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South Park: Der Stab der Wahrheit ist eine ungewöhnliche RPG-Parodie, die keinen Tag gealtert ist

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Francisco Dominguez
18. Dez. 2023
Für die besten Parodien braucht man ein gutes Verständnis der Quelle, und kaum jemand versteht RPGs besser als Obsidian Entertainment. Die Meister des Genres haben das Genre bereits zuvor mit Knights of the Old Republic II dekonstruiert, aber dieses Mal lauscht ihr nicht der Weisheit eines zynischen Jedimeisters, der euch einen Schnellkurs in moralischer Relativität gibt – sondern Cartman in einem Zaubererumhang, der euch auf obszöne Weise beschreibt, wie ihr eure von Limo getriebenen Fürze in tödliche Gasangriffe verwandelt.

Irgendwie funktioniert Cartmans Ansatz nicht weniger gut. Beinahe ein Jahrzehnt nach seiner Veröffentlichung hat dank Obsidians Know-how über RPGs und Trey Parkers und Matt Stones Talent für Parodien niemand aberwitzige RPG-Klischees besser auf die Schippe genommen als South Park: Der Stab der Wahrheit. Ihr müsst kein South Park-Fan sein, um diese mit feiner Klinge geführten Anspielungen auf das Genre zu verstehen, die heute noch so relevant für Baldur's Gate 3 sind wie im Jahr 2014 und im unverwechselbaren Stil der Schöpfer der Show gebracht werden. South Park ist als Schauplatz fast so lebhaft und reichhaltig wie die Vergessenen Reiche von D&D – aber mit besseren Witzen.

Ihr seid „das neue Kind“ und findet euch in der primitivsten und unhöflichsten Stadt Colorados wieder. Alles beginnt als niedliche Suche nach neuen Freunden in eurer neuen Heimatstadt. Diese Einführung entwickelt sich schnell zu einem absurd übertriebenen Streit zwischen Kindern, die Drow-Elfen (zu erkennen an den Spitzohren, die sie sich um die Köpfe geschnallt haben) gegen Menschen spielen und um den mächtigen Stab der Wahrheit kämpfen. Ihr epischer Zwist um einen scheinbar stinknormalen Zweig lässt Fantasy-Konflikte wie den Krieg zwischen Redania und Nilfgaard in The Witcher 3 banal aussehen, sobald ihr den blutrünstigen Schrecken erlebt, den die fiesesten Achtjährigen von South Park entfesseln.

Die Kinder streifen durch die Straßen wie wilde Banden von Grundschülern, die ihr LARP ein bisschen zu ernst nehmen, und in schrillen Outfits eine Mischung aus harmlosem Spielzeug und gefährlichem Werkzeug in die Schlacht führen. Unscheinbare Pfeile mit Saugnapfspitzen werden zu gefährlichen Waffen wie Paladin Butters tödlicher Hammer, Drow-Elf Kyles schwerer Golfschläger und durchdringende Dartpfeile, die aus Skeeters Bar geklaut wurden. Dieses Spiel ist beunruhigend gut darin, aus geplünderten Gegenständen des täglichen Bedarfs extravagante Instrumente des Schmerzes zu machen, genau wie in der Yakuza-Reihe.
South Park: Der Stab der Wahrheit ist eine ungewöhnliche RPG-Parodie, die keinen Tag gealtert ist Neues Kind
Man sagt, die Wurzel der Komik liegt im Timing, und dasselbe gilt für die rundenbasierten Slapstick-Kämpfe in South Park: Der Stab der Wahrheit. Mit kleinen, aber wichtigen Interaktionen wie in Paper Mario, können Quick-Time-Events eure Angriffe stärken und mit einem Tastendruck zum richtigen Zeitpunkt gegnerische Hiebe wirkungslos machen. Nur haut ihr hier nicht fröhlich auf Gumbas und Schildkröten ein, sondern auf die Kinder, die auf der falschen Seite stehen (d. h. nicht auf eurer). In Videospielen darf man nur selten Kinder angreifen – Fallout 3 schreckte bekanntermaßen wie viele andere Spiele vor dieser Option zurück –, doch was die Gutachter für Alterseinstufungen betrifft, ist das kein Problem, solange man selbst eine dieser Rotznasen spielt.

Genau wie die Serie ist auch das Spiel so unnachgiebig derb wie kreativ und handelt mit halsbrecherischer Geschwindigkeit die bekannten RPG-Klischees ab. Und für ein RPG, das in 15 Stunden durchgespielt werden kann, ist es mindestens so gut abgestimmt und mit Sorgfalt entwickelt wie viele Spiele, die viermal so viel Zeit in Anspruch nehmen.

