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Vampire: The Masquerade – Swansong zeigt die Banalität des Bösen

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Thomas Wilde
6. Sept. 2023
Das Horrorspiel Vampire: The Masquerade – Swansong ist am effektivsten, wenn es am banalsten ist. Es taucht tief in das Dunkel ein, wo das wahre Grauen eines Daseins als Untoter im Papierkram liegt. Ja, in Swansong seid ihr ein Monster – aber ihr arbeitet für noch größere Monster. 

Im handlungsbetonten Detektivspiel Swansong spielt ihr als drei Vampire, die in ein plötzliches Machtvakuum im untoten Untergrund von Boston gezogen werden. Eine unbekannte Gruppe hat eine große Party in einem anderen Teil der Stadt attackiert und jetzt ist ein Großteil der örtlichen Vampir-Aristokratie verschwunden oder tot. Der Vampirherrscher von Boston sieht keinen anderen Ausweg, als euch drei mit der Lösung des Problems zu beauftragen.

So landen eure Charaktere in den ungewohnten Rollen von Detektiven, Diplomaten, Problemlösern und gelegentlichen Attentätern, während ihr versucht herauszufinden, wer und was hinter dem Angriff auf die Party steckt. Außerdem müsst ihr hinter die Kulissen verschiedener Vampirgesellschaften blicken, die Boston im Geheimen regieren. Hier macht sich der stille, bürokratische Horror von Swansong bemerkbar.
 

Horror am Rande der Gesellschaft


Im Tabletop-Rollenspiel Vampire: The Masquerade könnt ihr seit seiner Veröffentlichung im Jahr 1991 erleben, wie es sich anfühlt, als Monster zu spielen. Alle Charaktere sind (in den meisten Fällen frischgebackene) Vampire, und ein grundlegendes Thema der Reihe ist der Zwiespalt zwischen der schwindenden Menschlichkeit und den neuen vampirischen Instinkten eures Charakters.
Das Dasein als Vampir ist ein schmutziges und gewalttätiges Geschäft, das oft mit vielen Leichen verbunden ist – aber wenn ihr eurem Jagdinstinkt gänzlich erliegt, bleibt am Ende nichts von euch übrig als ein hirnloser Mörder. Vielleicht wollt ihr wie die Vampire aus Near Dark – Die Nacht hat ihren Preis sein, doch ihr müsst wie die Vampire aus Only Lovers Left Alive sein.

Die Entwickler von Swansong haben sich intensiv mit der Frage beschäftigt, wie eine geheime Vampirzivilisation wirklich funktionieren würde. Bei der Erkundung der Spielwelt trifft euer Charakter auf verschiedenste Schichten der Vampirgesellschaft, von reichen Blutsaugern in Penthäusern bis hin zu Blutjunkies im Hafenviertel. Ihr bekommt viele Einblicke, wie diese von Vampiren beherrschte Stadt bei Nacht funktioniert, und auch, welchen Preis die dort lebenden Menschen dafür bezahlen müssen.

Der Horror von Swansongs Interpretation des Vampirlebens ist so subtil, dass er euch im Nebengeschehen des Spiels überrascht, wo er heimlich verborgen liegt. Im Verlauf des Spiels stellt ihr langsam fest, wie entmenschlicht die Vampire geworden sind. Alle drei spielbaren Hauptfiguren von Swansong sind seit Jahrzehnten oder Jahrhunderten untot. Nichts am Vampirleben, ob nun Gutes oder Schlechtes, kann sie noch groß überraschen, und das drückt sich auch in ihrer Einstellung zu Leben und Tod aus.
Vampire: The Masquerade – Swansong – Versammlung
Wo ein Vampir üblicherweise nachts auf die Jagd nach einsamen Opfern gehen würde, gibt es im Boston von Swansong den „Bluthandel“. Die Vampire haben ausgedehnte Handelsnetzwerke aufgebaut, mithilfe derer sie sich Menschen zum Beißen auf Vorrat halten, so wie manch einer vielleicht ein paar Flaschen Wein im Keller hat. Im Grunde genommen sind alle Bewohner Bostons zu Schlachtvieh geworden, ohne es zu wissen.

Swansong stellt die Mechanik für das Nähren an Menschen im Tutorial vor. Ihr spaziert in eine private Bar für Vampire und euer Charakter steht vor der Wahl zwischen einem Glas Blut und einem Menschen. Wenn ihr eines dieser „Gefäße“ tötet, weil ihr zu viel Blut getrunken habt, ist das für die Vampire um euch herum nur ein kleiner Fauxpas.
Ein paar Stunden später ermittelt ihr in einem Nachtclub, der gleichzeitig als eine Art Vampirrestaurant dient – mit Speisekarten, die die Persönlichkeit und den Beruf jedes Menschen aufzählen wie seltene exotische Geschmacksrichtungen. Ihr wollt euch entspannen? Warum nicht einen Yogalehrer aussaugen?

Wenn ihr in diesem Nachtclub den Bereich für die Mitarbeiter betretet, findet ihr neben einem Tunnel, der den Keller des Clubs mit einem unterirdischen Fluss verbindet, einen Haufen säuberlich gestapelter Leichen in Säcken. In diesem Nachtclub sterben so oft Menschen, dass aus der illegalen Leichenentsorgung eine richtige Wissenschaft gemacht wurde.

Im dritten Kapitel sollt ihr mit einer Gruppe fraktionsloser Vampiranarchisten verhandeln, die sich in verlassenen Lagerhallen am Hafen von Boston verschanzt haben. Wenn ihr die Gegend erkundet, findet ihr einen Weg in eine nahegelegene Garage. Sie ist fast leer, aber ihr findet dort einige Menschen, die mit so vielen Drogen vollgepumpt wurden, dass sie sich kaum bewegen können. Es dauerte einen Moment, bis ich verstand, warum sie dort waren. Ich war in eine Speisekammer der Anarchisten gestolpert.

