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In We Were Here Forever werden mutige Abenteurer zu Stimmen im Dunkel
B
Ben Kuchera
Ich hatte kürzlich die Gelegenheit, mit Game Design Director Thijs Schipper über die Herausforderungen zu sprechen, die das Design und das Testen eines Spiels mit sich bringen, in dem der Spieler und ein Freund gemeinsam gegen die Umgebung statt gegen Monster kämpfen und die Schwierigkeiten teils allein, teils zusammen bewältigen müssen.
Um das zu schaffen, müsst ihr reden und euch dabei wirklich geschickt anstellen. Doch zuerst musste ich herausfinden, warum es wichtig ist, so zu spielen, wie die Entwickler es vorgesehen hatten.
Kommunikation ist alles
Das Tutorial zu Beginn von We Were Here Forever macht sofort klar, worum es geht. Einer der beiden Charaktere sieht auf einer Wand die Worte „Wir sind die Summe“. Der andere Spieler kann auf der Wand, die er sieht, „... unserer Teile“ lesen. Erst wenn ihr euch mit euch mit eurem Partner darüber austauscht, was ihr seht, werdet ihr den vollständigen Satz verstehen.
Die Antworten für jedes Rätsel sind immer irgendwo im Level verborgen, aber beide Spieler erhalten jeweils nur einen Teil der Lösung, und manchmal ist es sogar schwer, zu verstehen, was man eigentlich sieht. Um hinter das Geheimnis zu kommen, müsst ihr euch gegenseitig möglichst ausführlich mitteilen, was ihr seht, was ihr tut und was das alles eurer Meinung nach bedeuten könnte.

Dieses Prinzip – der verbale Austausch über das, was man sieht oder erlebt, um seine Bedeutung herauszufinden und voranzukommen – bestimmt das ganze Spiel. In We Were Here Forever erhaltet ihr Walkie-Talkies, mit denen immer nur jeweils einer sprechen kann. Wenn beide Spieler gleichzeitig sprechen wollen, kann keiner den anderen hören. Ihr müsst also lernen, abwechselnd zu sprechen und eurem Partner aufmerksam zuzuhören. Nur wenn ihr das Wissen beider Spieler kombiniert, erhält es Bedeutung und bringt euch weiter.
Stellt euch zum Beispiel vor, ein Spieler befindet sich in einem Raum mit verschiedenen Schlüsseln und Schlössern und der andere ist in einem anderen Raum mit einem Schachbrett, auf dem die Figuren auf eine merkwürdige Weise angeordnet sind. Ihr müsst gemeinsam herausfinden, was ihr tun sollt, und euch dann über die neuen Geschehnisse austauschen. Dabei erhaltet ihr alle nötigen Informationen erst durch das Gespräch mit eurem Partner und ihr werdet beide oft wie geistesgestört klingen, wenn ihr versucht, komische Geräusche oder irgendwelche Formen zu beschreiben und dabei zu unterscheiden, was nur Dekoration und was tatsächlich wichtig ist.
Gleich zu Anfang stand das Team vor der Frage, wie man die Spieler davon überzeugt, der beabsichtigten Spielweise zu folgen. Der Reiz des Spiels geht verloren, wenn ein Spieler den Bildschirm des anderen sehen kann, denn die Rätsel beruhen ja darauf, dass beide Spieler Informationen über das austauschen, was nur sie selbst sehen, hören oder erleben können.
Wenn die Spieler „schummeln“, indem sie Screenshots teilen oder einen spielunabhängigen Chat verwenden, bei dem beide gleichzeitig miteinander reden können, ist der Witz des Spiels dahin. Anders ausgedrückt: Hier kann Discord schon der Cheatcode sein.
„Das ist tatsächlich ein Problem für uns, weil hervorragende Sprachchat-Systeme wie Discord oder Sprachanrufe immer griffbereit sind“, erklärt Schipper. „Viele unserer Spieler sind bereits befreundet und haben ihre gewohnten Sprachkanäle, sodass sie auf die Walkie-Talkies im Spiel glatt verzichten könnten. Es ist praktisch die einzige Kernmechanik, die wir haben, und ein Großteil der Spieler nutzt sie nicht, was sich in vielen Fällen auf das Gleichgewicht auswirkt.“
Die Entwickler mussten auch lernen, nicht auf ihrem Anspruch zu bestehen – man kann nicht kontrollieren, wie jemand ein Spiel spielt. Das eigentliche Spielerlebnis entgeht solchen Spielern allerdings.
„Natürlich kann man das Spiel auch auf diese Art spielen, aber am meisten Spaß macht es, wenn man es so spielt, wie es beabsichtigt ist. Bei jedem Rätsel überlegen wir und fragen wir uns: ‚Was werden die Spieler zu erklären versuchen?‘ oder ‚Zu welcher Art von Kommunikation wird es inspirieren?‘“, fährt er fort. „Das ist unser Ausgangspunkt für das Design und dafür, wie wir alles testen. Die Spieler sollen unvermutet irgendwo hineinstolpern und herausfinden, worum es dort überhaupt geht. In vielen Spielen würde das als schlechtes Rätseldesign gelten, aber bei ist das ein fester Bestandteil!“
Seid also unbesorgt, wenn ihr in We Were Here Forever ratlos seid und nicht weiterwisst, auch nachdem ihr den aktuellen Level schon restlos erkundet habt. Probiert einfach weiter und ihr werdet herausfinden, welche Details wichtig sein könnten, und wie ihr eure Ideen am besten eurem Partner vermittelt. Das ist der Grund, warum euch das Spiel direkt gegen die Umgebung kämpfen lässt und die Angriffe von Monstern und Feinden anderen Spielen überlässt. Außerdem trägt es zur Barrierefreiheit bei: Die Herausforderung besteht darin, herauszufinden, wie ihr gemeinsam mit eurem Partner vorgeht, und nicht darin, der schnellste Controller-Drücker zu sein.
