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Tony Hawk's Pro Skater 1 + 2 siegt mit behutsam innovativer Nostalgie

J
Jordan Oloman
19. Jan. 2024

Sich erneut ein Spiel vorzunehmen, dass ihr schon vor langer Zeit durchgespielt habt, kann eine Herausforderung sein, erst recht, wenn es sich dabei um eine Remastered-Version eines Spiels aus eurer Jugendzeit handelt. Ihr reitet dabei nicht nur zwei Nostalgiewellen gleichzeitig, sondern seid außerdem völlig eurem motorischen Gedächtnis ausgeliefert. Doch jedes Mal, wenn ich zum Remake von Tony Hawk's Pro Skater 1 + 2 von Vicarious Visions zurückkehre, um Buchstaben zu sammeln und Highscores zu knacken, finde ich etwas Neues, das mich an dieser einzigartigen Adaption des Studios begeistert. 

Ich hätte mich schon mit einer einfachen Neuauflage zufriedengegeben, aber THPS 1 + 2 hat noch viel mehr zu bieten. Das Spiel gehört zu einer neuen Welle selbstbewusster Remakes, bei denen Veteranen von ihrer Erfahrung profitieren, während Neulinge nun endlich auch in den Genuss solcher Klassiker kommen. Beispielsweise geht Final Fantasy VII Remake Integrade einen ähnlichen Weg, indem es einerseits das Kampfsystem modernisiert und andererseits den etablierten Kanon behutsam überarbeitet. 

In dem 1999 erschienenen Tony Hawk's Pro Skater fehlten die in späteren Spielen eingeführten Tricks „Revert“ und „Manual“. Da diese aber schnell zu festen Bestandteilen der Reihe wurden, fügte Vicarious Visions sie nachträglich in das Remake ein, ohne die ursprünglichen Karten zu verändern. Puristen können diese Funktion abschalten, wenn sie wollen, aber Neulinge müssen sich – standardmäßig – nicht ohne diese beliebten Kombo-Ergänzungen die Zähne am Beton ausbeißen.
THPS-Screenshot 1
Am meisten genieße ich aber das subtile und tatsächlich etwas existentielle Herumprobieren. Leider sind die Skater der ersten Stunde in die Jahre gekommen, was sich in den gealterten Charakteren widerspiegelt, auch wenn sie alle noch virtuelle Knie aus Stahl haben. Die Deluxe-Edition von THPS 1 + 2 enthält alternative Outfits für die OG-Profis, die an die Zeiten der Bones Brigade erinnern. Tony Hawk bekommt seine Tolle zurück und Rodney Mullen fährt jetzt ohne Vokuhila, trägt dafür aber ein Paar hochgeschnittene Shorts. 

Dieser bewusst nostalgische Ansatz wird mit aktuellen Profi-Skatern wie Leo Baker und Tyshawn Jones sowie moderner Streetwear, die im „Mach-dir-den-Skater“-Shop erhältlich ist, geschmackvoll kontrastiert. Sogar der Soundtrack ist eine Mischung aus alt und neu. Euch erwarten sowohl beliebte Stücke von Primus und Dead Kennedys als auch Songs von Screaming Females, Skepta und Viagra Boys. Eine ganzheitliche Vision einer Kultur, die von ihrer ständigen Veränderung lebt, ist schlicht unmöglich. Doch schon in der Vielfalt der Musik in THPS 1 + 2 lässt sich die Leidenschaftlichkeit dieses Projekts erahnen, das mit dem ständigen Einfluss der Skater-Kultur gewachsen ist, anstatt sich in einem hermetischen, verstaubten Mikrokosmos einzuschließen, der neue Spielergenerationen vergrault.