Einige davon sind in optionalen Teilen der Karte leicht zu übersehen, und alle diese „Speisekammern“ werden ohne tiefere Einordnung präsentiert. Ein anderes Spiel hätte vielleicht mit einem Schockmoment oder einer langwierigen Erklärung durch einen Charakter sichergestellt, dass euch diese Details auffallen. In der Rolle eines frisch konvertierten Vampirs, wie zum Beispiel in Vampire: The Masquerade – Bloodlines aus dem Jahr 2004, hättet ihr vielleicht noch genug Menschlichkeit in euch, um dabei einiges Entsetzen zu verspüren.

In Swansong ist aber nichts davon für die Beteiligten überraschend. Diese erfahrenen Vampire (unter ihnen auch die Protagonisten) sind gelassen, organisiert und effizient – so sehr, dass sogar Massenmord nicht viel mehr als ein logistisches Problem ist. Wo findet man ein paar Dutzend Menschen, die niemand vermissen wird, und was macht man danach mit den Leichen?

Das ist ein Horror, der sich langsamer anschleicht als in den meisten Vampirgeschichten, sei es in Videospielen oder in anderen Medien. Er funktioniert, weil er im Spiel als nichts Besonderes behandelt wird.
 

Bösewicht als Standard


Ihr könnt auch keine Entscheidungen treffen, die sich bedeutend auf den Status quo auswirken würden. Eure Charaktere sind ausdrücklich hier, um diese von Vampiren aufgebauten Systeme zu verteidigen. Ihr steht oft vor der Wahl, wie ihr das machen wollt, aber nie werdet ihr euch von euren Auftraggebern abwenden.

Swansong gibt euch in seiner Handlung viele Freiheiten, und es kann sogar passieren, dass einer oder mehrere der drei Protagonisten getötet werden. Es gibt auch ein paar versteckte Handlungszweige, die ihr durch Erkunden entdecken könnt, darunter einen wichtigen Handlungsstrang, der hinter einem besonders schwierigen Rätsel verborgen ist. Ich war überrascht, wie flexibel die Geschichte des Spiels ist. Das zeigte sich besonders in einem Kapitel, in dem ihr inkognito in einen betriebsamen Tatort eindringt.

Die Entscheidungen, die ihr trefft, drehen sich allerdings weniger um moralische Aspekte als um persönliche Leistungen und Kollateralschäden. Den besten Ausgang der Missionen erreicht ihr, wenn ihr tut, was euch gesagt wird, keine Spuren hinterlasst, alle Zeugen zum Schweigen bringt und die Angelegenheit lebendig übersteht. Ihr seid hier, um sicherzustellen, dass die Vampire Boston weiter im Griff haben, und Leichen säumen euren Weg. Ihr seid nicht Monster auf eigene Faust, sondern die Putzfrauen der wahren Monster.
Auf eine seltsame Weise ist das erfrischend. Swansong ist ein schönes Gegenstück zu den vielen Spielen, in denen euch gesagt wird, dass ihr als Bösewichte spielen könnt, aber deren Vorstellung von „böse“ ein Kleinkrimineller, ein nachtragender Fiesling oder eine karikaturhafte Überzeichnung eines Schurken ist.

In Swansong fühlt ihr euch durch eure bloße Existenz in der Welt als Bösewicht der Geschichte. Diese Art persönlichen Horrors ist die treibende Kraft hinter der Vampire-Spielereihe, und in Swansong wird er zu einer Art mörderischer Alltäglichkeit entrückt.

Dies ist in Swansong am besten in einem der Protagonisten verkörpert: Galeb Bazory, ein türkischer Vampir, der auf seinen 300. Geburtstag zusteuert. Galeb macht sich keine Illusionen mehr über das Leben von Vampiren und hat ständig das Gefühl, dass er alles, was er tut, schon einmal gemacht hat, und immer und immer wieder tun wird.
Vampire: The Masquerade – Swansong – Club
Ob er nun einem unbewaffneten Zeugen das Genick bricht, einem lästigen Polizisten mit einem Blick eine Gehirnwäsche verpasst oder sich gegen Vampirjäger verteidigt, für Galeb gibt es nichts Neues auf der Welt. Die anderen beiden Protagonistinnen – Nachtclubbesitzerin Marie-Marguerite „Emem“ Louis und die verrückte Prophetin Leysha – haben jeweils eigene Handlungsstränge, aber Galebs Lebensgefühl des Überdrusses bleibt ganz besonders in Erinnerung. Er lebt schon so lange in diesem Albtraum, dass er für ihn vorhersehbar, fast schon langweilig geworden ist, was einige Elemente dieses Albtraums vergleichsweise schlimmer erscheinen lässt.
Selbstverständlich bietet Swansong Spielern mehr als nur existenziellen Horror. Das Spiel enthält schlaue Rätsel, spannende Szenen, mehrere Enden und eine verzweigte Handlung, in der selbst kleine Entscheidungen langfristige Folgen haben können. Außerdem schreckt es nicht davor zurück, euch dramatische Erfolge feiern oder Fehlschläge erleiden zu lassen. Eure Handlungen können die Vampire von Boston entweder retten oder zur Gänze vernichten.

Was es aber zu einem unvergesslichen Horrorerlebnis macht, ist die Banalität. Es ist harte Arbeit, ein blutsaugendes Monster zu sein, und in Swansong seid ihr die glücklosen Vampire am unteren Ende der Hackordnung, die hinter allen anderen aufräumen müssen.