
Der geheime Modus macht aus dem gnadenlosen Plattformer Rain World eine Zen-Safari

Wenn ihr in den Ruinen von Rain World eine ausgewachsene Nudelfliege (Noodlefly) entdeckt, könnt ihr davon ausgehen, dass ihr eine Schar von Nudelfliegenkindern auf den Fersen ist. Diese fliegenden rosa Tierchen neigen dazu, einen Klumpen zu bilden, und klammern sich an die röhrenförmigen Körper ihrer Eltern, um im Flug von einer Seite zur anderen zu baumeln. Gelegentlich sind sie auch allein unterwegs und schwirren um euch herum. Wenn ihr aufmerksam lauscht, könnt ihr sogar ihr Piepsen hören.
Diese witzigen Würmer machen nur ein Bruchteil der bizarren Kreaturen aus, die dieses schlüpfrige Metroidvania bevölkern. Pflanzen liegen als Strukturen getarnt auf der Lauer und warten darauf, ihre Blätter auszubreiten und nach vorbeiziehenden Tieren zu schnappen. Laternenmäuse (Lantern Mice) erhellen Höhlen mit ihren natürlich leuchtenden Bäuchen, um auf ihrer Flucht vor Raubtieren den Weg zu finden. Und neonfarbene Eidechsen (Lizards) machen in belebten Bereichen ihre Runde auf der Suche nach ihrer nächsten Mahlzeit, die oft ausgerechnet ihr seid. Die meisten dieser Geschöpfe sind skurril, viele sind gefährlich, und alle recht niedlich, solange sie nicht an euch knabbern.
Zum Glück lässt sich das vermeiden. Der Safarimodus, der als Teil des DLCs „Downpour“ von Rain World eingeführt wurde, stellt das Spiel auf den Kopf und verwandelt das gnadenlose Sidescroller-Abenteuer in ein reines Zuschauererlebnis, bei dem ihr die Kreaturen ohne jede Interaktion in ihrem Lebensraum beobachten könnt. Die postapokalyptische Welt ist exakt die Gleiche, nur ohne ständige tödliche Bedrohungen und den Zeitdruck der Überflutungen, die im Hauptspiel in regelmäßigen Abständen drohen, alles wegzuspülen. Lehnt euch zurück, entspannt euch und genießt die Pixel-Ökosysteme von Rain World.

„Eine Inspiration für den Safarimodus waren die Meditationsstatuen von ABZÛ, die dort ein ähnliches Erlebnis vermitteln, nämlich eine Spielpause einzulegen, um die Umgebung und die darin lebenden Lebewesen zu beobachten“, so Projektleiter Andrew Marrero. Die Spieler hatten sich eine friedlichere Art gewünscht, Rain World abseits des brutalen und oft gnadenlosen Hauptabenteuers zu genießen, in dem ein falscher Sprung oder ein unglücklicher Zusammenstoß mit einem versteckten Tier den Fortschritt schnell zunichte machen kann.
Obwohl diese Idee aus ABZÛ durchaus hilfreich war, fühlte sie sich bei der Umsetzung in Rain World eher unzureichend an. „Unsere Befürchtung war, dass die Spieler den Modus schnell ignorieren würden, wenn er nicht mehr zu bieten hätte“, verriet Marrero, „daher beschlossen wir, ihn auszubauen und noch einen Schritt weiter zu gehen.“
Die Welt einfach nur zu betrachten, so die Idee, war nicht genug. Die Spieler sollten auch ein Teil davon sein. Im Safarimodus seid ihr zunächst passive Beobachter, die die Welt erkunden und das prozedurale Verhalten seiner Kreaturen erleben, die sich regelmäßig angreifen und gegenseitig auffressen. Der eigentliche Reiz liegt jedoch darin, sie zu steuern. Spielt einen Tausendfüßler (Centipede) und versetzt anderen Tieren einen Stromschlag, indem ihr sie zwischen euren beiden Schockköpfen einklemmt. Schlüpft in die Haut eines Jetfischs (Jetfish), um durch die Tiefen zu gleiten. Oder steuert einen Skorpion (Dropwig) und lockte Beute in die Richtung eures Sturzangriffs.
Dieser geschickte Rollentausch hat genug Finesse, um nicht wie eine Ergänzung, sondern wie ein eigenständiges Spiel zu wirken. Jede Region hat ihre eigene Welt von Kreaturen, die sie zuckend und torkelnd bevölkern – nur dass ihre seltsamen unberechenbaren Bewegungen jetzt ihren Schrecken verlieren, da sie in euren Händen liegen.
Nach der niedlichen, aber glitschigen Katzenschnecke (Slugcat) aus dem Hauptspiel bieten euch die Kreaturen des Safarimodus mehr Mobilität und Freiheit, um eure Umgebung zu erkunden. Winkel, die vorher unzugänglich waren, sind dank der neuen Flügel plötzlich erreichbar, und nasse Tiefen, die vorher unerreichbar waren, werden zu eurem natürlichen Lebensraum. Es ist allerdings möglich, dass die dortigen Bewohner von eurem plötzlichen Auftauchen nicht sehr begeistert sind.

