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Herdling zollt dem Tierreich und einer unterschätzten Spielmechanik den gebührenden Respekt

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Francisco Dominguez
5. Aug. 2025
Sich um ein Tier zu kümmern, bringt eine große Verantwortung mit sich. Das wissen die Entwickler von Okomotive nur allzu gut, wie man an den schrägen, Yak-ähnlichen Tierwesen aus Herdling leicht erkennen kann. In Okomotives vorherigen Spielen FAR: Lone Sails und FAR: Changing Tides mussten die Spieler ihr Schiff noch geschickt durch eine Side-Scrolling-Odyssee navigieren. Diesmal sind die Spieler jedoch zu Fuß unterwegs und führen als Nomadin eine wachsende Herde gemächlicher Kalihörner durch eine zunehmend mystisch wirkende Gebirgslandschaft.

Hoch oben in den Bergen mit Blick auf das salzige Meer räumt Creative Lead Don Schmocker ein, dass das Hüten von Tieren eine ungewöhnliche und bisher noch kaum erforschte Spielmechanik darstellt, und das für Entwickler, Spieler und Protagonistin gleichermaßen. Von dem Moment an, als sie aus einem unheilvollen Schlaf erwacht und sich unter einer dunklen, verlassenen Brücke von ihrer Matratze erhebt, „ist alles komplett neu für sie, und auch für euch Spieler [ist] das Ganze völlig neu. Genau wie sie müsst ihr alles erst lernen.“ 

Die Spielmechanik funktioniert durch indirekte Kontrolle, also durch eine Form von Abstoßung: Sobald ihr euch auf euer gezähmtes Tier zubewegt, läuft es in die entgegengesetzte Richtung. Das Ganze kennt man bereits, sei es aus Super Mario Odyssey, wo man einen Zylinder tragenden Hasen in die Enge treibt, oder aus Clair Obscur: Expedition 33 mit seinen leuchtenden, schwer fassbaren Petanks. Okomotive hingegen hat dieses noch recht stiefmütterlich behandelte Phänomen zu einer Kernmechanik ausgebaut. Dass The Last Guardian keine Welle an Nachahmer-Spielen im Bereich Tiertraining nach sich zog, hat durchaus seinen Grund. 

„Ohne einen Zielpunkt ist es äußerst schwierig, die Steuerung intuitiv zu gestalten“, sagt Don. Herdling bietet hierfür eine einfache Lösung: Haltet den rechten Trigger gedrückt, um die Herde in die entgegengesetzte Richtung eures Standorts zu führen. Gebt ihnen genug Futter und lasst sie losstürmen, während ihr mit Karacho neben ihnen herflitzt. Das alles bringt jedoch nicht viel, wenn man den Kalihörnern nicht auch die Lebendigkeit und Unberechenbarkeit einhaucht, die echte Tiere ausmachen. Hierfür müssen die starren Regeln der Programmierung dann entsprechend gelockert werden.
Herdling zollt dem Tierreich und einer unterschätzten Spielmechanik den gebührenden Respekt – Hütearbeit
„Als Programmierer kann man die Tiere ganz leicht dazu bringen, sich wie Roboter zu verhalten“, sagt Technical Director, Isabelle Roesch. „Wenn man sie z. B. einfach von sich wegtreibt, laufen sie schnurstracks in ebendiese Richtung. Das erinnerte an Saugroboter! Man hatte nicht das Gefühl, ein Tier vor sich zu haben.“

Dank einer gehörigen Portion Feinschliff wirkt die Herde jetzt nach und nach lebendiger, und nicht mehr wie eine Armee autonomer Staubsauger. Ergänzt man das Ganze um die hierarchischen Strukturen einer echten Herde, wozu z. B. ein selbst ernannter Anführer zählt, und verleiht man jedem Kalihorn seine eigene Persönlichkeit – manche sind neugierig und tummeln sich lieber abseits der Gruppe, andere hingegen haben einen charakteristischen Gang – dann spiegelt das alles eine Kernkompetenz wider, die Okomotive in sehr kurzer Zeit perfektioniert hat.

„Tieranimationen werden völlig unterschätzt“, erklärt Marketing and Communications Lead Alice Ruppert, die neben ihrer Tätigkeit bei Okomotive auch noch die inoffizielle Position als führende Pferdeexpertin für Videospiele inne hat und die Website The Mane Quest betreibt. „Viele Leute haben keine Ahnung, wie die Animation von Vierbeinern funktioniert“, so Ruppert. Sie ist beeindruckt von der Leidenschaft und dem Können, das die Animatorin Martina Hugentobler bei der Nachbildung flauschiger Fellnasen an den Tag legt – und das in einer Branche, die gemeinhin eher Wert auf Männer in Rüstungen, Panzer, Pistolen und Schwerter legt. 

„Man konzentriert sich viel zu sehr auf Menschen oder Objekte. Ich bin mir sicher, dass mehr Geld in die Darstellung präziser Nachlade-Animationen gesteckt wurde als in Tiere “, fügt Ruppert hinzu. „Das finde ich nicht gut! Es wäre deutlich cooler, wenn mehr Menschen die Animation von Tieren ernster nehmen würden, und zwar mit der ihr gebührenden Sorgfalt, Liebe und Leidenschaft.