Unverzichtbare Rollenspielelemente bekommen die ganze South Park-Behandlung. Anstelle von Mana verbrauchen eure Kräfte PP (angeblich „Power Points“); Krafttränke sehen aus wie Energydrinkdosen, die garantiert eure Blasen randvoll füllen werden. Gesundheitsgegenstände sind Chipstüten und Hotdogs. Eure magischen Angriffe sind Fürze, eure Spezialangriffe eine schnelle Runde „Stein, Schere, Tritt in die Nüsse“ und beschwören könnt ihr Begleiter vom schmutzigen Mr. Hankey bis hin zum allmächtigen Jesus Christus höchstpersönlich.

Die Schöpfer von South Park sind wahre RPG-Fans – falls das nicht nach ihrer gefeierten MMO-Folge „Make Love, Not Warcraft“ noch im Zweifel stand. Die beiden sind bis in die Knochen Fantasy-Nerds, spielen D&D und Trey Parker ist sogar mit einflussreichen Klassikern wie Richard Garriotts Ultima-Spielen aufgewachsen. Und das zeigt sich darin, wie liebevoll Der Stab der Wahrheit das Genre veräppelt.
South Park: Der Stab der Wahrheit ist eine ungewöhnliche RPG-Parodie, die keinen Tag gealtert ist Kampf
Wie zum Beispiel: euer eigener Charakter. Nachdem ihr im Charakter-Erstellungstool euren Avatar nach euren Wünschen angepasst habt, findet ihr schnell heraus, dass ihr ein sehr stiller Protagonist seid und weniger Einfluss nehmen könnt, als euch lieb ist. Und das Spiel erinnert euch immer wieder daran. Es nützt jede Chance, das Gesicht eures gleichgültigen Charakters zu zeigen, wenn euch eine Frage gestellt wird. Der Name, den ihr gewählt habt, ist egal, weil ihr ständig von Oberzauberer Cartman „Douchebag“ genannt werdet und ihr euch nicht einmal dagegen wehren könnt. Umgeben von den vorlauten Figuren der Serie und ihrer Flut an derben Witzen würdet ihr ohnehin nicht zu Wort kommen.

Aber es sind nicht nur die zahlreichen Gags und Insiderwitze, die dieses Spiel so unvergesslich machen, sondern auch die RPG-Versionen der bekanntesten Schauplätze der Serie. City Wok, Jimbo's Guns, Park County Police Station und viele mehr sind im Spiel enthalten und sehen genau so aus wie in der Serie. Doch einige Orte können sehr anders sein: Wenn ihr Richtung Norden ins mittelalterliche „Königreich Kanada“ reist, verwandeln sich die vertrauten Scherenschnitte der Serie in eine aus der Vogelperspektive betrachtete Oberwelt, die den Stil von The Legend of Zelda für NES nachäfft.

Natürlich spielen viele der denkwürdigsten Momente des Spiels in der Schule. Der Einbruch in die Grundschule von South Park, um Craig zu befreien, dem von Mr. Mackey Nachsitzen aufgebrummt worden war, wird zu einer großartigen Version des klassischen Gefängnisausbruchs. In einem Mini-Dungeon schaltet ihr die pingelige Fluraufsicht mit tödlichem Gas aus und durchsucht das Gelände nach Schlüsseln, um die Gefangenen vor einem Nachmittag der puren Langeweile zu retten.

Später wird in einer dramatischen Wende, auf die selbst Dragon Age oder Baldur's Gate stolz wären, im letzten Akt die Schule zum verwüsteten Schauplatz eines verzweifelten Kampfs um den Stab. Die Wände der Schule sind brüchig und mit Graffitis besprüht, klapprige Barrikaden versperren euch den Weg, verwundete Kinder liegen auf dem Boden und warten nur darauf, von euch geplündert zu werden. Und es wird noch schräger und abgedrehter, bis das Spiel zu einem völlig bescheuerten Ende kommt, mit dem ihr nie gerechnet hättet.

Manche Dinge werden mit dem Alter besser, wenn man ihre feinen Nuancen zu schätzen lernt. Andere werden alt und zu Relikten ihrer Zeit. Doch manche Dinge wie South Park bleiben genau so witzig, haarsträubend, einfallsreich, chaotisch, verdorben und abstoßend wie sie schon immer waren. Obsidian Entertainment und Trey Parker und Matt Stone haben einen unvorstellbaren Zaubertrick abgezogen, auf den jeder ordinäre Totenbeschwörer stolz wäre, und ihre schonungslose Parodie des RPG-Genres ist nicht einen Tag gealtert.

South Park: Der Stab der Wahrheit ist jetzt im Epic Games Store verfügbar.