Euch wird also jede Menge geboten. Und zwar so viel, dass allein der Safarimodus sechs Monate Entwicklungszeit in Anspruch nahm. „Die Geschöpfe in Rain World sind alle sehr unterschiedlich, sie benötigen praktisch alle ihren eigenen internen Code“, so Marrero. Für jedes musste eine eigene Steuerung entwickelt werden, und sogar Varianten derselben Art verfügen über unterschiedliche Spezialfähigkeiten. Blaue Eidechsen können zum Beispiel Beute mit ihrer Zunge fangen, während weiße Eidechsen die Farbe ihrer Haut ändern, um sich in ihrer Umgebung zu tarnen. Richtig Spaß macht es aber, zwischen ihnen hin- und herzuwechseln und zu sehen, wie die Tierwelt um euch herum reagiert, wenn ihr ihren Lebensraum stört.
„Der Safarimodus wurde als Sandbox-Erlebnis konzipiert, bei dem die Spieler selbst entscheiden können, was sie damit machen“, betonte Marrero. Es gibt keine Ziele und man kann auch nicht gewinnen. Es geht einzig darum, die wimmelnden Ökosysteme von Rain World spielerisch zu erforschen. Und für diejenigen, die längere Gameplayvideos auf YouTube hochgeladen haben, in denen sie einfach nur im Safarimodus den Kreaturen bei ihrem Treiben zuschauen, ohne selbst einzugreifen, scheint es auch eine Art meditative Befreiung zu sein.
Was ihr letztendlich daraus macht, liegt ganz bei euch. „Der Safarimodus eignet sich auch hervorragend für Rollenspiele“, so Marrero, „bei denen die Spieler ihrer Fantasie freien Lauf lassen und ihre eigenen Regeln und Ziele aufstellen können, um sich in selbstgewählte Herausforderungen zu stürzen.“
Falls ihr ihn selbst ausprobieren wollt, müsst ihr zuvor die Hindernisse des Hauptspiels von Rain World überwinden. Der Safarimodus wird Stufe für Stufe freigeschaltet, indem ihr in jeder Region von Rain World Sammelobjekte findet. Die dynamischen Ökosysteme sind sehr unterschiedlich und reichen von industriellen Produktionsanlagen über biomechanische Höhlen bis hin zu großen Müllbergen. Aber wenn ihr hektisch nach einer Zuflucht sucht oder ums Überleben kämpft, habt ihr sicherlich andere Sorgen, als sie zu bewundern.
„Ich hoffe, der Safarimodus ist eine neue Möglichkeit, sich mit den Umgebungen von Rain World zu beschäftigen“, sagte Marrero. „Und ich hoffe ebenso, dass er den Spielern nach einer besonders frustrierenden Spielsitzung eine angenehme Verschnaufpause bietet, bei der sie sich entspannen können.“
Das klingt nach der perfekten Art, eine feindselige außerirdische Welt zu genießen.