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Der Aufstieg von FMV-Spielen – Ein vergessenes Genre wird zum Hit

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John Walker
28. Juli 2023

Es gab eine Zeit, als der Begriff „Full-Motion-Videospiel“ (FMV) einen unheilverkündenden, geradezu verhängnisvollen Klang hatte. Damals, in den 90er Jahren, kam gerade die CD-ROM auf und wir waren alle schwer beeindruckt, dass sie 450-mal so viel Speicherplatz wie eine Diskette bot. Das war eine Menge Platz, der mit irgendetwas gefüllt werden wollte. Und dieses Irgendetwas bestand leider oft aus einer Stunde ruckelnder Full-Motion-Videos, in denen Schauspieler dritter Wahl vor einem schlecht abgestimmten Greenscreen ihre Rollen stark übertrieben. 

Aber vergesst diese Zeiten! Vergesst Ripper und Night Trap und Plumbers Don't Wear Ties! In den letzten zehn Jahren erlebte dieses Format ein Comeback und erschwingliche Kameras, die Filmqualität bieten, erlauben es jedem mit einem Drehbuch und Vorstellungskraft, das Potenzial von Full-Motion-Videospielen voll auszuschöpfen. 
 

The Shapeshifting Detective


Aktuell führt der Publisher Wales Interactive dieses FMV-Revival an. Mit ganzen zwölf Spielveröffentlichungen im Epic Games Store innerhalb der letzten sieben Jahre ist Wales Interactive die erste Adresse für interaktive Filme – und The Shapeshifting Detective ist darunter wohl das Bekannteste. In diesem übernatürlichen Krimi von D'Avekki Studios schlüpft ihr in die Rolle eines Detektivs, der – ihr habt es vielleicht schon erraten – seine Gestalt ändern kann. Ihr benutzt diese Fähigkeit, um euch in andere Figuren zu verwandeln und mithilfe dieser Täuschung Verdächtige dazu zu bringen, geheime Informationen auszuplaudern. Das … ist moralisch vermutlich bedenklich. Vor Gericht wäre es jedenfalls sicher nicht vertretbar.
Der Aufstieg von FMV-Spielen – Ein vergessenes Genre wird zum Hit – The Shapeshifting Detective
Eine Gruppe von Tarotkartenlesern übernachtet in einer Pension. Gemeinsam sagen sie einen Mord voraus, der in derselben Nacht verübt wird. Da sie die drei Hauptverdächtigen sind, knöpft ihr sie euch logischerweise zuerst einzeln vor und sprecht dann mit dem örtlichen Polizeichef und der Besitzerin der Pension. Anschließend könnt ihr jedoch die Form jedes Einzelnen von ihnen annehmen und eure neue Verkleidung nutzen, um von ahnungslosen Zeugen Informationen zu erhalten. Während ihr euch bemüht, keinen Verdacht zu erregen, erfahrt ihr pikante persönliche Details, die euch helfen, das Geheimnis aufzuklären.

Bei unterschiedlichem schauspielerischem Talent – manche sehr überzeugend, andere etwas gekünstelt – ist der ständige direkte Augenkontakts der Figuren (die starr in die Kamera blicken) etwas gewöhnungsbedürftig, aber das geht schnell vorbei. Dabei ist das, was ihr nicht sagt, genauso wichtig wie das, was ihr sagt. Kluges Schweigen oder das Vermeiden einer bestimmten Richtung können ein Gespräch in ganz neue Bahnen lenken. Ganz besonders schwierig ist es übrigens, all die Lügen im Griff zu behalten, die ihr in euren unterschiedlichen Rollen den verschiedenen Leuten aufgetischt habt.
 

Not For Broadcast


Not For Broadcast nutzt FMV auf besonders innovative Weise. Anstatt zu versuchen, die Geschichte mit einer beschränkten Menge von gefilmtem Material zu erzählen, baut dieses Spiel sein gesamtes Konzept auf dieses Thema auf. Ihr leitet die Redaktion eines Fernsehsenders – VHS-Kassetten lassen auf die frühen 90er Jahre schließen – und müsst zwischen den Kameras hin- und herschalten, Werbespots einblenden und Kraftausdrücke in Echtzeit zensieren. Während ihr mit mehrfachen Feeds jongliert und euch um diese zusätzlichen Aufgaben kümmert, müsst ihr außerdem Interferenzen vermeiden, und allgemein passiert so viel gleichzeitig, dass ihr kaum auf alles reagieren könnt.
Der Aufstieg von FMV-Spielen – Ein vergessenes Genre wird zum Hit – Not For Broadcast
Das Spiel beginnt wie ein Albtraum: Euer namenloser Charakter – ein Hausmeister des Senders – ist gerade in einem Regieraum, als dort das Telefon klingelt. Ihr geht an den Apparat und ein gewisser Dave erklärt euch lapidar, dass er es heute leider nicht rechtzeitig zur Arbeit schafft, die Nachrichten gleich beginnen und ihr doch bitte den Job für ihn erledigt. Zum Glück bleibt Dave in der Leitung und erklärt euch, was bei einer Live-Übertragung zu tun ist und was ihr alles beachten müsst.

