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The Expanse: A Telltale Series verkündet die Rückkehr episodischer Spiele
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Jon Irwin

In The Expanse: A Telltale Series sind Drummers Probleme auch eure Probleme. Wenn ihr sie bereits aus der gleichnamigen Fernsehserie kennt, dann wisst ihr, dass sie willensstark und pflichtbewusst ist und über die Sorte von wildem Temperament verfügt, das man bei Weltraumabenteuern braucht. Aber hier, im ersten neuen Spiel von Telltale seit fünf Jahren, trefft ihr die Entscheidungen. Und eure Crew – und das Spiel – folgen ihnen.
Episodische Erzählformen feiern ein Comeback. Damit kehrt auch eine Art von Spielen zurück, die sich auf einzigartige Weise sowohl für das Medium Videospiele als auch für unsere Gegenwart bestens eignen.
Heute erscheint die erste von fünf Episoden, die im Laufe der nächsten zwei Monate veröffentlicht werden. Der vorgesehene Zeitplan ist stark an die Fernsehserie angelehnt: Jede Episode hat eine Länge zwischen sechzig und neunzig Minuten und am Ende kennt ihr den kompletten Handlungsbogen dieser „exzentrischen Crew“, wie Drummer und ihre Mannschaft von Game Director Stephan Frost beschrieben werden. Aber was episodische Spiele so aufregend macht und von einer Fernsehserie unterscheidet, ist natürlich, dass ihr dabei nicht nur eine einzige mögliche Geschichte erlebt. Die Geschichte ist eure persönliche, denn ihr wählt selbst, wie und wann ihr bestimmte Entscheidungen trefft. Jeder Handlungsstrang verzweigt sich mehrfach und durchläuft viele Handlungsknoten. So müsst ihr – ähnlich wie in HITMAN: Welt der Attentate – den Anführer eines Weltuntergangskultes mal mit Gewalt, mal mit List zur Strecke bringen. Mal müsst ihr wie in The Walking Dead: Michonne in ein brennendes Gebäude laufen und riskiert dabei das Leben eines treuen Freundes, der euch hinterherrennt.

In The Expanse: A Telltale Series steuert ihr die Geschichte des Plündererschiffs Artemis und seiner Besatzung. Ihr erkundet kein Sonnensystem, sondern navigiert durch die Vielschichtigkeit der menschlichen Beziehungen in der angespannten Enge eines Raumschiffs, das durch den Kosmos rast. Diese Beschränkung macht die ursprünglichen The Expanse-Bücher – geschrieben von einem Autorenduo unter dem Pseudonym James S. A. Corey – so fesselnd. Das zentrale Thema ist ausgewachsene Science-Fiction, aber die Handlung folgt menschlichen Beweggründen, die so unbeständig sind wie ein Asteroid.
Die Fernsehserie, die zuerst von SyFy produziert und dann für die Staffeln vier bis sechs von Amazon übernommen wurde, setzt die Thematik des Buches fort und baut sie aus. Während die preisgekrönten „The Walking Dead“-Spiele von Telltale direkt im Universum des Comics angesiedelt sind, hält sich diese Version von The Expanse eher an die Fernsehserie. Die Episoden zeigen die beliebte Protagonistin Camina Drummer (gesprochen von Cara Gee, der Schauspielerin der Serie) in einer Zeit vor den dort erzählten Ereignissen.
Möchtet ihr selbst eine schlüssige Hintergrundgeschichte für eine Figur zusammensetzen, die ihr kennt und liebt? Jetzt habt ihr die Gelegenheit. Falls ihr aber noch nichts über das Universum von The Expanse wisst und Drummer und Konsorten erst kennenlernt, könnt ihr beruhigt sein. Es handelt sich ja um eine Vorgeschichte, was bedeutet, dass ihr nicht sämtliche späteren Ereignisse kennen müsst, um die Handlung zu verstehen. Damit ist das Spiel der perfekte Einstieg für Neulinge.
Man könnte es auch einen „Neueinstieg“ nennen. Ein großer Vorteil von episodischen Erzählungen, die auf Spielerentscheidungen beruhen, ist, dass die Folgen unserer Aktionen (oder Worte) transparent und veränderbar sind. Wir erfahren nicht erst am Schluss eines 100-stündigen Epos, ob wir das Richtige gesagt haben. Und wenn wir nach neunzig Minuten bei einem neuen Versuch sehen wollen, was sich ändert, ist auch das ein Teil des Erlebnisses.
