
The Talos Principle 2: Die Suche nach Menschlichkeit in einem Zeitalter der Roboter

Vor Jahren, als der Entwickler Croteam mit der Planung einer Fortsetzung seines erfolgreichen Puzzlespiels The Talos Principle begann, war die Idee, dass künstliche Intelligenz eine Bedrohung darstellen könnte, reiner Stoff für Science-Fiction-Filme und Fantasiewerke. The Talos Principle 2 wird in einer anderen Zeit veröffentlicht, in der jeder Zugang zu hochentwickelten KI-Tools wie ChatGPT hat.
Doch die Croteam-Autoren Jonas Kyratzes und Verena Kyratzes sind der Meinung, dass diese Gegenüberstellung weniger zutreffend ist, als man denken könnte, und dass unsere heutigen KI-Modelle nur wenig mit den empfindsamen Robotern in ihrer Welt zu tun haben. Und selbst wenn sie im Stil von Skynet zum Leben erwachen würden, wäre das nicht unbedingt etwas Schlechtes.
„Wir haben an dieser Geschichte schon so lange gearbeitet, dass ein Großteil der aktuellen KI-Debatte beim Schreiben des ersten Entwurfs noch nicht so weit entwickelt (oder so hitzig) war wie heute“, erklärt Verena. „Aber eine Sache, die uns sehr am Herzen liegt, ist, dass KI nicht als Bedrohung wahrgenommen werden sollte.“
„ChatGPT und DALL·E und ähnliche Programme sind eigentlich keine künstliche Intelligenz in diesem Sinne. Sie sind nicht empfindungsfähig, so wie ein Mensch empfindungsfähig ist“, so Verena weiter. „Wir wollten eine Geschichte erzählen, in der eine Maschine genauso intelligent und fähig ist, komplexe Gedanken und Emotionen zu entwickeln wie ein menschliches Wesen, und das als etwas Gutes darstellen – denn warum sollte es etwas Unheimliches sein? Intelligenz sollte gefeiert und nicht gefürchtet werden.“

The Talos Principle überraschte alle bei der Veröffentlichung im Jahr 2014. Ein herausforderndes Rätselspiel in der Tradition von Portal und Antichamber, mit einer durchdachten Sci-Fi-Geschichte, die die Bedeutung der Menschheit und die der künstlichen Intelligenz erforscht – entwickelt von einem Studio, das vor allem für seine Arbeit an den überdrehten Shootern Serious Sam bekannt ist.
Da The Talos Principle 2 nun fast ein Jahrzehnt nach dem Original erscheint, haben wir uns mit den Autoren Jonas Kyratzes und Verena Kyratzes zusammengesetzt, um darüber zu sprechen, welche neuen Wege die Fortsetzung beschreiten wird, warum es so lange bis zur Veröffentlichung gedauert hat und was es bedeutet, ein Spiel über KI im Zeitalter der KI zu entwickeln.
Ein Ableger von Serious Sam
Als Franchise hat The Talos Principle einen unwahrscheinlichen Ursprung – nämlich in der Serious Sam-Reihe. Die Grundidee für The Talos Principle stammte von einem Waffenprototyp, dem Jammer, den Croteam für Serious Sam 4 entwickelt hatte, und der Objekte wie Kraftfelder, Waffen und sogar ganze Gegner aus der Ferne ausschalten kann. Beim Testen einer Reihe von Prototyp-Levels entschied Croteam, dass die Mechanik so viel Spaß machte, dass sie einen eigenen Titel verdiente, was schließlich zur Entwicklung des ersten The Talos Principle führte.
Laut Jonas waren die Ursprünge der Fortsetzung etwas simpler – die Schwierigkeiten steckten jedoch in den Details.
Das Team wusste von Anfang an, wie die Geschichte von The Talos Principle 2 aussehen würde. „Vom erzählerischen Standpunkt aus betrachtet, hatten wir die Idee für The Talos Principle 2 schon seit der Entwicklung des ersten Spiels“, sagt Jonas. „Wenn man genau hinschaut, finden sich die groben Züge [von The Talos Principle 2] bereits im Original. Wir wussten also von Anfang an, dass wir mit dieser Welt noch nicht fertig waren. Wir hatten die Geschichte von der Geburt dieser neuen Menschheit erzählt und jetzt wollen wir sie auch zu Ende erzählen.“
The Talos Principle ist ein Sci-Fi-Spiel mit einer philosophischen Note und seine Fortsetzung ist da nicht anders. Wie bei vergleichbaren Titeln – z. B. System Shock oder The Witness – spielt die Handlung in einer abgeschiedenen, einsamen Umgebung mit mysteriösen Ursprüngen.