Dieses Spiel ist ausgesprochen britisch, mit Teilen der Benutzeroberfläche im Stil von Videotext (lest auf Wikipedia nach, was das ist) und voller Persiflagen auf Stereotypen des britischen Fernsehens. Dabei sind der Einfluss eurer redaktionellen Entscheidungen auf das Verständnis der Zuschauer – und ebenso der kontinuierliche Bezug auf eine populistische Partei – universelle Themen. Das Spiel ist unglaublich lustig, aber auch oft unheimlich, und es passiert so viel, dass ihr froh sein werdet, dass ihr euch nach dem Ende eines Kapitels jedes der Videos noch einmal ansehen könnt.
 

Night Book


Auch dieses Spiel kommt von Wales Interactive, diesmal aber vom Entwickler Good Gate Media. Night Book wartet mit einer sehr subtilen Horrorgeschichte auf, die während des COVID-Lockdowns entstand. Ihr spielt als die schwangere Französin Loralyn, die in London als Online-Übersetzerin arbeitet. Von einer Agentur erhält sie den Auftrag, für verschiedene Unternehmen Videoanrufe zu übersetzen. Sie spricht Französisch, Englisch und eine alte, fast ausgestorbene Sprache namens Kannar.
Der Aufstieg von FMV-Spielen – Ein vergessenes Genre wird zum Hit – Night Book
Ihr Ehemann Pearce arbeitet unterdessen auf den Godshand-Inseln. Dort soll auf einem geschichtsträchtigen Grundstück ein Hotel gebaut werden, und es wird gemunkelt, dass die Geister der Gegend davon nicht sehr entzückt sind. Die Sprache Kannar hingegen scheint diese Geister sehr zu beflügeln.

Obendrein hat sich Loralyns Vater, der mit ihr in ihrer Wohnung lebt, in seinem Schlafzimmer eingeschlossen und glaubt, von ähnlichen Geistern besessen zu sein. Er kommuniziert ausschließlich über sein Handy und macht zudem ziemlich entnervende Geräusche.

Wie ihr euch denken könnt, wird Loralyn tief in die Geheimnisse verwickelt, die dieses Bauprojekt, verschiedene alte Kannar-Schriften und diverse interessierte Parteien umgeben. Ihr sitzt dabei die ganze Zeit an ihrem PC und erfahrt von allen Ereignissen im Spiel durch Videoanrufe. Von bösen Geistern einmal abgesehen, haben viele von uns so den Lockdown verbracht – und tatsächlich ist unter diesen Umständen auch das Spiel entstanden. Alle Mitwirkenden des Spiels haben ihre eigenen Szenen selbst gefilmt, jeweils während eines Anrufs, und daher wirkt es vollkommen natürlich, dass keine physische Interaktion stattfindet.

Bei Night Book gibt es beachtliche 15 unterschiedliche Enden und bei einem Spieldurchlauf seht ihr vielleicht nur etwa 40 der insgesamt gefilmten 223 Szenen. Da versteht es sich von selbst, dass ihr dieses Spiel sehr oft spielen könnt. Gelegentlich könnt ihr vielleicht enttäuscht sein, wie ähnlich es am Ende ausgeht, aber da ihr bereits früher gesehene Szenen überspringen könnt, ist es nicht sehr mühselig, neue Blickwinkel und andere Enden zu finden.
 