Ein entscheidender Punkt, der episodische erzählerische Titel so interessant macht, ist ihre Wiederspielbarkeit. Sie zerlegen die durchdefinierte Erzählung des traditionellen Mediums Fernsehen in Einzelteile, mit denen ihr herumjonglieren könnt. Etwas wie Coffee Talk Episode 2: Hibiscus and Butterfly könnte als kurzes YouTube-Video funktionieren, wenn es als traditionelle Fernsehserie animiert wäre. Aber unsere direkte Beteiligung als Spieler macht aus den relativ einfachen Interaktionen eines Baristas eine spannende menschliche Geschichte, die sich real anfühlt.

Darum funktioniert Telltales eigenes New Tales from the Borderlands neben seinen eigentlichen Ego-Shooter-Spielen so gut. Bei einer derart witzigen und dialogbasierten Reihe war es eigentlich schade, dass man sich nicht selbst mit den Figuren unterhalten konnte. Das episodenhafte erzählerische Format bot langjährigen Spielern einen Grund, sich wieder mit alten Charakteren zu beschäftigen, und neuen Spieler die Gelegenheit, sie erstmals kennenzulernen.
We Are OFK ist ein weiteres neues Spiel, das die Dramaserien von gestern mit sehr moderner Sensibilität neu interpretiert: Eine junge Pop-Band strebt in unserer heutigen, von Smartphones und sozialen Medien geprägten Zeit nach Erfolg. Diese Spiele reflektieren die fragmentierte Art und Weise, in der wir heute Medien konsumieren – in Schnipseln und Clips – und sind genau die Sorte von experimentellen Titeln, die durch den digitalen Vertrieb erst möglich geworden sind. Statt „springen“ oder „schießen“ könnten in solchen erzählungsbetonten Spielen „nachdenken“ oder „entscheiden“ die wichtigen Verben sein – eine eher verinnerlichte Art von Aktion, die genauso dramatische Konsequenzen haben kann.
Das Universum von The Expanse ist voll von diesen Momenten, in denen der Charakter seelisch gefordert ist, und in den entscheidenden Momenten selbst die Geschehnisse zu kontrollieren, ist ein Erlebnis, das traditionelle Erzählmedien nicht bieten können. Fans der Serie, die ihren exquisiten Welten und fesselnden schauspielerischen Leistungen nachtrauern, warten sicher schon begierig darauf, in Drummers Gedankenwelt (und die Schwerkraftstiefel) zu schlüpfen, und nicht nur mitanzusehen, sondern selbst zu entscheiden, was als Nächstes passiert.
Seit der monumentalen ersten Saison von The Walking Dead im Jahr 2012 hat sich die Branche stark verändert, doch in gewisser Hinsicht war sie episodischen Fernsehserien noch nie ähnlicher. Der Erfolg des Battle Pass von Fortnite und seiner ununterbrochenen Reihe von eigenständigen einmaligen Events hat der Industrie gezeigt, welche Vorteile ein Spiel hat, das mehr einer altmodischen Fernsehserie ähnelt – mit besonderen Gästen und spannungsgeladenen Enden – als einem einzelnen rundum fertigen Spiel. Die Ära der „Live-Service-Spiele“ ist meiner Meinung nach eine unzutreffende Bezeichnung. Sie wirken eher wie Live-Übertragungen mit Charakteren, zu denen man jede Woche zurückkehrt, um zu sehen, was sie jetzt gerade tun.
Eine mögliche Gefahr bei episodischen Spielen – bzw. Spielen, die das Tempo und die Häufigkeit von Fernsehserien imitieren – ist eher, dass wir lieber wie bei einer Serie nur zusehen.
Aber auch das Gegenteil kann der Fall sein: Oft, wenn wir unsere Lieblingsserien sehen, rufen wir den Figuren zu, was sie tun sollen, als säßen wir im Publikum von Der Preis ist heiß und würden am liebsten direkt eingreifen. Bei den erzählerischen Spielen können wir genau das tun – und es gibt sie nicht nur von Telltale.