„Die typische Situation ist, dass man weiß, was man tun muss, aber scheitert, weil man nicht schnell genug die Taste drückt“, so Schipper. „Zwischen derartigem Action-Gameplay und dem kommunikationsbasierten Gameplay gibt es Spannungen. Wir versuchen immer, kreativere Wege zu finden, einen der Spieler auch ohne Monster oder Feinde zu töten.“
Nachdem ich jetzt wusste, wie man am besten spielt, war es Zeit, mich wieder dem Spiel zu widmen. Und wie ich feststellen musste, hatte ich bisher alles falsch gemacht.
Eine Stimme aus dem Dunkel
Ich hatte das Spiel mit meinem Sohn gespielt – er an seinem Laptop und ich, mit dem Fernseher als Bildschirm, am PC. Was bedeutete, dass mein Junge nur hochschauen musste, um meinen Bildschirm zu sehen. Das gilt doch als gespielt wie vorgesehen, oder? Wenn etwas zu kompliziert zu erklären war, konnte er kurz einen Blick auf meinen Bildschirm werfen, und da das Spiel ja einen Sprachchat hat, war ein direktes Gespräch eigentlich auch kein Verstoß gegen die Spielregeln. Wir hatten wirklich nicht geschummelt! Das dachte ich zumindest.

Aber als ich ihn dazu aufforderte, zum Spielen ins Wohnzimmer zu gehen, war plötzlich alles anders. Wir konnten nicht mehr gegenseitig unsere Bildschirme sehen und nur noch über dir Walkie-Talkies miteinander sprechen. Wenn er mich hören wollte, musste er still sein, während ich redete. Und wenn ich ihm zuhörte, musste ich darauf achten, dass er ausgeredet hatte, bevor ich selbst etwas dazu sagte. Wenn wir es nicht schaffen würden, unsere Informationen auszutauschen, dann wurden sie eben nicht ausgetauscht und wir steckten fest.
Es war schrecklich!
Plötzlich war die Kommunikation nicht mehr nur eine Spielmechanik, sondern ein entscheidender Teil des Spiels. Es war witzig, wie wir uns Abkürzungen ausdachten, um bestimmte Formen zu beschreiben, aber der Versuch, bei einem Rätsel die gehörten Geräusche nachzuahmen, endete für beide in einem Lachanfall. So spielt ihr richtig: übereilt nichts, seid aufmerksam und sprecht deutlich. Geduld, Kreativität und die Fähigkeit, über sich selbst zu lachen, sind entscheidend, um voranzukommen.
Ich war beileibe nicht der Einzige, der sich dazu zwingen musste, das Spiel wie ursprünglich beabsichtigt zu spielen. Auch den Entwicklern wurde während der Produktion klar, dass sie es genauso testen mussten, wie es gespielt wird – ohne „Abkürzungen“.
„Da wir bei der Entwicklung oft eng zusammensitzen, müssen wir da wirklich aufpassen. Die Verlockung, einfach Discord zu benutzen oder etwas mit zwei Spielern zu testen, ist sehr groß“, betont Schipper. „Manchmal müssen wir uns die gleichen Einschränkungen auferlegen, die für die Spieler gelten, damit wir wirklich sehen können, ob etwas funktioniert.“
Kann diese anspruchsvolle Spielmechanik auch in Frustration umschlagen? „Das ist manchmal ein sehr schmaler Grat“, gibt Schipper lachend zu. Wenn ein Rätsel allerdings nicht ganz so funktioniert, wie es sollte, testet das Team es während der Entwicklung mit der Community, um es vor der Veröffentlichung so weit wie möglich zu verbessern.
Während ich weiterspielte, mein Sohn nur noch über das Walkie-Talkie aus dem Dunkel zu mir sprach und wir beide versuchten, herauszufinden, was wir tun mussten, war ich immer wieder verblüfft, wie raffiniert die Herausforderungen waren, vor allem dann, wenn ein völlig neues Rätsel vorgestellt wurde, das einer von uns beiden dem anderen irgendwie vermitteln musste.
„In vieler Hinsicht spielen wir Entwicklung im Expertenmodus“, sagt Schipper. „Jedes Rätsel ist einzigartig, jeder Level hat seine eigene Mechanik, die nur für diese 40 Minuten entwickelt wurde, und aufgrund des Spielprinzips sind viele konventionelle oder standardmäßige Systeme gar nicht anwendbar.“
Die gute Nachricht ist, dass sich all die Zeit und Mühe gelohnt haben. Der Einfluss anderer Rätselspiele wie Keep Talking and Nobody Explodes und die Atmosphäre von Horrorspielen wie Amnesia: The Dark Descent lassen sich nicht leugnen, trotzdem ist We Were Here Forever dank seiner Ideen und der speziellen Spielweise etwas Besonderes. „Wir hoffen, damit wirklich neue Spielerlebnisse zu schaffen“, erzählt mir Schipper. „Der Aufwand lohnt sich!“
We Were Here Forever ist jetzt im Epic Games Store verfügbar.