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Tchia verkörpert den Geist der Fotografie

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Mik Bromley
15. Apr. 2024

Es ist ein besonderes und lohnenswertes Vergnügen, mit einer Kamera in der Hand durch die Gegend zu reisen. Durch die Linse einer Kamera kann man in eine unbekannte Umgebung eintauchen, die Sehenswürdigkeiten eines fremden Ortes bestaunen und die Essenz einer anderen Kultur festhalten. Mit einem Bild kann man einen Moment bewahren und mit anderen teilen, sich aber auch tiefer mit einer Szenerie beschäftigen und bleibende Erinnerungen schaffen.

Die Fotografie im Spiel vermittelt bis zu einem gewissen Grad das gleiche Erlebnis. Jedes Spiel bietet eine fantastische neue Welt, in der man sich verlieren kann, und die integrierten Fotomodi stellen euch die erforderlichen Werkzeuge zur Verfügung, um eurer Kreativität freien Lauf zu lassen und ein Stückchen dieser Welt einzufangen. Dem tropischen Open-World-Abenteuer Tchia von Awaceb gelingt das ausgesprochen gut.
Tchia und der Geist der Fotografie – Der fotografische Vorgang
Eigentlich sollte man es vielleicht besser so formulieren: Tchia besitzt ein außergewöhnliches Verständnis für die Ursprünge der Fotografie als Kunstform. Dieses Spiel schafft es, ihren immateriellen Geist einzufangen und bietet nicht nur den altbekannten Fotomodus, den man aus anderen Videospielen kennt.

Nein, damit meine ich nicht ausschließlich die einzigartige Seelensprung-Fähigkeit (Soul Jump) der Titelheldin Tchia – obwohl es schon ziemlich außergewöhnlich ist, als Vogel zu fliegen, als Delfin zu schwimmen oder sich sogar in ein brennendes Holzscheit hineinzuversetzen, um ein Feuer zu entfachen. Es liegt aber auch nicht an der Coming-of-Age-Geschichte, die definitiv finsterer ausfällt, als man es aufgrund der cartoonhaften Grafik vermuten würde.

Tchia wird durch den traditionellen Fotoapparat zu einem besonderen fotografischen Erlebnis, mit dem das Fotografieren an sich genauso viel Spaß macht wie das eigentliche Bild.
Ein Fotoapparat ist nicht unbedingt auf dem neuesten Stand der Technik – weit gefehlt – aber er zieht euch in seinen Bann und verbindet euch mit der Welt von Tchia. Wenn man hier ein Bild macht, friert das Spiel nicht ein und man wird nicht vom Geschehen abgekoppelt. Bei Tchia ist die Kamera ein fester Bestandteil des Spiels und verstärkt das Erlebnis zusätzlich. Wenn ihr etwas Interessantes seht, zieht ihr die Kamera heraus und betrachtet das Ganze aus der Perspektive des Charakters, während die Welt um euch herum weiterlebt und in Bewegung bleibt. Hier könnt ihr die Welt erfassen, nicht kontrollieren.
Tchia und der Geist der Fotografie – Der Erhalt der Kamera
Aber zuvor müsst ihr die Kamera erst einmal in euren Besitz bringen, denn sie gehört euch nicht gleich von Anfang an. Das dauert nicht besonders lange – ihr müsst die Handlung nur ein wenig vorantreiben, bis ihr Kapitel IV erreicht: „Der Brauch“ (The Coutume). Tchia bekommt von Louise eine ihrer Kameras und wird von ihr regelrecht dazu aufgefordert, während ihres Abenteuers viele Fotos zu knipsen. Ab diesem Zeitpunkt könnt ihr die Kamera – wie auch eure Schleuder, eure Taschenlampe und euren Kompass – jederzeit benutzen.

Die Funktionen sind zwar recht simpel und erscheinen auf den ersten Blick vielleicht sogar eingeschränkt, aber genau das macht den Reiz an der Sache aus. Hinter dem wunderschön anmutenden Bildsucher mit einem Seitenverhältnis von 3:2 könnt ihr aus sechs verschiedenen Objektiven wählen, vom Weitwinkel mit 18 mm bis zum Telezoom mit 100 mm. Die Bildschärfe müsst ihr vollständig per Hand einstellen. Mit der praktischen Visualisierungsebene erhaltet ihr immer scharfe Motive, und die Tiefenschärfe wird automatisch geregelt und wunderschön weichgezeichnet.
Tchia und der Geist der Fotografie – Filmvorräte
Außerdem stehen euch ein Blitz für Aufnahmen im Nahbereich und eine Reihe von Farbfiltern zur Verfügung – hier zeigt Tchia, was diese Kamera wirklich alles kann. Diese Filter gibt es nämlich in Form von verschiedenen Filmvarianten für den klassischen Fotoapparat, und ihr seht nicht sofort, wie sie sich auf das fertige Bild auswirken. Es gibt nicht einmal eine Vorschau, also müsst ihr einfach damit experimentieren und euch auf die Beschreibungen verlassen, bis ihr sie beherrscht. „Farbfilm“, klasse. „Schwarzweißfilm mit hohem Kontrast“, das klingt gut. „Vintage-Film mit Rotweintönung“, ja, den will ich ausprobieren!

