Elfen und Meervölker (sogar auf eine Art Baba Yaga, wie Goodwin versichert), aber viele Aspekte basieren auch auf der Flora und Fauna der Meereswelt. Euch erwarten Korallenbüschel, die an Klippen hinaufklettern, Fischschwärme, die wie Vögel durch die Luft schwimmen, und eine Vielzahl von Meeresbewohnern wie Riesenschildkröten und Wale. Weil die Unterwasserwelt derart präsent ist, wurde die Organisation Whale and Dolphin Conservation, die sich für den Schutz von Meerestieren einsetzt, auf das Spiel aufmerksam und arbeitet nun an dessen Entwicklung mit.

In Selfloss gibt es auch viele Götter, Geister und Gespenster, die allesamt von Bedeutung sind. Gleich zu Beginn von Kazimirs Reise lernt ihr ein seltsames, maskiertes Wesen kennen, das ein langes, weißes Leichentuch trägt und scheinbar durch das Reich der Lebenden und Toten gehen kann. Außerdem trefft ihr auf Marena, die Göttin des Todes, die eine imposante Gestalt mit feierlichem Kopfschmuck und erschreckend weißen Augen ist.
„Sie war schon von Anfang an dabei“, verrät Goodwin. „Damals spielte sie eine wichtige Rolle in einer der Spielmechaniken über die Wiederauferstehung. Da diese jedoch gestrichen wurde, wollten wir Mariana anderweitig in die Erzählung einbeziehen. Auch wenn sie im ganzen Spiel vorkommt, macht sie nur Gesten und schweigt ansonsten.“
Das Team hat sich auch viel Zeit für das Hintergrundwissen des Spiels genommen. Ihr werdet versteckte Schriftrollen mit kurzen Textpassagen finden, die die Geschichte dieser seltsamen Welt näher bringen. Darin geht es zum Beispiel um die Funktionen der verschiedenen Götter, die Invasion der Riesen und darum, was die Menschen mit diesem Reich zu tun haben. In einem besonderen Abschnitt davon wird die Entstehung der Welt beschrieben. Das ist einer von vielen Momenten, in denen alles klar zu werden beginnt.
„Die Welt von Selfloss besteht vor allem aus dem großen Ozean, der wie der Himmel ist. Allerdings ist es tatsächlich nur ein Ozean, in dem ein einziger riesiger Wal schwimmt“, so Goodwin. „Eines Tages fiel dieser zu Boden, woraufhin Teile seines Körpers zum Leben erwachten und zu Fischen, Tieren und verschiedenen Arten und Rassen wie Menschen, Riesen und Elfen wurden (die bei uns allerdings „Elfurys“ heißen, weil das isländischer klingt). Sie alle wurden aus dem verwesenden Körper des Riesenwals wiedergeboren.“
In Selfloss beruht ein wichtiger Teil des Weltenbaus auf Ökologie, und wie könnte man den Ursprung einer Fantasiewelt besser einleiten als mit dem Absturz eines Wals, der einem biologisch-ökologischen Urknall gleichkommt. Dieser Kreislauf von Leben und Tod ist im gesamten Spiel erkennbar und sorgt für eine gut durchdachte Geschichte voller emotionaler Höhen und Tiefen.
„Das Spiel hat eine bestimmte Anzahl von Kapiteln, um für noch mehr Emotionen zu sorgen“, sagt Goodwin. „In diesen Kapiteln könnt ihr die Umgebung aber frei erkunden. Euer Hauptziel ist es, Hilfebedürftige zu unterstützen und das „Selfloss“-Ritual durchzuführen, für das ein Gegenstand benötigt wird, der für denjenigen, der [jemanden] verloren hat, und die Person, die gestorben ist, wichtig ist. Selbst wenn das auf meiner persönlichen Erfahrung beruht, höre ich immer wieder von Leuten, die auch jemanden verloren haben, dass bestimmte Gegenstände sie an die Verstorbenen erinnern. Manchmal sind diese positiv, manchmal aber auch nicht. Wichtig ist, den entsprechenden Gegenstand für die jeweilige Person zu finden.“

Für dieses Ritual braucht man außerdem einen zweiten Gegenstand – die Essenz eines „Loss Fish“ (Verlustfisches). Um ihn zu finden, müsst ihr euch in offene Gewässer begeben. Die Welt von Selfloss ist stark vom Meeresleben inspiriert und erwartet euch mit einem großen Ozean, der erkundet werden will. Da Kazimir das Segeln durchaus beherrscht, werdet ihr mit seinem bescheidenen Holzboot verschiedene Gebiete besuchen. Diese Mechanik ist ein Highlight des Spiels und ein entspanntes Erlebnis, bei dem ihr in jedem Kapitel von Kazimirs Reise die jeweilige Umgebung frei erkunden könnt.
Sobald ihr den „Loss Fish“ ausfindig gemacht habt, müsst ihr ihn zunächst einmal fangen. Das Angelsystem von Selfloss bietet eine willkommene Abwechslung zu dem, was man sonst in Spielen gewohnt ist. Ihr benutzt euren Stab als Angelrute, und wenn der Fisch an eurer Schnur zerrt und versucht, zu entkommen, seid ihr gezwungen, ihm zu folgen. Wenn ihr mit ihm Schritt halten könnt, ist euer Fang sicher. Genau wie das Kampf- kann auch das Angelsystem ein wenig kompliziert sein, aber es ist ein spannender Aspekt in einem ansonsten düsteren Ritual. „Es sollte sehr energisch und dynamisch sein“, sagt Goodwin. „Man bleibt nicht einfach nur an einer Stelle.“
Die nachdenkliche Reise von Kazimir wird zum Glück immer wieder durch solche aufregenden und erstaunlichen Momente unterbrochen. Selfloss ist ein Spiel, das zumindest für kurze Zeit zum Nachdenken anregen soll. Goodwin hofft, dass die Spieler von Selfloss genauso wie Kazimir einen Weg finden können, um ihre Seele zu heilen.
„Man erfährt schon früh im Spiel, dass er jemanden verloren hat“, erläutert Goodwin. „Hoffentlich können die Spieler, denen etwas Ähnliches widerfahren ist, darüber nachdenken und daraus Hoffnung schöpfen.“
Selfloss erscheint demnächst im Epic Games Store.