Die Teammitglieder haben sich das Verhalten von Tieren ganz genau angeschaut, u. a. durch eine Alpaka-Wanderung, bei dem sie viel Zeit mit Kühen verbracht und alles Mögliche über Bergziegen, Yaks und weitere alpine Tierarten erfahren haben. Und die Strategie ist aufgegangen. Trotz der gewaltigen Größe, die die Kalihörner-Herden im Laufe der Zeit erreichen, haben die Testspieler enge Bindungen zu einzelnen Tieren aufgebaut. 

„Das war schön zu sehen. Wenn sich ein Tier verletzte oder starb, waren sie überaus traurig“, sagt Roesch. Die vom Team angestrebte emotionale Bindung hatte allerdings auch unliebsame Folgen. Das Kalihorn eines Spieles trug zufälligerweise den gleichen Namen wie sein leider bereits verstorbenes Haustier. Das Kalihorn starb dann ebenfalls, woraufhin der Spieler am Boden zerstört war. Um solch emotional herausfordernde Situationen zu vermeiden, hat das einfühlsame Entwicklerteam einen einfachen Modus hinzugefügt, bei dem keines der Kalihörner zu Tode kommt.

Ein gewisses Gefühl der Bedrohung muss jedoch bleiben, um zu unterstreichen, wie wichtig die eigene Verantwortung für das Wohlergehen einer Herde ist. „Das hat mit Gassigehen nicht viel zu tun. Ihr habt eine Aufgabe zu erledigen“, sagt Don, der die Auffassung vertritt, dass euch Gefahren noch enger mit eurer Herde zusammenschweißen. Durch gewisse Objekte und Tiere können eure Kalihörner zu Schaden kommen. Auch durch Klippen und Felsspalten können sie sich verletzen oder gar sterben. Eine dringende Rettungsaktion kann ebenfalls vonnöten sein.
Herdling zollt dem Tierreich und einer unterschätzten Spielmechanik den gebührenden Respekt – Wasser
Die Kalihörner mögen zwar liebenswert und einzigartig sein, aber das Team von Okomotive wollte ihnen neben den typischen tierischen Verhaltensweisen auch einen etwas unheimlichen, fremdartigen Touch verleihen. „Eine der Hauptinspirationen waren die Kukeri“, sagt Don, und meint damit die Yeti-ähnlichen Kostüme, die Teil der osteuropäischen Tradition zur Vertreibung von bösen Geistern sind. „Es handelt sich hierbei um traditionelle bulgarische Kostüme, manchmal mit Glocken behangen und reich verziert. Die sehen ganz schön gruselig aus. In der Schweiz gibt es so was ähnliches, und als Kind hatte ich große Angst vor denen. Man ahnt natürlich, dass da ein Mensch drunter steckt. Diesen Aspekt wollte ich unbedingt ein Stück weit ins Spiel integrieren. Es sollte etwas Geheimnisvolles mitschwingen, à la ‚Was verbirgt sich unter all dem Fell?‘“

Da das Team seinen Sitz in der Schweiz hat, drängt sich ein Vergleich zwischen den weitläufigen Gebirgszügen aus Herdling und den Alpen geradezu auf. Zumal letztere an klaren Tagen von Okomotives Heimatstadt Zürich gut sichtbar sind. Don verrät uns, dass der Blick des Teams sogar noch weiter reichte – zu den atemberaubenden Gipfeln der Himalayas. „In der Schweiz fühlt sich alles etwas kleiner an“, so Don weiter. „Man hat das Gefühl, die Dinge noch unter Kontrolle zu haben. Es gibt Pfade und alles sieht wunderschön aus, perfekt geeignet für Touristen. Wir wollten eine gewisse Unberührtheit und mystisch angehauchte Gebiete ins Spiel miteinbringen.”

Was die Gestaltung dieser mystischen Gebiete anging, war der Übergang von den 2D-Designs aus den FAR-Spielen zu einer vollständigen 3D-Animation doch nicht so schwierig wie zunächst gedacht. In der Reihe wurden schließlich schon immer 3D-Hintergründe verwendet. Beim Kameraverhalten sah die Sache allerdings anders aus. Ein neuer Mitarbeiter benötigte nämlich mehrere Monate, um Herdlings besondere Anforderung zu erfüllen, wonach Spieler und Herde gleichzeitig im Fokus stehen sollen. Bei den prächtigen Landschaften, die regelmäßig in Spielen wie Journey zu sehen sind, genügt es, wenn sich der Spieler auf einen einzigen markanten Punkt fokussieren kann; thatgamecompany musste schließlich keine eigensinnige Herde im Zaum (bzw. Bild) halten. 

Angesichts der Leidenschaft und der Zuneigung, die das Team von Okomotive ihren liebenswerten und gleichzeitig leicht unheimlichen Wesen entgegenbringt, dürfte sich die Arbeit an diesen ausgefallenen, knuffigen Kalihörnen definitiv gelohnt haben. Schon bald können sich die Spieler selbst davon überzeugen. 

Herdling erscheint demnächst im Epic Games Store.