Womöglich feiern episodische Spiele ein Comeback, weil das Gefühl, selbst eingreifen und eine ungewisse Geschichte steuern zu können, etwas Erlösendes, fast schon Notwendiges an sich hat. Die Spielweise passt auf jeden Fall in die heutige Zeit nach der Pandemie. Ob in einem dunklen Haus auf einem Hügel oder in einem Plündererschiff, das einsam durchs All rast – wir können uns einer unbekannten Zukunft widersetzen und haben dabei außerdem die Freiheit, es uns anders zu überlegen, wenn sich eine Entscheidung als schlecht erweist.
Alan Wake 2, das kommende Spiel von Remedy Entertainment, erlebt sein Comeback genau zum richtigen Zeitpunkt. Das erste Alan Wake – seines Formats als abgeschlossenes Spiel zum Trotz – tendierte zu einer episodenartigen Erzählweise. Sam Lake, der Creative Director des Spiels, hatte Microsoft erfolglos eine episodische Veröffentlichung vorgeschlagen. Seine Struktur imitierte diejenige von Episoden von Fernsehserien, einschließlich Zusammenfassungen im Stil von „Zuvor bei …“. Nun wurde endlich die langerwartete Fortsetzung angekündigt und ihr könnt mit einem Spiel rechnen, das den Rhythmus einer gut gemachten Serie oder eines mehrseitigen Horrorthrillers nachahmt.

The Expanse: A Telltale Series ist allerdings nicht nur eine digitalisierte Version der „Choose Your Own Adventure“-Bücher, bei denen der Leser bestimmt, wie die Geschichte weitergeht. Es gibt wohl mehr „spielähnliche“ Abschnitte als in früheren Titeln von Telltale und der Schwerpunkt liegt eher auf der Erkundung in der dritten Person und einem Bewegungssystem in der Schwerelosigkeit, das Fans von Dead Space mit seiner krassen Zerstückelung oder von Kerbal Space Program mit seinen technischen Wundertaten bekannt vorkommen dürfte. Aber vor allem ist „The Expanse“ eine Geschichte, die von ihren Charakteren lebt und die ihr selbst steuert. Und dann wartet ihr ab, was passiert.
Als Streaming-Dienste populär wurden, gingen viele Dienste dazu über, alle Episoden einer Staffel auf einmal zu veröffentlichen – so konnte man alle an einem Wochenende anschauen. In letzter Zeit gibt es aber auch wieder wöchentliche Erscheinungen, ähnlich wie vor dem Streaming, als das Publikum keine andere Wahl hatte, als sich eine Folge anzusehen und dann sehnsüchtig auf die nächste zu warten. Aber diese Sehnsucht wird belohnt! Die Vorfreude wächst und die Community kann gemeinsam diskutieren und spekulieren, wie es weitergehen wird. Diese Erwartung steigert das eigentliche Erlebnis.
Ähnlich wie die kurzen Kapitel in einem fesselnden Buch bietet eine Abfolge von Episoden – jede mit eigenem Anfang und Ende – den Machern fruchtbareren Boden, um eindrucksvolle Momente zu schaffen. So haben Frost und sein Team die Möglichkeit, die Geschichte jedes Besatzungsmitglieds der Artemis vorzustellen und auszuarbeiten, und wie sie die Reise überleben werden (oder vielleicht auch nicht). Eine Unterteilung in 90-minütige Kapitel bietet mehr Gelegenheiten für erzählerische Höhepunkte und eine fesselnde und mitreißende Geschichte. Rehe bevorzugen die Randgebiete des Waldes aus einem bestimmten Grund: Dort finden sie mehr Nahrung. Das gilt auch für die Erzählung.
The Expanse: A Telltale Series möchte daraus Kapital schlagen. Die heutige erste Episode bereitet den Weg für dieses neue Kapitel und schürt die Begeisterung eines geduldigen, aber gespannten Publikums. (Das Spiel ist vor dem Beginn der Serie angesiedelt, aber eine12-teilige Graphic Novel, „The Expanse: Dragon Tooth“, wird dort ansetzen, wo die Serie aufgehört hat, und dabei verschiedene Handlungsstränge aus den Büchern aufgreifen.)
Plant Telltale ein weiteres Abenteuer, in dem die Spieler die Kontrolle über ein neues Schiff erhalten, das von einer anderen der beliebten Figuren der Serie gesteuert wird? Die Produzenten der Serie sagten Variety im Jahre 2021, dass sie „alle interessanten Möglichkeiten in Betracht ziehen“.
Das werden wir nicht vergessen.