Im Originalspiel The Talos Principle erkundet ihr eine Reihe von ruhigen Rätselkammern. Der einzige Begleiter ist eine gesichtslose Stimme, die sich Elohim nennt – ein rätselhaftes Wesen, das euch anweist, den riesigen Turm im Zentrum des Ganzen nicht zu erkunden.
Obwohl es in The Talos Principle 2 immer noch viele Rätselräume gibt, die ihr lösen müsst, erklärt Verena, dass es dieses Mal auch weitere Charaktere gibt, mit denen ihr direkt interagiert.

„Die Audiologs und Terminaltexte aus The Talos Principle tauchen wieder auf, auch wenn die Logs diesmal von anderen Personen stammen“, so Verena. „… Da wir eine Geschichte über die Gesellschaft erzählen, war es wichtig, den Spieler diese Gesellschaft erleben und an ihr teilhaben zu lassen ...Das zweite Spiel hat viel mehr interaktive Charaktere, die alle ihre eigene Meinung zu der Welt und ihrer Zukunft haben. In seinem Kern ist The Talos Principle 2 eine charakterbezogene Erzählung.“
Obwohl Jonas und Verena uns nicht viel über die Geschichte der Fortsetzung verraten konnten, wissen wir, dass sie in einer reinen Robotergesellschaft spielt, in der es scheinbar keine Menschen gibt – vermutlich die Welt, auf die eines der Enden des Originalspiels hindeutet. Den Autoren zufolge geht es in The Talos Principle 2 darum, dass sich diese Roboter mit den Fragen auseinandersetzen, die ihre wachsende Gesellschaft aufwirft, z. B. ob die Menschen überhaupt nachahmenswert sind. „Einfach ausgedrückt: The Talos Principle handelte von den Anfängen der nicht-biologischen Menschheit und The Talos Principle 2 handelt von ihrem Erwachsenwerden“, erklärt Verena. „Für uns war das der nächste logische Schritt.“
Obwohl es ein Rätselspiel ist, entschied sich das Original The Talos Principle dafür, sich auf eine Vielzahl von Mechanismen zu konzentrieren, anstatt sich auf ein zentrales Konzept festzulegen. Dazu gehörte auch eine besondere Vorrichtung, die es dem Spieler ermöglichte, eine „Geister“-Version von sich selbst zu erschaffen, die vergangene Aktionen wie das Umlegen von Schaltern und Ähnliches wiederholen konnte.
Jonas und Verena erklären, dass The Talos Principle 2 einen ähnlichen Ansatz verfolgt und der Handlung neue Mechanismen wie Schwerkraft und „Gedankenübertragung“ hinzugefügt wurden. Aber keine Sorge: Ihr müsst nicht jedes Rätsel lösen, um das Spiel abzuschließen – vor allem nicht die ultraschweren „Gold“-Rätsel, die eure Fähigkeit zur Problemlösung an ihre Grenzen bringen werden.
„Fast jeder einzelne Abschnitt des Spiels führt eine neue Mechanik und Interaktionen zwischen diesen Mechaniken ein“, so Jonas. „Die Grundlagen des Gameplays sind unverändert, aber die Möglichkeiten sind dieses Mal völlig neu.“ Ohne sie genauer zu benennen, fügt er an, dass für The Talos Principle 2 einige der „irritierenden Mechanismen“ aus dem Original entfernt wurden.
Die wichtigen Fragen stellen
The Talos Principle ist nicht besonders von anderen Spielen beeinflusst. Jonas zufolge ist das Spiel stattdessen eher von der Science-Fiction-Idee selbst beeinflusst – sowie von den ungewöhnlichen Umständen, die zu seinem Entstehen führten.
