Neuigkeiten

An diesem Fallout Day fragen wir: Wer hat die erste Bombe abgeworfen?

D
Dave Tach
23. Okt. 2024
Gleich die ersten Worte, die wir im allerersten Fallout-Teil hören, geben den Ton für die ganze Spielreihe an.

„Krieg”, sagt der Erzähler. „Krieg bleibt immer gleich.”

Und auch dieser Satz bleibt immer gleich. Seit dem 1997 erschienenen Originalspiel wird er in der Eröffnungssequenz jedes großen Fallout-Teils wiederholt, und zwar im gleichgültigen Tonfall von jemandem, der alltägliche Tatsachen kundtut – Wasser ist nass, der Himmel ist blau, Krieg ist immer gleich. Immer erinnert uns ein Erzähler daran, dass die Welt von Fallout von Eroberung, Ressourcenknappheit und sich bekriegenden Fraktionen geprägt ist. Einige dieser Fraktionen zählen nur dutzende Mitglieder, bei anderen geht die Mitgliederzahl in die Millionenhöhe. Damals wie heute erinnert uns der Erzähler immer daran, dass Krieg ein Motor ist, der menschliche Habsucht antreibt – egal, ob sich diese im unstillbaren Machthunger von Nazi-Deutschland äußert oder in der Goldgier des spanischen Kolonialreichs. Das war und ist der Lauf der Menschheitsgeschichte und bleibt deshalb auch in der Zukunft so, in der die Geschichte von Fallout angesiedelt ist.

In diesem fiktiven 21. Jahrhundert hat die Menschheit ebenso erbittert Krieg geführt wie eh und je, allerdings unter einem anderen Vorwand: Es ging um Erdöl und Uran. Um sich diese Ressourcen zu sichern, fiel China vor dem Beginn von Fallout in Alaska ein. Die Vereinigten Staaten von Amerika annektierten Kanada. Die Vereinigten Staaten von Europa verfielen in kleinliche Streitereien, während die Ressourcen zur Neige gingen und jeder versuchte, die kläglichen Reste an sich zu reißen. In anderen Worten: Die Welt versank im Chaos.

Der Krieg mag gleich geblieben sein, aber er eskalierte mit vernichtenden Folgen. Am Samstag, den 23. Oktober 2077, veränderte der globale thermonukleare Krieg die Welt für immer. Die Meere kochten. Kontinente verbrannten. In nur zwei Stunden vernichtete der nukleare Holocaust des Großen Krieges den größten Teil der Menschheit und des menschlichen Fortschritts.

In Fallout geht es fast immer um die Nachwirkungen des Krieges und die wenigen Überlebenden inner- und außerhalb der Vault-Tec-Bunker, die in dieser Spielwelt quasi den letzten Hoffnungsschimmer für den Rest der Menschheit darstellen.

Aber wie war diese bizarre retrofuturistische Welt? Und was geschah an diesen letzten Tagen in einer Realität, die einer amerikanischen Sitcom der 1950er-Jahre ähnelte und um ein Jahrhundert in die Zukunft versetzt wurde? Was geschah an dem Tag, an dem die Bomben fielen und Jahrhunderte des zivilisatorischen Fortschritts vernichteten, sodass nur Trümmer und Barbarei zurückblieben?
Fallout Day, abgeworfene Bomben, Spiele, TV-Guide, Fallout 4
Wir wissen, dass die Welt im Chaos versank. Dennoch überlebte sie – dank der Doktrin der Mutual Assured Destruction (MAD, zu Deutsch: wechselseitig zugesicherte Zerstörung), der zufolge Atommächte durch ein sogenanntes Gleichgewicht des Schreckens davon abgehalten wurden, den nuklearen Erstschlag auf andere Atommächte zu wagen. Das funktionierte eine Weile lang – aber nicht für immer.

Wer also drückte den Knopf, der das Ende der Menschheit, wie wir sie kennen, bedeutete? Wer hat zuerst Bomben abgeworfen?

Das ist seit dem Erscheinen des Originalspiels im Jahr 1997 ein bleibendes Rätsel, und zwar eins, das die Spiele jahrzehntelang geschickt umgangen haben.

„Das Ende der Welt ereignete sich mehr oder weniger so, wie wir es vorausgesehen hatten”, sagte der Erzähler in Fallout 2 (1998). „Die Einzelheiten sind trivial und unbedeutend. Die Gründe, wie immer, rein menschlicher Natur.” Anders gesagt: Macht euch keine Gedanken darum. Die Einzelheiten sind nicht wirklich wichtig.

