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Shadow of the Road: Bushido-Kodex gegen Steampunk-Imperialismus

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Francisco Dominguez
24. März 2026
Another Angle Games mangelt es bei seinem Debüttitel Shadow of the Road weder an Ehrgeiz noch an Fantasie. Das Taktik-RPG des Studios hatte seine Anfänge als Mobile-Game, erwies sich aber mit wachsender strategischer Komplexität bald als zu anspruchsvoll für diese Plattform. Das Team begann noch einmal von vorn, steckte sich noch höhere Ziele und entwickelte schließlich eine verzweigte Story, die auf einem rundenbasierten Kampfsystem aufbaut – Steampunk-Maschinen gegen Yokai-Superkräfte – alles angesiedelt im feudalen Japan.
Es liegt auf der Hand, dass Studioleiter und Gründer Marek Oleksiak keinen Wert darauf legt, anfangs kleine Brötchen zu backen, oder darauf, auf Erfolge zu warten, indem sein Studio über mehrere kleinere Projekte hinweg langsam auf ein größeres Ziel hinarbeitet. „Als wir anfingen, über die Entwicklung eines Spiels nachzudenken, wollten wir nicht den typischen Weg eines kleinen Indie-Studios einschlagen“, sagt Oleksiak. „Wir entschieden uns, das Ganze von Anfang an mit mehr Ehrgeiz anzugehen – einfach nur, um uns zu beweisen, das wir das schaffen können.“ Jahre später ist dieser Ehrgeiz immer noch spürbar.

In der Bakumatsu-Zeit brachen sowohl Japans traditionelle Isolationspolitik als auch die jahrhundertelange Herrschaft des Tokugawa-Shogunats zusammen. Ausländischer Einfluss und fremde Technologien hielten schleichend Einzugs ins Land und zogen Unruhen nach sich. Shadow of the Road verdichtet den turbulenten Wandel mit der Geschichte von sieben bunt zusammengewürfelten Verbündeten geschickt – ein Ensemble, das am Ende vielleicht Japans Schicksal bestimmen wird.

„Was wäre, wenn die geballte Macht westlicher, imperialer Steampunk-Technologie auf einen überzeichneten Bushido-Kodex träfe – Samurai plus Magie plus shintoistisches Götterpantheon?“ So fasst Narrative Designer Dante Pragier die Grundidee zusammen, nachdem er sich passenderweise mit einem eigenen modernen Haarknoten zum Video-Call dazugeschaltet hat.
Shadow of the Road 1
Diese Steampunk-Ergänzungen lassen die East Nippon Company des Spiels noch bedrohlicher erscheinen als Commodore Matthew Perrys berüchtigte Kanonenbootdiplomatie. Eindringende Truppen mit Flammenwerfern und Steinschlossgewehren waren schon schlimm genug. Doch dieselben imperialen Truppen, die in wuchtigen Mecha-Anzügen und neben gepanzerten Tanks in die Schlacht marschieren, zeichnen ein noch weitaus furchteinflößenderes Bild. 

Das soll jedoch nicht heißen, dass sich Another Angle Games zu weit von japanischer Kultur und Geschichte entfernt. Zum Beispiel vergleichen Sticheleien von NPCs Akiras blasse Haut mit der Farbe von Susuki, Japans weißem Pampasgras, das in Sekiro: Shadows Die Twice und Ghost of Tsushima auf hypnotisch-dramatische Weise eingesetzt wurde. Solche hochspezifischen Verweise werden durch ein Kodexsystem ermöglicht, das leicht zugängliche Erklärungen für poetische Feinheiten liefert, die das Team ausgegraben hat.

„Es ist wie ein Schneeball-Effekt“, sagt Oleksiak, der einfach nicht widerstehen kann, ihnen Raum zu geben. „Je tiefer wir graben, desto mehr Schätze finden wir, die wir einfach in unserem Spiel unterbringen müssen.“ 

Neben differenzierteren Einblicken in Japans Flora, Politik und die shintoistische Religion greift Shadow of the Road auch historische Praktiken wie Tsujigiri auf – eine Praxis, bei der es einem Samurai erlaubt war, seine Techniken oder die Schärfe seines Schwerts am nächstbesten unglücklichen Bauern zu testen. Bislang zeigt sich für Oleksiak, dass sich das konsequente Auskosten dieses dichten Geflechts von Geschichte und Fiktion auszahlt: Die Spieler teilen die Faszination des Teams für immer neue Facetten japanischer Kultur.
 