„[Es ist] wirklich eine Welt für sich, mit eigenen, einzigartigen und exzentrischen Prioritäten, die sich organisch aus der Entwicklung ergeben haben“, erklärt Jonas. „The Talos Principle 2 basiert auf dem Prinzip, einer eigenen Logik zu folgen, die durch das Design und die Geschichte vorgegeben wird. Das hat zu einem Spiel geführt, das sich in vielerlei Hinsicht vertraut anfühlt, aber dennoch eine deutlich andere Erfahrung ist.“
Das heißt aber nicht, dass die Autoren keine Bezugspunkte haben, an denen sie ihre Arbeit ausrichten. Er verweist auf das Sierra-Spiel Rama aus 1996, das seinerseits auf Arthur C. Clarkes klassischer Science-Fiction-Serie basiert, als einen wichtigen Einfluss auf sein eigenes Schreiben. „Es hat in mir den Wunsch geweckt, eines Tages ein Spiel zu spielen, bei dem ich Teil einer wissenschaftlichen Expedition an einen geheimnisvollen Ort bin“, erklärt Jonas. „Ich trage diesen Wunsch seit fast 30 Jahren mit mir herum.“

Jonas erwähnt auch, dass sich das ursprüngliche The Talos Principle überwiegend auf Fragen konzentrierte, die den Einzelnen betreffen, insbesondere die Natur der Menschheit selbst. The Talos Principle 2 befasst sich dagegen fast ausschließlich mit größeren gesellschaftlichen Fragen. Während der Entwicklung suchten sich die Autoren das Thema KI nicht wegen seiner Brisanz aus – Verena beschreibt es als „eher einen Nebeneffekt als das Ziel der Übung.“ Jonas fügt hinzu, dass das Team hinter dem Spiel viele verschiedene Meinungen zu Themen wie künstliche Intelligenz hat und deshalb versuchte, diese verschiedenen Perspektiven bei der Gestaltung der Roboterwelt des Spiels unvoreingenommen zu verbinden.
„Es erschien uns logisch, dies fortzusetzen und Fragen zur Gesellschaft als Ganzes zu stellen“, führt Verena aus. „Was ist die Pflicht des Einzelnen gegenüber der Gesellschaft und was schuldet die Gesellschaft ihrerseits jedem Einzelnen? Welche Verantwortung hat die Gesellschaft gegenüber der Welt, in der sie besteht? Daraus ergeben sich Fragen zu Fortschritt, Ausbreitung und Natur. Ist Fortschritt zwingend „böse“? Ist die Natur grundlegend „gut“? Wir erzählen eine Geschichte über nicht-biologische Menschen – Maschinen. Wie würden sie also zu neuen Technologien und zu ihrem Erbe als Nachfolger der menschlichen Zivilisation stehen?“
Eine lang erwartete Fortsetzung
Angesichts der Tatsache, dass The Talos Principle 2 etwa neun Jahre nach der Veröffentlichung des Originals erscheint, ist es nur logisch, Croteam die Frage zu stellen, warum es so lange gedauert hat – vor allem, wenn man bedenkt, dass das Team von Anfang an die Idee für die Fortsetzung im Kopf hatte. Aber wie Verena und Jonas sagen, gibt es keinen geheimen Grund für die lange Entwicklungszeit. Die Spieleproduktion ist schwierig und neue Technologien machen den Prozess von Jahr zu Jahr komplexer. Croteams andere Produktionen (insbesondere Serious Sam 4 und The Hand of Merlin) haben ebenfalls zu der langen Entwicklungszeit beigetragen.
„Die größte Herausforderung [bei der Produktion von The Talos Principle 2] war einfach der Umfang der Aufgabe“, erklärt Jonas. „Wir sind kein großes Studio und es ist eine große Welt mit vielen Charakteren und Rätseln. Aber wir haben es so gut wie möglich geplant und versucht, dem Plan zu folgen.“
Croteam hatte aber auch zusätzliche Schwierigkeiten bei der Entwicklung des Spiels. Jonas berichtet zum Beispiel, dass es viel schwieriger als erwartet sein kann, die richtigen Synchronsprecher für bestimmte Rollen zu finden. Obwohl einige der Schlüsselrollen in The Talos Principle 2 mit bestimmten Sprechern im Hinterkopf geschrieben wurden, hatte das Team Schwierigkeiten, die Figur Alcatraz zu besetzen, die normalerweise die Stimme der Vorsicht im Spiel ist. (Diese Rolle ging schließlich an Ian Porter, den Jonas als die richtige Besetzung für die Rolle bezeichnet.)
Technologische Sprünge in der Spielentwicklung und bei den Entwicklungsprogrammen hatten ebenfalls erhebliche Auswirkungen auf The Talos Principle 2. So erklärt Jonas, dass das Team für die Entwicklung des Spiels Unreal Engine 5 verwendet hat, was viele Aspekte der Entwicklung vereinfacht hat, vor allem weil das Spiel viel größer als sein Vorgänger ist. „Hätten wir dieses Spiel vor einem Jahrzehnt erschaffen können?“, fragt Jonas. „Ja, aber es wäre nicht so schön gewesen.“
The Talos Principle 2 ist jetzt im Epic Games Store verfügbar.