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Wie das Escape-Spiel Boxes: Lost Fragments hofft, aus dem Schatten von The Room zu entkommen

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John Walker
5. Apr. 2024

Manchmal geschieht es, dass ein Videospiel ein neues Genre begründet – das ist so, seit es Videospiele gibt. Als Steve Wozniak 1976 Breakout entwickelte, war es das Spiel, bei dem man einen Ball nach oben gegen eine Wand aus Blöcken oder Ziegelsteinen schlagen musste. Als Arkanoid zehn Jahre später auf den Markt kam, war daraus bereits ein Genre mit unzähligen Nachahmern und Weiterentwicklungen geworden. Vor Grand Theft Auto III gab es keine 3D-Titel, in denen man Autos stehlen und durch Städte fahren musste, um Verbrechen zu begehen. Heute ist diese Spielkategorie nicht mehr wegzudenken.

Boxes: Lost Fragments vom Entwickler „Big Loop Studios“ ist der Beweis dafür, dass auch The Room, eine Sammlung kniffliger, magischer Kistenrätsel aus dem Jahr 2012, inzwischen zum Genre geworden ist.
Boxes: Lost Fragments 1
„Mit der The Room-Reihe entdeckte Fireproof eine Gaming-Nische, die sowohl uns als auch viele Spieler begeistert“, sagte uns Big Loop, als wir mit dem Team über die Veröffentlichung von Boxes: Lost Fragments im Epic Games Store sprachen. „Dabei herrscht Mangel an solchen Spielen, jedes Jahr erscheinen nur wenige wirklich anspruchsvolle Titel. Wir wollten einerseits unsere eigenen Ideen einbringen, gleichzeitig aber auch an dem festhalten, was das Genre für viele so attraktiv macht.“

Es gibt zwar jede Menge Imitationen, Qualität ist dabei aber eher Mangelware. In jedem Store für Handy-Apps findet man zahlreiche „Escape“-Spiele, wie sie inzwischen genannt werden, die mit düsteren und leicht gruseligen Schauplätzen voller Rätselkisten und interaktiven Szenarien versuchen, das Konzept von The Room zu kopieren – leider ohne den Charme, den Scharfsinn und die eindrucksvollen Animationen, die die originale Reihe so beliebt gemacht haben. The House of Da Vinci war bislang der Titel, der dem Erfolg von The Room am nächsten kam, aber Boxes könnte sich als ebenbürtig erweisen.

In Boxes: Lost Fragments spielt ihr einen Dieb, der auf der Suche nach einem bestimmten Objekt in eine enorme Villa einbricht und sich dort mit einer nicht enden wollenden Anzahl komplizierter Rätselkisten konfrontiert sieht, denen er mithilfe von Hebeln, Knöpfen und Mechanismen ihr Geheimnis entlocken muss, um tiefer in die Mysterien der Villa vorzudringen.

Für Big Loop ist das alles kein Neuland. Seine früheren Spiele, darunter Doors: Paradox, boten – wenn auch in bunterer, cartoonhafter Aufmachung – ähnliche Rätsel wie The Room. Boxes: Lost Fragments hat eine völlig andere Atmosphäre. „Wir haben uns bei Boxes für einen eher düsteren Ton entschieden, um einem ernsthafteren, schwierigeren und mysteriöseren Spiel Nachdruck zu verleihen“, so Big Loop. „Wir haben allerdings auch viele witzige Momente und Easter Eggs aus unseren früheren Titeln eingebaut, die unsere Fans wiedererkennen werden.“

Der Vorstoß in diese Richtung hat natürlich auch den Vorteil, dass das Publikum bereits mit dem Vokabular dieses äußerst speziellen Genres vertraut ist.
Boxes: Lost Fragments 3
Jeder Level von Boxes: Lost Fragments präsentiert euch zu Anfang eine Art Kiste oder Modell auf einem Sockel in der Mitte eines Raumes. Ihr könnt euch darum herumbewegen und bei eurer Untersuchung auf klar erkennbare Griffe, Schalter und Drehscheibe achten, aber auch auf verstecktere Fächer, Schieber und Gegenstände, die ihr aufnehmen und an anderer Stelle verwenden könnt. Oft enthalten Tafeln weitere Rätsel wie rotierende Labyrinthe oder Reihen von Knöpfen und Lichtern, die ein neues Fach freischalten, sobald ihr die Lösung findet, oder bewirken, dass Teile der Kiste kunstvoll, ähnlich eines komplizierten magischen Uhrwerks, zur Seite gleiten und sich neu ausrichten.