Trotzdem könnten wir der Lösung dieses Rätsels inzwischen näher sein als je zuvor. Die Antwort könnte eine langjährige Theorie auf den Kopf stellen, den ursprünglichen Plan verbessern und letzten Endes von einer echten Übergabe des Atomkoffers des Fallout-Franchise abhängen.
 

Die China-Theorie


Eine der ältesten Theorien darüber, wer die erste Bombe abgeworfen hat, zeigt mit dem Finger des Vault-Boys auf China.

Gleich zu Beginn des ersten Spiels erfahren wir, dass es eine Reihe von Angriffen gab. Erst marschierte China in Alaska ein, um sich dessen Ressourcen zu sichern, darunter Bodenschätze wie Erdöl und Uran. Dann annektierten die Vereinigten Staaten von Amerika das nachbarliche Kanada, vermutlich um es auszubremsen. In diesem Szenario hat China zuerst angegriffen und die USA haben zurückgeschlagen.

Internetdetektive und Fans von Fallout haben das Ödland durchkämmt und dabei Informationen zusammengetragen, die in die Spiele eingestreut wurden und die China-Theorie tatsächlich glaubwürdig wirken lassen. Zum Beispiel scheint es, als wären die USA um 9:42 Uhr am Fallout Day von den ersten Atombomben getroffen worden und hätten dann zurückgeschlagen. Aber wo kamen diese Atombomben her? Und waren sie wirklich die ersten Bomben, die abgeworfen wurden?

Tim Cain, der Schöpfer von Fallout, hat letztes Jahr in einem Interview gesagt, dass seiner Meinung nach China den Krieg begonnen hat. Und er meint auch zu wissen, warum.
Fallout Day, abgeworfene Bomben, Spiele, TV-Guide, Explosion
„Wir kommen auch nicht als die Guten rüber”, so Cain über die USA. „[Die USA] wurden atomar angegriffen, weil Biowaffen illegal waren und China irgendwie herausgefunden hatte, dass wir das FEV entwickelten [das sogenannte Forced Evolutionary Virus ist für viele der Mutationen in der Spielreihe verantwortlich]. Und sie sagten: ‚Ihr müsst damit aufhören!‘,  und wir sagten ‚Okay‘, verlagerten es aber nur. Wir haben es nur verlagert.”

Und von wem soll eine endgültige Antwort kommen, wenn nicht von dem Mann, der den für Fallout so typischen Ton geprägt hat (eine Mischung aus absurdem Humor und thermonuklearem Horror, die gut drei Jahrzehnte überdauert hat)?

Allerdings ...

Cain war der Hauptschöpfer beim Entwicklerstudio Interplay Productions und fungierte als Designer, Producer und ein Lead Programmer von Fallout. Er war intensiv an der Entwicklung von Fallout 2 beteiligt, das ein Jahr später (also 1998) erschien. Seine Gedanken und Beiträge sind eindeutig wertvoll. In einem alternativen Universum könnten seine Worte sogar Gesetz sein, aber letzten Endes schlug das Franchise einen anderen Weg ein.

2004 erwarb Bethesda von Interplay die Rechte für Fallout. Fallout 3 wurde bei Bethesda intern entwickelt und erschien 2008, ein Jahrzehnt nach Fallout 2. Zwei Jahre später, also 2010, wurde Fallout: New Vegas™ von Bethesda und dem Entwicklerstudio Obsidian Entertainment veröffentlicht.

Es waren neue Spiele von neuen Entwicklern, aber sie waren keine Neuauflagen. Bethesda hat die Originalspiele weder eingestampft noch ersetzt. Stattdessen wurde die Geschichte fortgesetzt, die bei Interplay begonnen hatte. Und das Rätsel, wer die erste Bombe abgeworfen hatte, blieb bestehen – in Fallout 3, Fallout 4, Fallout 76 und sogar Ablegern wie Fallout Shelter.

Nach allem, was wir wissen, hätte Bethesda die Originalidee von Cain durch eine neue Idee ersetzen können. Das ist durchaus plausibel, da das Szenario, der er im Jahr 2023 umrissen hat, nie in den Spielen verewigt wurde, an denen er mitgewirkt hat. Wir wissen es nicht. Es bleibt ein Rätsel – und typisch für Rätsel ist ja, dass sie ungelöst sind.

Bis vor Kurzem ... oder vielleicht auch nicht.
 

Die Vault-Tec-Theorie


Fallout ist nur ein weiteres Beispiel für eine transmediale Geschichte, die erst in einem Videospiel-Franchise erzählt wird und dann im Fernsehen oder sogar im Kino landet. Dennoch gibt es ein paar Dinge, die diese Serie außergewöhnlich machen. Erstens: Sie kam überwiegend gut an, was insbesondere Walton Goggins' Darstellung des Ghuls – alias Cooper Howard – zu verdanken ist.

