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Liu Kangs seltsame Geschichte als japanischer Gelehrter, Dichter und Politiker in Mortal Kombat 1

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Meghan Sullivan
11. Sept. 2023

Seit seinem schockierend blutigen Debut im Jahr 1992 begeistert Mortal Kombat Fans von Kampfspielen mit seinen verrückten Kombos und seinen brutalen Finishing-Moves. In den letzten drei Jahrzehnten hat das Franchise die Blutrünstigkeit und Gewalt auf immer neue Höhen getrieben (zu unserer Freude), und die meisten Fans würden wahrscheinlich zustimmen, dass die zunehmend verworrene Handlung dem überdrehten Gameplay in nichts nachsteht. Charaktere sterben, werden wieder zum Leben erweckt, reisen durch die Zeit, schweben und fliegen, verlieben sich und schwören sich blutige Rache. Aber die Krone für die abgehdrehtesten Handlungsstränge gebührt zweifellos Liu Kang, dem Standardprotagonisten und unermüdlichsten Beschützer des Erdenreichs der Mortal Kombat-Reihe. (Zugegeben, Raiden wäre auch ein Kandidat, aber wir wollen hier auf Haarspaltereien verzichten, um nicht noch mehr Verwirrung zu stiften.)

Die Hintergrundgeschichte von Mortal Kombat war schon immer ziemlich überdreht, aber Liu Kangs Werdegang sprengt alle Grenzen der Vorstellungskraft. Er begann als sympathischer Bruce-Lee-Klon, wurde zum kettenbewehrten Zombie und zum verbitterten, korrupten Herrscher des Unterreichs und wird jetzt – im kommenden Titel Mortal Kombat 1 – zu einem zeitreisenden Gott, der die Erde mit seinen Feuer- und Blitzkräften schützt.

Seine neueste Entwicklung ist sicher etwas übertrieben (er ist ein Zombie, eine frühere Version seiner selbst und ein Feuer- und Donnergott – alles auf einmal), doch seine jüngste Vergöttlichung ist wirklich beeindruckend. Wenn unser echtes Erdenreich doch nur von so einem eindrucksvollen Gott beschützt würde!

Wie wir feststellen werden, wird es das sogar. Und genau wie bei Liu Kang steckt die Verwandlung dieser Gottheit von einem sanftmütigen Gelehrten über einen rachsüchtigen Geist hin zu einem mächtigen Donnergott (und später zu einem Gott der Weisheit) voller überraschender und unerwarteter Wendungen. Es handelt sich um keinen Geringeren als Sugawara no Michizane, eine echte historische Figur und einer von Japans drei großen Geistern der Rache.
Liu Kangs seltsame Geschichte als japanischer Gelehrter, Dichter und Politiker in Mortal Kombat 1 – Suga
 

Aufstieg und Fall des Sugawara no Michizane


Sugawara no Michizane wurde im Jahr 845 während der Heian-Zeit (794 – 1185) in Japan geboren. Der Legende nach war er ein Wunderkind und konnte bereits im Alter von fünf Jahren wortgewandt Gedichte rezitieren, ein unter Aristokraten sehr geschätztes Talent. Als junger Erwachsener bestand er seine Beamtenprüfung mit Bravour und erhielt im Jahr 870 als angehender konfuzianischer Gelehrter ein untergeordnetes Amt am Hof. Durch seine Stellungnahme im Machtkampf zwischen Kaiser Uda und der mächtigen Fujiwara-Familie im Jahr 890 erlangte er die Gunst des Kaisers und wurde zum „Udaijin“ (Kanzler zur Rechten) berufen, einem der mächtigsten Ämter am Hofe.

Michizanes rascher Aufstieg und die Hochzeit seiner Tochter mit dem Sohn des Kaisers missfielen den Fujiwara, die in ihm eine Gefahr für ihre eigenen Ambitionen erkannten. Nachdem Kaiser Uda im Jahr 897 seinem Sohn Daigo den Thron überlassen hatte, heckte Fujiwara no Tokihira (der Anführer des Fujiwara-Klans) einen Plan aus, um sich seines Rivalen zu entledigen. Er überzeugte den jungen Daigo davon, dass Michizane, der Kanzler zur Rechten, Hochverrat plane und ihn als Kaiser entmachten wolle, um seinem Schwiegersohn den Thronaufstieg zu ermöglichen.

Kaiser Daigo ließ sich von dieser Verleumdung überzeugen, degradierte Michizane und verbannte den ehemaligen Udaijin in die Provinz Dazaifu auf der Insel Kyushu. Nur zwei Jahre nach seiner Verbannung vom Hof verstarb Michizane im Jahr 903 mit gebrochenem Herzen. Hier könnte man die Geschichte zu Ende wähnen, doch im weiteren Verlauf nahmen die Dinge eine schreckliche Wendung.

