
The Game Awards: Geoff Keighley spricht über Fankultur, Hilfe von Britney und die Entwicklung der Show

Geoff Keighley, der charismatische Moderator und die treibende Kraft hinter The Game Awards, ist sich der Kritik an seiner gleichzeitigen Rolle als Veranstalter, Fan und Pate der Videospielbranche durchaus bewusst.
Bei The Game Awards wird bekanntermaßen die Crème de la Crème der Videospielbranche gefeiert. Es handelt sich praktisch um die Oscar-Verleihung im Gaming-Bereich – mit Orchester, prominenten Moderatoren und glänzenden Trophäen im Art-déco-Stil für die Gewinner (in Kategorien wie „Beste Erzählung“, „Innovation bei der Zugänglichkeit“ oder „Spiel des Jahres“). Bei dieser Veranstaltung werden die besten Spiele des Jahres ausgewählt, gewichtet, gemessen und geehrt.
Daher haben The Game Awards einen ganz besonderen Stellenwert für den gesamten Sektor. Neben den Preisverleihungen gibt es auch zahlreiche exklusive Enthüllungen und Trailer für zukünftige große und kleine Spiele. Doch anders als die E3 mit ihren Pressekonferenzen werden The Game Awards nicht von der Entertainment Software Association (ESA) veranstaltet, dem Lobbyverband der Branche, der für die Spiele und ihre Entwickler eintritt.
Bei diesem Event steht Geoff Keighley im Mittelpunkt. Keighley ist unabhängig und gleichzeitig Vertreter einer leidenschaftlichen Gamer-Gemeinde, Pate der Branche und jemand, der eng mit den Leuten zusammenarbeitet, die von The Game Awards praktisch gefördert werden.
Das ist eine vielschichtige Position, die Kritik geradezu herausfordert, und Keighley bemüht sich sehr, weder Anpreiser noch Superfan zu sein – wobei er dieses Jahr nach eigener Schätzung sechs bis sieben Monate an der Vorbereitung von The Game Awards 2023 gearbeitet hat, die am 8. Dezember live gestreamt werden.

„Es ist ein ständiger Balanceakt“, so Keighley. „Manchmal wird unsere Show als zu kommerziell empfunden, was ich verstehen kann. Aber unsere Veranstaltung ist unabhängig in dem Sinn, dass wir kein Geld mit dem Verkauf von Spielen verdienen. Wenn eine Spieleplattform ein Livestream-Event durchführt, wird das über das Marketingbudget finanziert. Da wir über solchen Luxus nicht verfügen, sind wir auf Sponsoren angewiesen. Glücklicherweise hat sich das Sponsoring im Laufe der Jahre verbessert, da es immer mehr Partner gibt, die sich wirklich für dieses Publikum interessieren.“
Damit meint er die Millionen von Zuschauern von The Game Awards, die jedes Jahr diese mehrere Stunden dauernde Veranstaltung verfolgen.
„Diesen Druck spüre ich jedes Jahr“, erklärte Keighley. „Es wird leider nicht einfacher.“
Keighley beklagt sich während unseres Gesprächs mit keinem Wort, er gibt allerdings zu, dass The Game Awards, das Summer Game Fest und die Moderation der Opening Night Live der Gamescom viel Zeit in Anspruch nehmen. Obwohl er es gerne tun würde, wird er wahrscheinlich nicht so bald einen Dokumentarfilm drehen.
Stattdessen konzentriert er sich auf die Gelegenheiten, die ihm geboten werden, und darauf, wie er sie mit anderen Fans von Videospielen teilen kann.
„In unserer Show sind wir stark an der kreativen Gestaltung von Spielankündigungen und Trailern beteiligt“, erläuterte Keighley, „was den Fans vielleicht nicht immer bewusst ist. Selbst wenn uns ein CG-Trailer vorgeschlagen wird, sagen wir oft noch ‚Sehr gut, aber könntet ihr am Schluss für die Fans vielleicht noch etwas Gameplay zeigen?‘ So gibt es viele Stellen, an denen wir versuchen, bei der Gestaltung mitzumischen, während wir natürlich den Entwicklungsstand der Spiele berücksichtigen müssen.“
Keighley versteht sich nicht einmal als Veranstalter. Er fühlt sich eher als Tourguide, der die Zuschauer durch das von ihm und seinem Team erstellte Projekt führt.
„Ich habe das ganze Jahr über an der Show gearbeitet. Ich glaube, das Format funktioniert auch deshalb so gut, weil die Beziehung zum Publikum so authentisch ist“, so Keighley. Inzwischen feilt er schon seit einem Jahrzehnt an dieser Authentizität, denn The Game Awards feiern ihr 10-jähriges Bestehen.
Vor The Game Awards moderierte Keighley die Video Game Awards auf Spike (sie wurden 2013 bei der bislang letzten Veranstaltung in VGX umbenannt). Die Produktion der VGA wurde immer schwieriger, sodass Keighley daran dachte, das Projekt ganz aufzugeben. Erst ein Gespräch mit Sam Hauser, dem Mitbegründer und Präsidenten von Rockstar Games – dessen Grand Theft Auto V bei den letzten VGX gerade zum Spiel des Jahres gekürt worden war – änderte Keighleys Meinung.
„Sam betonte, wie wichtig es sei, eine solche Show ins Leben zu rufen, um unsere Branche genauso zu feiern, wie es in jeder anderen Form der Unterhaltung der Fall sei“, sagte Keighley. „Das bedeutete mir wirklich viel und bestärkte mich darin, weiterzumachen und etwas Neues aufzubauen. Auch PlayStation und Reggie von Nintendo glaubten schon sehr früh daran. Ich fand einfach, dass dieses Medium wirklich seine eigene jährliche Feier verdient. Da das Gaming immer mehr an Bedeutung zunahm, musste auch unsere Veranstaltung größer und vor allem globaler werden.“
Weil er nicht einfach nur eine Show moderieren wollte, begann er mit der Planung eines eigenen Events. Laut Keighley war das erste Jahr sehr schwierig und er hatte nur sechs Wochen Zeit, um die Show auf die Beine zu stellen.
„Wir konnten uns kein Set leisten“, so Keighley, „doch Britney Spears war bereit, uns ihre „Piece of Me“-Bühne in Las Vegas zur Verfügung zu stellen – wir nutzten all ihre Scheinwerfer und Leinwände und entfernten nur den Feuerring. So konnten wir eine Show machen, die sich viel größer anfühlte, als sie tatsächlich war.“
Er lobt auch PlayStation für die „enorme Unterstützung“ während der Anfangszeit. „Parallel zur Show fand in Las Vegas ein ‚PlayStation Experience‘-Event statt, das die Fans in die Stadt und zu unserer Veranstaltung lockte. Man muss dabei bedenken, dass wir die Show ganz allein auf die Beine stellten, ohne Medienpartner oder Geldgeber. Das war schon ziemlich verrückt.“
Es sollte sich jedoch bezahlt machen. Wenn er auf die letzten zehn Shows zurückblickt, ist Keighley besonders stolz darauf, wie sehr The Game Awards gereift sind und welche Hindernisse er gemeinsam mit seinem „unglaublichen Produktionsteam hinter den Kulissen“ überwunden hat. „Eigentlich wollten wir von Anfang an ein Orchester für die Show, aber in den ersten drei Jahren konnten wir es uns nicht leisten“, verriet er. „Dann kam 2017 das Orchester dazu, was der Show wirklich einen anderen Rahmen verlieh. Die Ehrung des Spiels des Jahres ist ein charakteristischer Moment unserer Veranstaltung geworden.“

