
Indika: Die einzigartige (seltsame) Geschichte einer Nonne auf Suche nach Erlösung in einem alternativen Russland

Wart ihr in den letzten zehn Jahren auch irgendwann mal der Meinung, dass es zu wenig außergewöhnliche Videospiele gibt? Habt ihr auch öfters das Gefühl, dass ihr irgendwie immer dasselbe spielt, immer wieder dieselben Tasten drückt, dieselben Waffen abfeuert und dieselben Talentbäume erklettert? Dann solltet ihr es mal mit Indika versuchen. Indika ist das zweite Spiel von Odd Meter, einem kleinen Indie-Team, das in Moskau gegründet wurde, dann aber nach Kasachstan umzog. Dieser Mix aus Abenteuer-Rätsel-Plattformer und katholischem Glaubensprüfer/Nonnensimulator spielt in einer alternativen russischen Vergangenheit und ihr hattet bis jetzt keine Ahnung, wie sehr ihr ihn braucht.
Indika ist die Art von Spiel, die man eigentlich nur beschreiben kann, indem man sehr oft etwas wie „nein wirklich, ganz im Ernst“ sagt. Im Grunde genommen lässt sich Indika noch am ehesten als dialoglastiges Abenteuerspiel beschreiben, das ganz in der Tradition anderer großer interaktiver Erzählungen wie Syberia: The World Before steht.
Was Indika jedoch von anderen Spielen unterscheidet, sind seine hartnäckigen Glaubensfragen, die flexible Genre-Wanderung, eine wirklich bizarre Verwendung von längst vergangener Grafik und die überraschenden Umschwünge von Pathos zu Humor und psychologischem Horror. Viele Videospiele haben versucht, in der sogenannten New Weird-Strömung mitzuschwimmen, indem sie ungewöhnliche Geschichten erzählten, aber Indika geht weiter und wird noch seltsamer, noch düsterer.

Das Spiel ist an einem unbestimmten Zeitpunkt in der Geschichte eines alternativen Russlands angesiedelt, das noch im 1. Weltkrieg steckt oder ihn gerade durchlebt hat. Bei der namensgebenden Indika handelt es sich um eine junge Nonne, die bei den restlichen Schwestern in ihrem Kloster recht unbeliebt ist. Indika mag ihren Glauben zwar für aufrichtig halten, neigt jedoch zu lebhaften Halluzinationen, die sie zu einer Außenseiterin gemacht haben. Schlimmer noch: Eine höhnische Stimme in ihrem Kopf treibt sie dazu an, ihren schlimmsten Impulsen nachzugeben.
Schließlich wird Indika nach einer letzten überflüssigen Demütigung im tiefsten Winter losgeschickt, um einen Brief an ein weit entferntes Kloster persönlich zu überbringen. Dieser Auftrag ist natürlich nur ein kaum verhohlener Vorwand, sie loszuwerden, und Indika begibt sich auf eine Reise durch das ländliche Russland, das von rauem Wetter, zahlreichen Katastrophen und den Nachwirkungen des Krieges geprägt ist.
Es gibt viele moderne Abenteuerspiele, in denen der Protagonist nicht gerade ein verlässlicher Erzähler ist. Das erste wirkliche Rätsel des Spiels ist der Moment, in dem Indika zu ihrer Reise aufbricht. Dieses Spiel ist nicht einfach ein weiterer Walking Simulator, in dem ihr die Dämonen eines fremden Geistes erforscht – irgendetwas stimmt hier ganz und gar nicht, aber wir können von Indika nicht erwarten, dass sie selbst herausfindet, was dahintersteckt.

Diese mentale Kluft wird teilweise durch eine bewusst unzeitgemäße Grafik vermittelt. Indika sieht größtenteils wie ein hochwertiges Unreal Engine-Spiel aus und die mit Motion-Capture animierten Charaktermodelle bewegen sich durch eine kaputte, aber trotzdem realistische Welt. Die Atmosphäre erinnert an ein düsteres, Prestigedrama – oder an eine Version von Der Name der Rose mit einer Frau in der Hauptrolle.
Aber die seltsameren Halluzinationen von Indika (und verschiedene UI-Elemente) sind mit althergebrachter Pixelgrafik gerendert. Mehrere Action-Sequenzen sind mit unglaublich deplatzierter Chiptune-Musik untermalt und der Fund eines Sammelobjekts wird oft von einem kurzen elektronischen Klingeln oder einer großen goldenen Münze begleitet. Es erinnert ein bisschen an Scott Pilgrim gegen den Rest der Welt – mit dem Unterschied, dass all die unpassenden Videospielelemente in Indikas Welt Teil eines Fluchs sind, den sie unmöglich verstehen kann.
Das ganze Spiel ist durchdrungen von schwarzem Humor, was sich besonders darin zeigt, wie die Mechaniken den schwindenden Glauben Indikas widerspiegeln. Jedes Mal wenn ihr ein Relikt entdeckt, ein Manuskript rettet oder eine Opferkerze anzündet, verdient ihr einige Punkte, die oben links auf eurem Bildschirm gezählt werden.

Wenn ihr eine bestimmte Anzahl erreicht, steigt Indika eine Stufe auf und erhält neue Fertigkeiten wie etwa „Schande“ (jedes Mal, wenn ihr Punkte verdient, erhaltet ihr sechs zusätzliche Punkte) oder „Trauer“ (wenn ihr Punkte erhaltet, bekommt ihr die Chance auf einen Multiplikator von 1,46). Indika ist inbrünstiger Katholizismus in Form eines Arcade-Spiels der 90er-Jahre. All eure guten Taten und eure Frömmigkeit tragen zu einer sichtbar hohen Punktzahl bei.
Diese Unstimmigkeit zieht sich durch das ganze Spiel. Je weiter ihr in Indika vorankommt, desto mehr Genres und Gameplay-Mechaniken werden eingeflochten. In Indika wird das Gameplay selbst zur Metapher – magischer Realismus, Rennspiele, Plattformer-Sequenzen und eine enorme, rätselhafte Steampunk-Maschinerie vereinen sich in einer Erzählung von Glauben, Sünde und Erlösung.
Ich habe den Eindruck, dass Indika vieles enthält, das sich meinem Verständnis entzieht. Ich bin weder katholisch noch russisch – und Indika ist in vielerlei Hinsicht eine Auseinandersetzung damit, wie es ist, beides zu sein. Es gibt in diesem Spiel so viel zu entdecken, dass ich es eigentlich gerne ein zweites Mal mit einem aufgeschlagenem Russischwörterbuch auf dem Schoß durchspielen würde.

Was mich an diesem Spiel bisher am meisten beeindruckt hat, ist die ganz spezielle Art und Weise, wie Indika die visuelle Sprache von Videospielen verwendet. Stellt euch vor, ihr würdet mit einem 16-Bit-Plattformer konfrontiert, bevor ihr das erste Mal einen Fernseher gesehen habt – das ist Teil des ursprünglichen Horrors des Spielerlebnisses von Indika. Es ist etwas, mit dem wir bestens vertraut sind – aber wir sehen es mit den Augen einer Person, die darin unmöglich etwas anderes erkennen kann als einen Wirrwarr aus Farbe, Bewegung und künstlichen Tönen.
Natürlich muss das schreckenerregend sein – ich habe darüber bisher nur noch nie nachgedacht.
Indika ist demnächst im Epic Games Store verfügbar.