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Die fehlende Barrierefreiheit eines Bahnhofs inspirierte See Through My Eyes
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Nicole Carpenter
Das Erlebnis, das sich noch sehr früh im Early Access befindet und im Mai im Epic Games Store veröffentlicht wurde, ist ein Ableger des Simulationswerkzeugs der polnischen Firma Urban Vision Solutions, das Fachleuten, wie Ingenieuren und Architekten, vermitteln soll, wie Menschen mit Sehbehinderung die Welt erleben. Die zugrundeliegende Idee ist, dass das Verstehen und – was noch wichtiger ist – das Erleben der Perspektive eines anderen dazu beiträgt, barrierefreie Räume zu schaffen.
Adam Kurdel von Urban Vision Solutions erzählte, dass die Idee für dieses Werkzeug, das sich schließlich zu einem Spiel weiterentwickeln würde, auf die Sorgen seines Kollegen Michał Makulskis zurückging, der in der Bahnbranche arbeitet. Makulski machte sich wegen des Kontrasts der Bahnsteige Sorgen. Etwas, das für Gesunde „barrierefrei“ aussieht, ist nicht unbedingt barrierefrei. Man übersieht oft Probleme, wenn man nicht konkret über die Auswirkungen nachdenkt. Beispielsweise nutzen Designer Farben in der Regel zur Hervorhebung von Informationen, was bei Menschen mit Farbenblindheit nicht immer funktioniert. Natürlich gibt es in Polen Gesetze zur Barrierefreiheit, doch komme es trotzdem zu Fehlern, so Kurdel. Das Werkzeug zielt darauf ab, zu verbildlichen und zu demonstrieren, was funktioniert (und was nicht), wenn man auf Barrierefreiheit Wert legt.
Es gibt bereits einige Werkzeuge und Apps, die das tun, etwa VisionSim vom Braille Institute, das eure Smartphone-Kamera mit einem Effekt versieht, der verdeutlichen soll, was ein Mensch mit Sehbehinderung sieht, ähnlich einem Augmented-Reality-Spiel. ColorDeBlind, von Elektron Software, zeigt, wie Menschen mit Farbenblindheit die Welt sehen. Versant Health, ein Unternehmen für Augenheilkunde, hat eine eigene visuelle Simulation, die eine 360-Grad-Ansicht einer computergenerierten Szene bietet, um Sehbehinderung zu einem gewissen Grad zu verdeutlichen. Laut Kurdel unterscheide sich das Werkzeug von Urban Vision Solutions insofern, dass das Herumlaufen in einer 3D-Welt dem Spieler bewusster mache, welche Herausforderungen es gebe, wodurch ein besseres Verständnis für das von einer anderen Person Erlebte geschaffen werde.
See Through My Eyes befindet sich im Early Access und ist momentan noch sehr simpel. (Kurdel erwartet, dass er das Spiel in den kommenden Monaten erweitern werde.) Es gibt zwei Modi: Einen, in dem ihr herumlaufen und erkunden könnt, und einen Story-Modus, bei dem es um eine Frau namens Marta geht, die an Morbus Stargardt leidet, was vom National Eye Institute als „seltene Erbkrankheit des Auges“ beschrieben wird, die die Netzhaut betrifft. Menschen mit Morbus Stargardt sehen manchmal verschwommene dunkle Punkte in der Mitte des Sehbereichs, was normalerweise langsam mit fortschreitendem Alter geschieht. Laut Dr. Wendy Waguespack, Augenärztin aus Baton Rouge, leide etwa einer von 10.000 Menschen an dieser Krankheit. Sie ist unheilbar.
See Through My Eyes stellt diese Krankheit dar, indem es Teile in der Mitte des Sehbereichs schwärzt und ihn allgemein unscharf macht. Die Geschichte beginnt damit, dass Marta von ihrer Heimatstadt aus mit dem Zug zu ihrer Mutter fahren möchte. Dies ist nötig, da ihre Mutter schwer krank ist. Die erste Aufgabe besteht darin, einen Fahrschein zu kaufen.

Der freie Erkundungsmodus ermöglicht es dem Spieler, sich ohne festes Ziel in der Umgebung zu bewegen und verschiedene Augenerkrankungen, einschließlich Farbenblindheit, ein- und auszuschalten.
Makulski habe schon seit Jahren darüber nachgedacht, doch die beiden begannen erst vor etwa zwei Jahren ernsthaft an der Entwicklung des Spiels, so Kurdel. Keiner der beiden ist Spieldesigner. Sie sind Ingenieure von Beruf, die sich an der Technischen Universität Warschau in Polen kennenlernten. Sie benutzen die Unreal Engine und lernten durch YouTube-Videos, wie man verschiedene Elemente miteinander verbindet, um den Beginn des Werkzeugs und schließlich des Spiels zu erschaffen. Sie entschieden sich für die Unreal Engine, da sie damit „nicht in Stunden- oder Tages-, sondern in Minutenschnelle“ die Visualisierung des Erlebnisses bewerkstelligen konnten, wodurch die Partner schnell Prototypen erstellen und diese zwecks Einholung von Rückmeldung an Fachleute geben konnten. Doch den Simulator in ein richtiges Spiel mit Handlung zu verwandeln, gestaltete sich als schwieriger.