Dann war da natürlich noch das Jahr 2020, in dem selbst kleine Familientreffen schwierig zu planen waren, ganz zu schweigen von einer weltweit übertragenen Preisverleihung.
„Ich bin unglaublich stolz auf unser Team und darauf, wie wir uns im Laufe der Jahre angepasst haben – und nie aussetzen mussten, nicht einmal während der Pandemie“, betonte Keighley. „2020 war allerdings richtig hart. Die Show fand zwei Tage nach dem zweiten Lockdown in L.A. statt. Vor meinem Haus stand ein Satelliten-Truck, falls ich die Sendung von daheim aus moderieren musste. Das war ein wirklich schreckliches Jahr für uns alle, aber unser Team schaffte es trotzdem!“
Die Show befindet sich in ständiger Entwicklung und wird von ihm immer wieder verbessert. Woran hat Keighley nun in diesem Jahr gearbeitet? Zunächst einmal erhofft er sich durch seine Reisen eine größere internationale Resonanz.
„Endlich konnte ich nach COVID dieses Jahr um die Welt reisen und vor allem Teams und Entwickler in Europa und Japan besuchen. Ich schätze, das wird man der Show anmerken – wir haben fantastische Sachen von Entwicklerteams aus der ganzen Welt im Programm. Ich war seit der Zeit vor der Pandemie nicht mehr in Japan und freute mich wirklich, zu sehen, wie gut die Show dort bei den Studios und Zuschauern ankommt.“
Ein faszinierender neuer Schwerpunkt in diesem Jahr liegt darin, den Zuschauern – also den Spielern – etwas vorzustellen, was sie andernfalls vielleicht gar nicht bemerken würden. „Es wird ein besonderes Jahr werden, denn es werden viele neue Titel vorgestellt, darunter nicht nur Mega-Franchises und Blockbuster-Fortsetzungen, sondern auch neue Welten und innovative Entwicklungen“, so Keighley. „[The Game Awards] sollen den Fans auch dabei helfen, neue Spiele und neue Teams zu entdecken. Es werden sicherlich wieder viele Leute dabei sein. Daher suchen wir nach Möglichkeiten, um auch neuen Entwicklern eine Bühne zu bieten.“
Das ist Geoff Keighley, so wie man ihn kennt. Er ist nicht nur Moderator, nicht nur Tourguide, nicht nur Fan, nicht nur Branchensprecher, sondern wirklich ein bisschen von allem. Dessen ist er sich durchaus bewusst und deshalb bereit, die Verantwortung für die ganze Sache zu übernehmen.
„Ich weiß, dass [The Game Awards] ein besonderer Anlass für alle Spiele-Fans sind, und wir arbeiten so hart wie möglich daran, alle stolz darauf zu machen, Teil dieser Branche zu sein.“
Der Livestream von The Game Awards 2023 beginnt am 8. Dezember um 01:30 Uhr MEZ. Ihr könnt die Veranstaltung auf mehr als 40 Plattformen verfolgen, darunter Facebook, Instagram Live, Steam, TikTok Live, Twitch, X (früher Twitter) und YouTube.