Steampunk-Samurai-Duelle


Natürlich geht es uns hier um die Schlachten genauso wie um die Kultur. Wenn man sich die rundenbasierten Kämpfe von Shadow of the Road ansieht, die auf einem isometrischen Raster stattfinden und bei denen Figuren in Deckung gehen und Action-Punkte aufwenden, liegt ein oberflächlicher Vergleich verlockend nah: Handelt es sich hier einfach nur um eine Samurai-Version von XCOM? Oleksiak weist darauf hin, dass dies vor zwei Jahren vielleicht noch zutreffend war, es mittlerweile aber erhebliche Unterschiede gibt. 
Shadow of the Road 2
Der erste Unterschied ist offensichtlich: Trotz aller Steampunk-Waffen bevorzugt Shadow of the Road eine von Kurosawa inspirierte Welt mit Katana-Duellen gegenüber Fernkämpfen zwischen Schützen. „Bei Nahkampfangriffen haben wir keine Chance, das Ziel zu verfehlen. Wir haben immer Witze darüber gerissen, dass man, wenn XCOM-Einheiten nebeneinander stehen, eine Trefferwahrscheinlichkeit von 98 % hat – und es geht trotzdem daneben!“, sagt Oleksiak. „Es sollte sich natürlicher anfühlen, eben wie bei einem brutalen Duell zwischen Samurai-Kriegern.“

Der nächste, wahrscheinlich offensichtlichste Unterschied, ist das Initiativsystem. Im Gegensatz zu XCOM, wo alle Aktionen der Figuren gleichzeitig zugewiesen werden, reiht Shadow of the Road die Spielzüge der Spieler zwischen denen ihrer Gegner ein. Dieses Wissen über künftige Züge – in Kombination mit Fähigkeiten, die es den Spielern erlauben, durch Initiativ-Buffs und Stuns in die Zugreihenfolge einzugreifen – ergibt eine schlagkräftige Mischung.

„Man kann einen Gegner effektiv an allem hindern, indem man die eigenen Züge geschickt und klug miteinander verbindet“, sagt Oleksiak, der die Dynamik der besten Marvel-Superhelden-Teams einfangen wollte. „Das stammt aus der Szene in Avengers: Endgame, in der alle Helden nacheinander gegen Thanos kämpfen und ihn so unter Druck setzen, dass er kaum zu einem Gegenschlag kommt.“

Feinde im Spiel können eure Aktionen zwar auch auf ähnliche Weise verzögern, aber diese Fähigkeiten sind nicht vollständig symmetrisch. Die Beziehungen zwischen den Figuren in Shadow of the Road schalten Kombinationen zwischen Charakteren frei, die eine Bindung aufgebaut haben. Beispielsweise kann der Ronin Satoru die Pfeile seiner Gefährtin Akira auf Gegner umlenken. Diese Fähigkeit eröffnet neue Sichtlinien und bietet eine Möglichkeit, die Zugreihenfolge zu umgehen. Eine andere Figur wirbelt Feinde per Telekinese mitten in Satorus erwartungsvoll erhobenes Schwert.
Shadow of the Road 3
Das Beziehungssystem funktioniert „bidirektional“, ein faszinierendes Konzept, bei dem nicht nur Entscheidungen in Dialogen oder in Bezug auf das RPG, sondern auch Entscheidungen im Kampf die Bindungen zwischen den Figuren beeinflussen und umgekehrt. Stellt sich der gepanzerte Tank Ishida vor einen Fernkampfangriff, der auf Asuke – die vergleichsweise zierliche Trickserin des Teams – zielt, und fängt den Treffer ab, stärkt das nicht nur ihre Überlebenschancen, sondern auch die Beziehung der beiden zueinander. Genauso verhält es sich auch mit Assist-Manövern: Eine Figur richtet Schaden an, eine andere führt den finalen Treffer aus.