„Es hat gedauert, bis wir neue Mechaniken entwickelt hatten“, sagte Kurdel. „Im ursprünglichen Simulator gab es keinen Zug, der einfährt und an einen anderen Ort fährt. Bis wir gelernt haben, wie man eine neue Mechanik umsetzt, verging viel Zeit.“
Die Barrierefreiheit von Polens Bahnhöfen ist ein Problem: Mit Stand 2021 waren nur sechs Prozent davon „völlig für Behinderte angepasst“, so die unabhängige polnische Website „Notes from Poland“. In den Bahnhöfen gibt es Elemente, die Menschen mit Behinderungen, wie Sehbehinderungen, helfen sollen, doch sie leiden unter Designproblemen. Beispielsweise wird im verlinkten Artikel eine Person gezeigt, die einem Bodenleitsystem folgt, das Menschen mit Sehbehinderung helfen soll. Die Person sucht mit einem Langstock die gelben Leitstreifen, die genau dafür da sind, und folgt ihnen. Sie folgt ihnen eine Treppe hoch, wo sie direkt vor einer Wand enden. Um ins Gebäude zu gelangen, muss sie die Treppe wieder hinuntergehen und dann wieder hoch – allerdings ohne Bodenleitsystem zur Hilfe.

Kurdel betonte, dass See Through My Eyes eine frühe Version der Simulation sei, aber doch zeige, wie herausfordernd es sein könne, sich in einem Bahnhof zurechtzufinden. Die aktuelle Version kann noch keine Bodenleitsysteme simulieren, die es oft an solchen Orten gibt, daher müssen sich die Spieler auf visuelle Hinweise verlassen. Der Raum erscheint dunkel und ziemlich verschwommen. Man kann kaum wichtige Bereiche des Bahnhofs erkennen, vor allem nicht, wo man einen Fahrschein kaufen kann. Die Idee, sagte Kurdel, sei es, diese Art von Werkzeug von den Seiten geschriebener Vorschriften zu unterscheiden, die die polnische Regierung in Bezug auf Barrierefreiheit von öffentlichen Plätzen erlassen hat. Natürlich seien diese Vorschriften richtig und wichtig, aber sie seien im Großen und Ganzen „nur das Ergebnis der Gedanken von Experten“, wie ein barrierefreier Raum auszusehen habe.
Das Simulationswerkzeug geht noch einen Schritt weiter, indem es Menschen, die solche Räume gestalten, aufzeigt, wie gut etwas umgesetzt wurde, damit sie verstehen, wie sich ihre Entscheidungen auswirken. „Zwar enthalten diese Vorschriften gute Anweisungen, sie werden jedoch nicht vollständig verstanden“, sagte Kurdel. „Es werden Fehler gemacht. Es werden Materialien verwendet, von denen man denkt, dass sie einen Kontrast bildeten, was aber nur in der Vorstellung stimmt.“
Eine der größten Herausforderungen des Entwicklers ist die korrekte Simulation der Sehbehinderungen. Kurdel habe mit Regierungsgruppen aus dem Bereich der Barrierefreiheit gesprochen, doch es gebe noch viel Arbeit. „Für uns ist es unabdingbar, Menschen mit diesen Behinderungen zu treffen“, so Kurdel. Er möchte Augenärzte heranziehen, die sich mit der mechanischen Funktionsweise des Auges auskennen. Diese Forschung wird für die schwierigsten Herausforderungen eine unschätzbare Hilfe sein. Laut Kurdel sei Farbenblindheit einfacher als Simulation umzusetzen gewesen, da sie „den gesamten Sichtbereich“ betreffe. Das heißt, dass man alles als Farbenblinder sieht, egal, wo sich die Augen hinbewegen. Allerdings gibt es andere Krankheiten, wie etwa Morbus Stargardt, die nur den mittleren Sichtbereich betreffen. Diese Behinderung lässt sich nur schwer simulieren, da Menschen ohne diese Erkrankung einfach ihre Augen von der betroffenen Stelle abwenden können.
Das Ziel sei es, Rückmeldung von den Leuten, die See Through My Eyes ausprobieren, einzuholen und in den nächsten Updates darauf einzugehen. Urban Vision Solutions konzentriert sich momentan auf den polnischen Markt. Er möchte allerdings expandieren und weitere Erlebnisse abdecken. „Wir wollen die Menschen, die wir in unserem Spiel erschaffen haben, nicht zu Helden machen oder sie als unglücklich hinstellen. Wir wollen einfach nur ihr Leben zeigen – etwas schwieriger, aber doch ganz normal. Sie mögen mit ihrer Erkrankung zu kämpfen haben, aber auch mit ganz typischen Dingen, genau wie wir.“
Er fuhr fort: „Im Moment ist es eine kleine Pflanze, die wächst.“
See Through My Eyes ist im Epic Games Store verfügbar.