Doch trotz der zukunftsweisenden Perspektive ist es schwer, die Vorliebe von THPS 1 + 2 für die Adaption klassischer Freischaltfunktionen nicht zu bewundern. Die Stat-Punkte, geheimen Tapes und versteckten Bereiche kehren aus den Originalspielen zurück und verführen euch zu todesmutigen Sprüngen und immer technischeren Manövern, die trotz der zahlreichen Online-Tutorials nach wie vor schwer zu erklären und auszuführen sind. Das erinnert schon irgendwie an die frühe Internet-Ära, in der ihr euch in Foren zusammenfinden musstet, um Rätsel zu lösen und Theorien über verschlossene Türen und geheime Charakterkriterien zu entwickeln. 

Das fantasievolle Sandbox-Leveldesign von THPS 1 + 2 ist wie geschaffen für diese „Was wäre wenn?“-Momente, in denen ihr über die Rotorblätter eines Hubschraubers grindet oder euch in ein verstecktes Portal auf dem Boden eines dampfenden Vulkans stürzt. Die Remakes beschränken sich jedoch nicht nur auf die ursprüngliche Platzierung von Sammelobjekten, sondern enthalten auch Ergänzungen, wie z. B. komische Alien-Plüschtiere und Logos von Vicarious Visions, die in jedem Level auftauchen und mit denen ihr coole neue Skate-Techniken freischalten könnt.
THPS-Screenshot 5
Ein nostalgischer Aspekt von THPS 1 + 2, der nicht überholt werden musste, war der knapp bemessene zweiminütige Timer, der ein Gefühl von Kürze vermittelt und Jahrzehnten reizüberflutender Inhalte standgehalten hat. Die immer neue Verlockung eines allerletzten Versuchs wird euch bis spät in die Nacht wachhalten und der neue „Tempolauf“-Modus bietet euch die Möglichkeit, alle Aufgaben in einem Blitzdurchlauf zu erledigen, wofür es natürlich wiederum ausführliche Anleitungen gibt.

Ein Patch nach der Veröffentlichung ermöglichte den getrennten Fortschritt für jeden Skater, was mein Interesse nach dem ersten schnellen Durchspielen schnell wieder weckte. Der Soundtrack ist wirklich fantastisch, aber es hat auch etwas herrlich Meditatives, sich ein neues Album anzuhören und dabei nach und nach die speziellen Tricks eines Profi-Skaters herauszufinden. Mein Gedächtnis kommt langsam in die Jahre und sorgt für zusätzliche Aufregung, da ich die Aufgaben im Park oft vollkommen vergesse und überrascht beobachte, wie mich meine niederen Instinkte dazu drängen, unbedingt die Lücke im Dach von Schule II mit einem Kickflip zu überspringen. Und wenn ich irgendwann am Ende alle verfügbaren Skater beherrsche, kann ich dank des lockenden Herausforderungssystems des Remakes immer noch weitere Kriterien erfüllen. Nachdem ich das Spiel schon mehrmals durchgespielt habe, bin ich immer noch bei Level 37 und es bleiben jede Menge Kombos zu meistern und Tapes zu finden, die mich noch für Monate und Jahre beschäftigen werden. 

Zum Glück ist es in THPS 1 + 2 relativ unkompliziert, kosmetische Gegenstände freizuschalten und Erfahrung anzuhäufen. Das Herausforderungssystem ist dazu da, die Grenzen eurer Skater-Fähigkeiten zu testen und euch zu verlocken, alle Spielmodi auszuprobieren. Dazu gehört auch der überraschend umfangreiche „Mach-dir-den-Park“-Modus, für den viele hochwertige, von Benutzern erstellte Inhalte verfügbar sind.

In einer Kultur endloser Neuinterpretationen lässt sich echte Nostalgie nur schwer finden. Der Versuch, einen Blitz, der vor über 20 Jahren eingeschlagen hat, in Flaschen abzufüllen, ist nicht einfach und birgt viele Fallen. Aber Vicarious Visions hat auf Selbstbewusstheit statt Effekthascherei gesetzt und eines der innovativsten Revivals der letzten Jahre geschaffen.