Neuigkeiten

In Viewfinder sagt ein Bild mehr als tausend Worte

S
Sarah LeBoeuf
2. Dez. 2025

Fallout. Metro. Deus Ex. Horizon. Was all diese Reihen (und noch viele andere) verbindet? Sie spielen in Zukunftswelten, die zeigen, was passiert, wenn wir das Leben auf unserem Planeten zu lange als selbstverständlich erachten. In jeder Szene stehen die Folgen nuklearer Katastrophen, entfesselter Technologie und maßloser Unternehmensgier im Fokus – von überwucherten Wolkenkratzern bis hin zu mutierten Kreaturen.

Viewfinder erzählt ebenfalls vom Ende der Welt – aber anders. Der 2023 erschienene Titel spielt in einer Zukunft, in der der Klimakollaps große Teile der Vegetation ausgelöscht und den Sauerstoffgehalt drastisch gesenkt hat. Die Menschheit steht kurz vor dem Aussterben, ebenso wie der Rest des Lebens auf der Erde.

Vollkommen endzeitlich sieht die Welt in Viewfinder jedoch nicht aus: Die Stimmung ist farbenfroh, ruhig, freundlich. Klarer Himmel, sattes Grün und die entspannte Hintergrundmusik laden dazu ein, die Umgebung in eurem eigenen Tempo zu erkunden und Rätsel ohne Zeitdruck zu lösen. Ihr bewegt euch in Viewfinder durch eine perfekte, fehlerlose Simulation – und wie ihr bald feststellt, sind die Bilder, die ihr seht, der Schlüssel, um die Welt zu retten.

Spoilerwarnung: Der letzte Abschnitt dieses Artikels enthält kleinere Spoiler zu Viewfinder.
 

Eine andere Art von Dystopie


Die Umweltthemen in Viewfinder wirken wie eine leise Mahnung. Unsere reale Lage ist nicht ganz so dramatisch, aber die Parallelen sind unübersehbar: steigende Temperaturen, extreme Dürren, massives Baumsterben. Ein ernstes Thema – normalerweise nicht unbedingt Stoff für leichte, entspannende Spielerfahrungen. Doch in Viewfinder ist von der Verzweiflung, die die Notlage unserer realen Welt mit sich bringt, nichts zu spüren.
Viewfinder 2
Immer wieder erinnert euch eine Stimme daran, wie es außerhalb der Simulation aussieht. Das ist kein innerer Monolog, sondern eure Kollegin Jessie, die euch ein ums andere Mal Diskrepanzen ins Bewusstsein ruft. „Ist das ein Baum? Sah die Welt mal so aus?“, fragt sie zum Beispiel. Ihre Faszination für Alltägliches zeigt, wie gefährlich es ist, Dinge wie Pflanzen, die die meisten von uns jeden Tag sehen, als gegeben anzunehmen.

Neben Jessie habt ihr in der Simulation noch einen zweiten Begleiter: Cait, eine KI-Grinsekatze – allerdings nicht die Grinsekatze, an die ihr jetzt vielleicht denkt. Mit ihrem charmanten Akzent und ihrem niedlichem Gesicht ist Cait als „künstliche Archivarin“ dafür zuständig, die Simulation am Laufen zu halten – und sie führt euch nur allzu gern hindurch. Ihr seid nicht die ersten, die diesen künstlichen Raum betreten. Die Wissenschaftler, die hier früher arbeiteten, haben Spuren hinterlassen: Notizen, kleine Andenken, Tonaufnahmen. Sie selbst sind verschwunden, doch Cait sorgt dafür, dass ihre Forschungsergebnisse erhalten bleiben.

Jetzt liegt es an euch, dort weiterzumachen, wo sie aufgehört haben – und ohne eine Kamera geht das nicht.
 

Schaut euch das Bild genauer an


Im Zentrum der Rätsel von Viewfinder steht ein cleveres Fotografie-Feature, das euch buchstäblich neue Blickwinkel eröffnet. Ein Gebäude, das auf einem Foto seitlich gekippt ist, wird zur Brücke. Ein weiter Horizont schafft einen Weg, wo vorher eine Wand unüberwindbar schien. Zunächst findet ihr solche Bilder unter den zurückgelassenen Dingen der Forschenden. Schon bald stoßt ihr auf eure eigene Polaroid-ähnliche Kamera – und damit wächst eure Kontrolle über die Welt innerhalb der Simulation.
Viewfinder 1
Die Rätsel von Viewfinder fordern euch dazu heraus, Umgebungen neu zu betrachten, und werden komplexer, je tiefer ihr in die Simulation vordringt. Farbe, Form, Distanz, Zeit, Objektbeständigkeit: All das kommt ins Spiel. In einem Interview aus 2023 bezeichnet Game Director Matt Stark die wechselnden Perspektiven von Viewfinder als „Inception-artig“ – ein treffender Vergleich, denn wie im Nolan-Film ist in den traumartigen Landschaften nichts, wie es auf den ersten Blick scheint.

Inspiration fanden Stark und das Team von Sad Owl Studios bei einem anderen Puzzleklassiker: dem genialen Portal (Valve) aus dem Jahr 2007. Auch dort wurde aus einer simplen Grundidee – einer Portalwaffe – etwas immer Komplexeres. „Jedes einzelne Element von Portal dient dem zentralen Spielprinzip“, so Stark. Sein Ziel für Viewfinder war eine ähnliche Kohärenz, die sich durch die gesamte Geschichte zieht.
Viewfinder Cait
Und das ist ihm gelungen: Die Rätsel in Viewfinder sind ungemein befriedigend. Auf dem Papier wirkt der Foto-Mechanismus zwar simpel und erfrischend neu, in der Praxis entfaltet er jedoch eine erstaunliche Tiefe.
 

Spuren von Leben


Gegen Ende des Spiels scheint es, als seien die Forschungsergebnisse der Wissenschaftler nicht mehr zu retten. Ohne zu viel zu verraten: Immer mehr spiegelt die Simulation die Umstände in der realen Welt wider. Die Idylle wird brüchig, und schließlich bleibt nur der Weg nach draußen. „Glaubst du, es geht irgendwie weiter?“, fragt Cait. „Auch ohne Antwort? Ohne Gewissheit?“

Wie auch in der Realität gibt es keine perfekte Lösung. Das Ende ist bittersüß, offen und zugleich hoffnungsvoll. Wie ihr diese Botschaft deutet, ist euch selbst überlassen.
Viewfinder Melanie und Cait
Für ein Spiel, das nur wenige Stunden dauert, hatte Viewfinder für mich persönlich einen bemerkenswert langen Nachhall. Jetzt, da es im Epic Games Store erhältlich ist, können noch mehr Spieler die ungewöhnliche Reise durch die Simulation erleben. Beim Wiedersehen mit Viewfinder nach ein paar Jahren bin ich heute erneut beeindruckt – nicht nur von den Rätseln, sondern auch von der Aussage des Spiels.

Ich persönlich glaube: Am Ende überwiegt die Hoffnung.

Viewfinder ist jetzt im Epic Games Store erhältlich.