Zweitens: Der Film steht ebenso sehr im Einklang mit dem Originalwerk wie Fallout 4 oder jedes andere Spiel. Bethesda hat eng mit dem Produktionsteam der Fernsehserie zusammengearbeitet und der Game Director Todd Howard fungierte als Produktionsleiter. Selbst in Pressemitteilungen von Prime Video wird mit dieser Kontinuität geworben. Dort heißt es zum Beispiel, die Serie sei eine auf Fallout beruhende Originalgeschichte, die im Einklang mit der Geschichte der Spiele stehen werde.

Ein wichtiger Teil der Geschichte der Fernsehserie Fallout findet vor dem 23. Oktober 2077 statt – dem Tag, an dem Atompilze in den Himmel wuchsen und Städte zugrunde gingen. So erfahren wir noch mehr über Vault-Tec, das böse Unternehmen, das die legendären Untergrundbunker gebaut hat, in denen sich die Leute verschanzten, als die Bomben fielen.

Tatsächlich dreht sich die erste Staffel wohl auch um die Frage, wer die erste Bombe geworfen hat – und warum. Und die Antwort lautet nicht „China”.
Fallout Day, abgeworfene Bomben, Spiele, TV-Guide, Vault-Tec
Ohne zu viel zu verraten: In einer Szene gegen Ende der Staffel – die bereits eindrücklich das bizarre Verhalten der Mitarbeiter sowie die Menschenexperimente bei Vault-Tec gezeigt hatte – sieht man, wie das Unternehmen eine besonders amoralische Form des Kapitalismus und eine treuhänderische Verantwortungslosigkeit an den Tag legt.

„Ein nuklearer Vorfall wäre eine Tragödie, aber auch eine Gelegenheit”, sagt eine Mitarbeiterin von Vault-Tec bei einem Treffen mit Führungskräften des Unternehmens. „Vielleicht sogar die großartigste Gelegenheit in der Geschichte. Denn wenn nur wir übrig bleiben, dann kann niemand mehr kämpfen. Ein wahres Monopol. Das ist unsere Chance, Kriege überflüssig zu machen. Denn in unserer derzeitigen Gesellschaft, die ohne bewusste Führung geformt wurde, gibt es Reibereien, Konflikte und Krieg ... Und Krieg bleibt immer gleich.”

Vault-Tec weiß, dass Krieg immer gleich bleibt – und dass man davon profitieren kann. Die Fernsehserie macht ständig klar, dass die Leute in diesem Unternehmen überheblich genug sind, um zu glauben, dass sie eine neue Welt erschaffen können, in der sie der Herr im postapokalyptischen Hause wären. Sie haben ausreichend Motive, um die Welt zu zerstören und nach dem Bilde von Vault-Boy wieder aufzubauen. Und ihre Bunker selbst bilden ein riesiges, haarsträubendes Netzwerk aus sozialen und wissenschaftlichen Experimenten, die als Saat für ihre neue Welt dienen sollen.

Ist das ein endgültiger Beweis? Nein. Aber es ähnelt doch einem blinkenden Neonschild, auf dem „Schuldig” steht.

Vielleicht jedoch auch nicht. Der Co-Showrunner Graham Wagner erzählte in einem GQ-Interview, dass vielleicht nicht alles so ist, wie es zu sein scheint. 

„Tja, wir haben noch mehr zu erzählen”, so Wagner. „Ich würde nichts als endgültig festgelegt betrachten, denn alles, was wir sehen, ist wie gesagt sehr subjektiv. Diese Szene gab es. Aber was nach dieser Szene geschieht, bis tatsächlich die Bomben fallen ... So viel kann ich sagen: Für die Zeit zwischen diesen beiden Momenten ist noch weiterer spannender Erzählstoff geplant.”

War es China? Amerika? Vault-Tec? Wer weiß? Die Apokalypse verrät es nicht. Vielleicht ist der springende Punkt auch, dass es nicht wirklich wichtig ist. Dann hätten die Spiele von Anfang an recht gehabt. Alles, worauf es wirklich ankommt, ist die Tatsache, dass so ziemlich jede Atommacht ein Motiv hatte, um einen Erstschlag zu verüben – in einer schrecklich kaputten Welt, die von Eroberung, Ressourcenknappheit und sich bekriegenden Fraktionen geprägt ist. Nur eins wissen wir ganz sicher: Krieg bleibt immer gleich.