Stonekeep


Als weiteren Beweis, dass die 90er Jahre nicht nur schlecht waren, hier noch ein steinalter FMV-Klassiker. Auf 30 Spiele in der Art von Fox Hunt kam eines, das versuchte, das Format intelligenter zu nutzen – und nur wenigen gelang das besser als Stonekeep.
Der Aufstieg von FMV-Spielen – Ein vergessenes Genre wird zum Hit – Stonekeep
Stonekeep wurde 1995 von Interplay veröffentlicht, demselben Publisher, der uns Baldur's Gate beschert hat. Dieser Dungeon Crawler in der Ego-Perspektive wurde im Stil von Klassikern des Genres wie Dungeon Master und Wizardry entwickelt, aber mit der modernsten Technik, die damals zur Verfügung stand: vorgerenderte Hintergründe und FMV-Charaktere. Ihr spielt Drake und irrt nur mit einem magischen Spiegel und einer magischen Schriftrolle bewaffnet durch das Labyrinth der Gänge und Kammern. Irgendwann schließt ihr euch mit anderen zu einer Gruppe zusammen, lernt Magie und besiegt schließlich den bösen Schattenkönig.

Die eigentliche Entwicklung begann 1988 und Interplay hatte geplant, das Spiel in neun Monaten und mit einem Budget von 50.000 Dollar fertigzustellen. Etwa sieben Jahre und 5 Millionen Dollar später wurde das Spiel veröffentlicht, nachdem die Entwicklung immer wieder durch die rasanten technischen Fortschritte der damaligen Zeit behindert und vorangetrieben worden war. Ursprünglich sollte das Spiel auf acht Disketten veröffentlicht werden, aber schließlich erschien es auf einer CD-ROM. Die einleitende FMV-Sequenz – vor einem Greenscreen gefilmt und auf Myst-artige 3D-Hintergründe projiziert – ist ein geniales Beispiel für die Technik der 90er. Und es sieht immer noch gut aus!

Das ganze Spiel – das auch 30 Jahre später noch erstaunlich verzwickt ist – wird ein Dungeon-Crawler-Klassiker bleiben und es ist schön, dass diese Zeitkapsel der FMV-Technik aus der Mitte der 90er Jahre auch heute noch spielbar ist.
 

The Complex


Wir sind wieder bei Wales Interactive und einer Zusammenarbeit mit Good Gate Media: The Complex. Jetzt kommen wir zur Visual Novel, einer anderen Ausprägung dieses interaktiven Spektrums. The Complex ist ein interaktiver Film, bei dem ihr zwar nicht so häufig Entscheidungen trefft, diese aber grundlegende Auswirkungen auf die Geschichte haben können.
Der Aufstieg von FMV-Spielen – Ein vergessenes Genre wird zum Hit – The Complex
Bei diesem Sci-Fi-Thriller schlüpft ihr in die Rolle von Dr. Amy, einer Forscherin, die mit einem Biowaffenangriff auf London konfrontiert wird. Eingeschlossen in einem Labyrinth aus Laboratorien und mit begrenztem Sauerstoffvorrat muss Amy eine Reihe von Entscheidungen treffen, die letztendlich über ihr Leben und das der anderen entscheiden. Das alles entwickelt sich zu einem herrlich schaurigen Science-Fiction-Horror. Was aber wirklich überrascht, ist, wie detailliert eure Aktionen die Geschichte beeinflussen. Von den neun verschiedenen Enden unterscheiden sich einige stark von den anderen, aber euer Handeln bestimmt mehr als das. Eure Entscheidungen in der Frühphase des Spiels – und die Beziehungen, die ihr mit anderen Charakteren knüpft – können manche Handlungsstränge ausschließen oder später völlig andere Möglichkeiten eröffnen. So wird das Ganze zu einem Spiel, das ihr mindestens dreimal durchspielen wollt.

Ein weiterer Punkt, der The Complex auszeichnet, ist sein Talent. Das Spiel wurde von Lynn Renee Maxcy geschrieben, einer der Hauptautorinnen von „The Handmaid's Tale: Der Report der Magd“. Die Charaktere werden von bekannten britischen Stars mit einem umfangreichen IMDB-Register, darunter Serien wie Game Of Thrones, gespielt. Große, aufwendig gestaltete Drehorte bereichern das Spiel zusätzlich – ein starker Kontrast zu den Schlafzimmern und Greenscreens, die man sonst in diesem Genre findet.

Das Ergebnis ist ein wirklich fesselnder Thriller mit teils sehr expliziter Erwachsenensprache und blutigen Szenen, der auch als reine Fernsehserie sehenswert wäre. Aber das Spiel hat weitaus mehr zu bieten, denn je nach den Entscheidungen, die ihr trefft, kann die Geschichte sehr unterschiedlich ausgehen.