Und wo wir von Magie sprechen: Viele der Kisten enthalten unmögliche Räume, jeder Geometrie trotzende Tiefen und sogar Portale. Währenddessen sucht ihr nach einem seltsam geformten Stift, der zu einem ähnlich sonderbaren, zuvor gefundenen Zahnrad passt – und wenn ihr ihn schließlich an den vorgesehenen Ort schiebt, dreht sich der neue Mechanismus und offenbart euch das nächste Geheimnis. Boxes: Lost Fragments ist methodisch und achtet darauf, dass ihr weder steckenbleibt noch euch verzweifelt die Haare rauft, sondern im Gegenteil einen befriedigenden Erfolg nach dem anderen erlebt.

Das liegt zum großen Teil an der Umsetzung. „Wir haben sehr viel Zeit damit verbracht, ein fesselndes und abwechslungsreiches Gameplay zu entwickeln“, betont Big Loop. „Anschließend haben wir dafür gesorgt, dass alle Interaktionen möglichst reibungslos verlaufen und dass Grafik und Sound perfekt sind.“

Apropos Sound: Boxes: Lost Fragments arbeitet sehr viel mit Sound und akustische Hinweise spielen eine fast ebenso große Rolle wie visuelle.

Als ich genauer nach dem akustischen Design des Spiels frage, erklärt Boyko Spasov von Big Loop: „Wir verwenden Sound auf drei Arten. Umgebungsgeräusche und Musik sorgen dafür, dass die Spieler noch besser in die Atmosphäre des Spiels eintauchen. Dann verwenden wir – sehr wichtig – Sound als Feedback-Mechanismus für jede Interaktion der Spieler in den Leveln. Und zu guter Letzt haben wir geniale Zwischensequenzen mit Geräuschen und Musik.“ Besonders der zweite Punkt sticht in Boxes: Lost Fragments hervor, denn der Sound führt die Spieler auf eine Weise zur Lösung, die weitaus interessanter ist als einfache visuelle Hinweise.
Boxes: Lost Fragments 4
Außerdem ist nicht zu übersehen, dass es sich bei Boxes ganz klar um ein PC-Spiel handelt. Viele Spiele innerhalb des von The Room begründeten Genres sind ursprünglich Handyspiele, die nachträglich samt niedriger Auflösung und unpraktischer Bedienung für den PC adaptiert werden. Boxes hingegen war von Anfang an ein PC-Titel, der nun auch für mobile Geräte verfügbar gemacht wird. „Wir haben es zuerst für den PC entwickelt“, sagt Big Loop, „weil es für uns einfacher ist, ein ausgefeiltes Spiel zu schaffen und später auf anspruchsvollere Teile zu verzichten, damit es auch auf weniger leistungsfähigen Geräten läuft.“

Auf jeden Fall ist es eine Menge Arbeit, ein Spiel zu machen, dass den Vergleich mit einer genreprägenden Spielereihe wie The Room bestehen muss. Und Vergleiche sind unvermeidlich, was zum großen Teil daran liegt, dass – wie Big Loop anmerkt – im Genre Mangel herrscht. Sogar Fireproof, die Urväter des Genres, haben seit 2018 kein neues, nicht auf VR basierendes The Room-Spiel mehr herausgebracht.

Übrigens ist VR möglicherweise auch der nächste Schritt für Big Loop. „Wir haben bereits damit angefangen, zu untersuchen, was für eine VR-Version von Boxes: Lost Fragments erforderlich wäre“, sagte uns Big Loop. „Ob wir solch eine Version tatsächlich machen werden, ist noch ungewiss, aber es ist klar, dass diese Art von Spiel gut zu dem Medium passt.“

Boxes: Lost Fragments ist jetzt im Epic Games Store verfügbar.