Nur sechs Jahre nach Michizanes Tod erlag Tokihira plötzlich einer Krankheit. Sein unerwartetes Ableben beunruhigte die Fujiwara-Sippe, und sie beschloss, dem missmutigen Geist Michizanes einen buddhistischen Tempel zu weihen, in der Hoffnung, ihn zu besänftigen. Doch zu ihrem Unglück gelang dies nicht. Stattdessen war es der Auftakt zu einer Reihe ominöser Katastrophen, die die Hauptstadt Kyoto beinah ein halbes Jahrhundert lang erschüttern sollten.
Liu Kangs seltsame Geschichte als japanischer Gelehrter, Dichter und Politiker in Mortal Kombat 1 – Hof
 

Von einer Katastrophe in die nächste


Einer der ersten Vorfälle, der eindeutig dem rachsüchtigen Geist Michizanes zugeschrieben wurde, ereignete sich im Jahr 923, als der Sohn von Kaiser Daigo krank wurde und starb. Das plötzliche Ableben seines Sohnes erschütterte den Kaiser. In der Gewissheit, dass Michizanes zorniger Geist dafür verantwortlich sei, der unter anderem auch für eine bereits im Jahr 908 begonnene Reihe von Krankheiten und seltsamen Unfällen verantwortlich gemacht wurde, erließ Kaiser Daigo posthum ein Edikt, mit dem er Michizane begnadigte und ihm seinen Rang als Udaijin zurückgab.

Doch auch dies konnte den erzürnten Geist nicht besänftigen. Der Hof wurde weiterhin von einer Reihe von Katastrophen heimgesucht – heftige Stürme, Dürreperioden, Erdbeben und Krankheiten.

Der haarsträubendste Vorfall ereignete sich im Jahr 930, als der kaiserliche Palast von einem Blitz getroffen wurde, der mehrere Höflinge auf der Stelle tötete. Der darauffolgende Großbrand forderte weitere Menschenleben. Viele der Opfer standen den Fujiwaras nah, der Familie, die für Michizanes Verbannung gesorgt hatte. Doch damit nicht genug des Unheils: Drei Monate später verstarb Kaiser Daigo an einer Krankheit (möglicherweise als Folge des erlittenen Schocks). Der gesamte Hof wurde von Angst gepackt, und kurze Zeit nach dem Blitzschlag verbreiteten sich zahlreiche Berichte von Visionen eines rachsüchtigen Michizane in Gestalt von Raijin (Raiden), Japans gefürchtetem und geachtetem Gott des Donners. Diese Berichte stellten eine unvergängliche Verbindung zwischen Michizane und Raijin her.
Liu Kangs seltsame Geschichte als japanischer Gelehrter, Dichter und Politiker in Mortal Kombat 1 – Schrein
 

Vergöttlichung


In der festen Überzeugung, einen generationenübergreifenden Fluch auf sich gezogen zu haben, suchten die Angehörigen des Hofes verzweifelt nach einer Lösung, um den verärgerten Geist zu besänftigen. Ihre Gebete fanden schließlich eine Antwort, als eine Schamanin namens Taijihi no Ayako erkannte, dass die beste Möglichkeit zur Besänftigung von Michizanes missmutigem Geist darin bestand, ihn zu einer Shinto-Gottheit zu erheben. Daraufhin wurde im Jahr 947 ihm zu Ehren ein Schrein errichtet – der berühmte Kitano-Tenmangu-Schrein in Kyoto. Damit wurde Michizane offiziell zum Gott Karai Tenjin, was soviel bedeutet wie „Himmelsgottheit des Feuers und des Donners“.

Doch auch nach dieser Ehrerbietung lebte der Hof weiter in Angst vor der großen Macht des Gottes. Im Jahr 987, 85 Jahre nach Michizanes Tod, verlieh Kaiser Ichijo dem Gelehrten posthum den offiziellen Titel Tenman Dai Jizai Tenjin. (Tenjin sind himmlische Wesen, die schon seit der Antike verehrt werden.)

So wurde Sugawara no Michizane an der Seite von Taira no Masakado und Kaiser Sutoku zu einem von Japans drei großen Geistern der Rache. Geschichten über Michizane sind in Japan besonders beliebt, und man findet seinen Einfluss überall, von Kabuki-Theaterstücken bis hin zu Anime-Serien.

Trotz seiner schrecklichen Macht als feuriger Donnergott traten Michizanes furchteinflößende Aspekte schnell in den Hintergrund und er wurde als wohlwollender Gott betrachtet, der Gelehrten half und für diejenigen, die an einem seiner vielen Schreine andachtsvoll beteten, Wunder vollbrachte. Die Tradition, dass Gelehrte ihm rituell Gedichte überbringen, besteht schon seit dem 10. Jahrhundert. Er wurde sogar von Zen-Mönchen für seine Gelehrsamkeit und Weisheit verehrt. (Shinto- und buddhistischer Glaube beeinflussten sich bis zur Meiji-Zeit häufig.)

Heute gilt Sugawara no Michizane als unangefochtener Gott der Weisheit, und jedes Jahr machen sich Tausende japanische Studenten auf den Weg zu einem seiner zahlreichen Schreine (manche Zählungen gehen von mehr als 10.000 Schreinen aus), um ihn um Hilfe bei ihren Prüfungen anzurufen.

Die Legende von Sugawara no Michizane ist eine faszinierende und bedeutsame Geschichte, besonders wegen der Intrigen am kaiserlichen Hof und der merkwürdigen Häufung von Naturkatastrophen. In Anbetracht dieser seltsamen Mischung aus Geschichte und Überlieferung erscheint Liu Kangs seltsame Reise zwischen den Reichen jenseits der Erde weit weniger unvorstellbar. Wie es so schön heißt: Das Leben schreibt die besten Geschichten.

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