Die späten Gegner und Bosse von Shadow of the Road haben wir zwar noch nicht zu Gesicht bekommen, aber Oleksiak zufolge werden sich Spieler „nicht mehr ganz so mächtig gegenüber schwer gepanzerten Einheiten mit Exoskelett“ fühlen – und mehr als bloße Spielereien mit der Zugreihenfolge brauchen, um sie auszuschalten. Zum Glück gibt es eine mächtige, wenn auch etwas tückische, Form der Hilfe.
 

Geisterbomben


Yokai sind ebenso schwer fassbar wie gefährlich und für Spieler die übernatürliche Waffe der Wahl, um das Kräfteverhältnis auszugleichen. Wie es sich für diese prägenden Gestalten der japanischen Sagenwelt gehört, sorgen Yokai bei jedem ihrer Auftritte für einen entsprechend dramatischen Effekt. Der erste Yokai, dem die Spieler begegnen, ist ein Sōgenbi. Dabei handelt es sich um einen schwebenden Kopf, der aus dem Körper eines alten Mannes explodiert, nachdem dieser Toshiro, das Mitglied eurer Gruppe, das Geister beschwören kann, beleidigt hat. Er bricht – Augapfel voran – aus dessen Kehle hervor und erzeugt einen Schwarm schwebender Augen (die jeweils einen schleimigen Sehnerv hinter sich herziehen). Es ist ein zutiefst verstörender erster Auftritt, der auch in Silent Hill f nicht fehl am Platz wirken würde. Er ist außerdem ein schwer zu besiegender Gegner, der das Schlachtfeld mit gefährlichen Vulkanausbrüchen übersät.

Zu allen sieben Nicht-ganz-Samurai gehört jeweils ein eigener, freundlicherer Yokai, dank Toshiros übernatürlicher Verbindung. Sobald eine magische Ressource genug aufgeladen ist, kann sie in die Schlacht geschickt werden und ersetzt dabei oft den Menschen mittels eines explosiven Auftritts. Die üblichen Verteidigungsmuster – zur eigenen Sicherheit in Deckung blieben und mit Nah- und Gelegenheitsangriffen die Bewegungsfreiheit der Gegner einschränken – gehen über Bord, sobald die Yokai ins Spiel kommen. 
Shadow of the Road 4
Die Yokai sind verheerend und, im Gegensatz zum Leben der Figuren, entbehrlich. „Sie werden jedes Mal wiedergeboren“, sagt Oleksiak. „Es ist, ehrlich gesagt, nicht wichtig, ob sie überleben oder nicht, weil sie wiedergeboren werden und man kann sie zu einem späteren Zeitpunkt wieder rufen.“ Sie haben es in sich, mit ihren eigenen, einzigartigen Unterstützungsfähigkeiten und individuellen Skilltrees. Geister gegen Roboter antreten zu lassen, ist wahrscheinlich eure beste Chance.

„Ich musste einige dieser Geschichten mit Yokai abschwächen“, sagt Pragier, der Tausende von Erzählungen über Yokai (und Dutzende regionale Varianten) durchforstet hat, um sich schließlich für die Auswahl in Shadow of the Road zu entscheiden. Besonders großen Spaß hatte er an der individuellen Interpretation des Teams zu mythischen Figuren wie den Kappa – zweibeinige Schildkrötengeister, die oft von erschöpften Eltern heraufbeschworen werden und die Fans der Teenage Mutant Ninja Turtles seltsam bekannt vorkommen dürften. Sie verschlingen Kinder, die sich zu nah am Wasser aufhalten.

„Das Gute an den Yokai ist, dass man ihre Absichten nicht abschätzen kann“, fährt Pragier fort und deutet an, dass sich das Heraufbeschwören unergründlicher Verbündeter aus der Geisterwelt als eine Art Pakt mit dem Teufel erweisen könnte. „Sie haben andere Ziele, sie funktionieren und handeln anders. Selbst Yokai als eine Art Werkzeug heraufzubeschwören, könnte sich deshalb als doch nicht so eindeutig erweisen. Es geht nicht nur darum, sie für die eigenen Zwecke einzusetzen. Es steckt noch ein bisschen mehr dahinter.“

Setzt Shadow of the Road jetzt noch vor der Veröffentlichung auf eure Wunschliste im Epic Games Store.