
Wolfenstein: The Old Blood ist ein lauter und doch einsamer Ego-Shooter für introvertierte Spieler

Die modernen Wolfenstein-Spiele sind für ihre lebendigen Charaktere bekannt. Dazu gehören sowohl die zusammengewürfelte Familie aus Widerstandskämpfern, mit der sich B.J. Blazkowicz umgibt, als auch die Bösewichte aus den intimen Zwischensequenzen aus der Ego-Perspektive, die an die nervenaufreibende Spannung von Inglourious Basterds erinnern.
Dies kann man von Wolfenstein: The Old Blood nicht behaupten. Schon gleich zu Anfang des Spiels werden fast alle der genannten Punkte über Bord geworfen. Es beginnt mit einem Intro, in dem ihr kurz auf Richard Wesley – die walisische Antwort auf James Bond – trefft und B.J. im Vorfeld einer verdeckten Ermittlung Deutsch übt, indem er immer wieder „guu-ten Mor-gen, guu-ten Mor-gen“ wiederholt. Aber diese Begegnung ist nur von kurzer Dauer, und danach stellt ihr euch Burg Wolfenstein alleine. Mit seinem Verzicht auf protzige Kulissen stellt The Old Blood die grundlegenden Spielmechaniken dieses Wolfenstein-Titels in den Vordergrund: komplizierte Situationen, in denen ihr euch anschleichen müsst, bevor es zwangsläufig zu brutalen Schießereien kommt, in denen ihr eure Gegner mit jeweils zwei Schüssen aus eurem Schrotgewehr nach und nach in ihre Einzelteile zerlegt – später auch mit vier Schüssen aus dem Schockhammer.
Wir schreiben das Jahr 1946 und der Krieg dauert immer noch an – ein erstes Anzeichen dafür, dass die Dinge nicht besonders gut laufen. Mecha-Monster haben das Blatt auf dem globalen Schlachtfeld zugunsten der Nazis gewendet. Die Alliierten bereiten einen verzweifelten und zum Scheitern verurteilten Angriff auf das Gelände vor, auf dem der Feind seine geheimen Waffen entwickelt. Doch zuerst müssen sie herausfinden, wo sich das Gelände befindet, was nur der Verwalterin von Burg Wolfenstein bekannt ist, einer okkultistischen Schatzjägerin namens Helga von Schabbs.

Die gewaltige Festung steht im Mittelpunkt von The Old Blood. Sie rückt drohend ins Blickfeld, als ihr euch mit Wesley ihren Toren nähert, und scheint euch überall zu beobachten, sogar während ihr in den Kneipen und Bootshäusern des benachbarten Paderborn und auf Helgas Ausgrabungsstätten herumstöbert.
B.J. redet zwar gern vor sich hin, doch die Burg bewahrt Stille. The Old Blood taucht euch in eine Aura der Einsamkeit und erinnert damit an die unheimliche Stille und ungebrochene Perspektive früher PC-Shooter wie Half-Life. Die Zwischensequenzen, die die einzelnen Level miteinander verbinden, zeigen weder weitläufige Aussichten auf die Berge an der österreichischen Grenze noch Motion-Capture-Darbietungen grimassierender Schauspieler. Stattdessen blickt ihr durch B.J.s Augen, während er Aufzüge bedient und hartnäckig verschlossene Türen aufbricht. Das ist eine bewusste Wahl, die euch noch tiefer in den massigen Körper und den kantigen Kopf des allseits bekannten Helden zieht.
The Old Blood bietet sogar ein Gegenstück zum unvergesslichen Brecheisen aus Half-Life: ein Stück Rohr, mit dem B.J. Nazi-Offiziere von den Beinen fegt, bevor er ihnen das spitze Ende ins Ohr rammt. An anderer Stelle bricht er damit durch Hebelkraft die Exosuits der Supersoldaten auf. Das Rohr dient euch auch als Kletterausrüstung, wenn B.J. es in zwei Teile auseinanderzieht, um Gebäude zu erklimmen. Es wird wohl kaum an der Seite des Schraubenschlüssels aus System Shock 2 oder der Kettensäge aus Doom in die glorreiche Geschichte umfunktionierter Werkzeuge eingehen, aber wir haben trotzdem einen Profitipp für euch: Wenn euch die Rüstung ausgeht, könnt ihr mit dem Rohr einem Gegner den Helm vom Kopf schlagen und ihn euch selbst aufsetzen. Da kann Gordon Freeman nur staunen.