Wenn ihr sehen wollt, wie sich die einzelnen Filmtypen auf die Aufnahme auswirken, müsst ihr ein paar Schnappschüsse machen (es gibt Platz für bis zu 50) und dann zu einer der vier Mini-Dunkelkammern (Photo Kits) des Spiels gehen. Dort könnt ihr den Film entwickeln und endlich einen Blick auf euer Motiv werfen. Das klingt jetzt vielleicht nervig und unpraktisch – ihr dürft dabei aber nicht vergessen, dass man früher genau so fotografiert hat, und ich finde, das ist eine Meisterleistung.
Tchia und der Geist der Fotografie – 8
So wie die Karte von Tchia auf Wegpunkte verzichtet und euch bittet, euch an Sehenswürdigkeiten und Objekten zu orientieren, funktioniert auch die Kamera hier eher analog. Ihr werdet in eine Zeit zurückversetzt, in der es noch keine Satellitennavigation oder KI-gesteuerte Smartphones gab, und das erinnert uns daran, dass nicht alles unmittelbar, jederzeit und zum Wegwerfen sein muss, um einen Wert zu haben.

Und was noch wichtiger ist: Der Aufnahmevorgang zieht euch dadurch noch mehr in seinen Bann. Ohne es überhaupt zu merken, macht ihr euch mehr Gedanken über die Bildkomposition und wählt ganz bewusst aus, welcher Filmtyp für eine bestimmte Szene am besten geeignet ist. Das schult euer künstlerisches Auge und da ihr erst nach dem Entwickeln des Films wisst, ob ihr die richtige Einstellung wie gewünscht getroffen habt, ist jede Entscheidung wertvoll und besonders lohnenswert, wenn ihr einen Volltreffer gelandet habt.
Tchia und der Geist der Fotografie – Fotoausrüstung-Dunkelkammer
Wenn ihr das Ganze erst einmal beherrscht, findet ihr jede Menge Fotomotive. Tchias wunderschöner Archipel zieht seine Inspiration aus der Heimat der Gründer des Studios, Neukaledonien, und ist einfach eine Augenweide. Die vielfältigen Biome, das abwechslungsreiche Wetter, die atemberaubenden blauen Lagunen – das alles schreit euch förmlich entgegen: „Macht ein Bild!“ Auch die charakterstarken Einwohner lassen sich gerne fotografieren und posieren für euch, wenn sie sehen, dass ihr die Kamera auf sie richtet.

Mit dem Fotoapparat in der Hand wird Tchia zu eurem visuellen Spielplatz, reich an Gelegenheiten zum Experimentieren – und dann ist da noch ein letzter Kniff, der den Spaß weiter antreibt. Wenn ihr den Selbstauslöser am Fotoapparat aktiviert, stellt Tchia die Kamera auf ein Stativ, und dann habt ihr gerade noch genug Zeit, um ins Motiv zu hüpfen und selbst ein Teil der Aufnahme zu werden. Das funktioniert sogar unter Wasser!
Tchia und der Geist der Fotografie – Unterwasser
Ich will euch jetzt nicht weismachen, dass das jedes Mal klappt – es kann gut sein, dass jemand im falschen Moment blinzelt oder dass ihr den falschen Film in den Fotoapparat eingelegt habt. Ich habe schon viele „schlechte“ Bilder geschossen, die nicht so geworden sind, wie ich es beabsichtigt hatte. Das heißt aber nicht, dass es weniger Spaß gemacht hat, es überhaupt zu versuchen.

Mit dem Fotoapparat von Tchia wird jeder Ausflug auf der Insel zu einem unvergesslichen Erlebnis, und es macht großen Spaß, in die Dunkelkammer zu gehen und zu sehen, welche Aufnahmen auf eurem letzten Film gelandet sind. Wenn ihr euch noch daran erinnern könnt, wie ihr einen richtigen Film aus einem Fotoapparat zum Entwickeln gebracht habt, wisst ihr genau, was ich meine, und wer von euch noch nicht alt genug ist, um dieses besondere Vergnügen erlebt zu haben, sollte sich die Chance nicht entgehen lassen und es einfach mal ausprobieren.
Tchia und der Geist der Fotografie – 9
Ich sage oft, dass schon eine einzige gute Aufnahme mit der Kamera jede Reise zu einem unvergesslichen Erlebnis macht, selbst wenn der Rest nicht gelungen ist, und das scheint auch hier der Fall zu sein. Es geht nicht so sehr um das Ergebnis, sondern mehr darum, ein Teil des Vorgangs zu sein – und wie es ein Fotoapparat schafft, dass man sich auf einer neuen Ebene mit der Welt auseinandersetzt, indem man sie einfach nur beobachtet. Tchia schafft das mit den einfachsten Mitteln.

Wenn ihr gerne eure eigenen Erinnerungen schaffen (und bewahren) möchtet, findet ihr Tchia im Epic Games Store.