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Der Aufstieg der Cozy Games

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Dave Tach
24. Nov. 2025

Anfang 2020 zog es Millionen von Menschen auf eine winzige Insel, die von leuchtenden Farben überflutet und von fröhlichen Nachbarn bevölkert war. Hier lebten ihre Bewohner in gemeinsamer Harmonie ein idyllisches Landleben, das in wunderbarem Kontrast zum weltweiten Chaos stand. 

Als die Welt im Lockdown versank, bauten sich Millionen in Animal Crossing: New Horizons ihr eigenes kleines, virtuelles Zuhause auf. Als Nintendo den Inbegriff des Cozy Games am 20. März 2020 veröffentlichte, bot es vielen eine sehnlich erwartete Abwechslung von der Coronapandemie. Kurz nach der Veröffentlichung wurde Animal Crossing: New Horizons das am schnellsten verkaufte Spiel in der Geschichte der Nintendo Switch. 

Animal Crossing: New Horizons war nicht das erste Cozy Game, aber es schwamm auf der Erfolgswelle mit. Seine große Beliebtheit führte schließlich dazu, dass nicht nur der Begriff „Cozy Gaming“ allgemein bekannt wurde, sondern auch das dem Spiel zugrunde liegende Konzept – das war wohl keinem anderen Spiel zuvor gelungen. 
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Laut Dr. Rachel Kowert, einer Psychologin, die seit rund 15 Jahren die Wirkungen und Funktionen von Videospielen erforscht, lenkten Cozy Games zumindest für eine kurze Zeit, in der Anfangsphase der Pandemie, die kulturelle Wahrnehmung von Videospielen weg von der Angst vor sogenannten Killerspielen hin zu den positiven Effekten ruhigerer, entspannter Erlebnisse.

„Ich weiß noch, dass ein Elternmagazin damals einen großen Artikel veröffentlichte, in dem sinngemäß stand: ‚Spielt mit euren Kindern Videospiele‘“, erinnert sich Kowert an die ersten Pandemiewochen. „Ich dachte mir nur: Ich fasse es nicht! Sie empfehlen ernsthaft, Videospiele zu spielen?“

Dr. Kowert beschäftigt sich vor allem mit Vertrauen und Sicherheit in Videospielen und deren Verwendung zur Verbesserung der psychischen Gesundheit. Sie kennt den scheinbar endlosen Kampf zwischen Eltern und Kindern ebenso wie den Gegensatz zwischen dem Alltag von Gamern und ihrer manchmal sensationslüsternen Darstellung in den Medien. Doch im Jahr 2020 schien es, als würden einige Grundannahmen neu überdacht werden – sogar das, was ein Videospiel ausmacht. 

„Wenn ein Elternmagazin schreibt: ‚Spielt Videospiele‘, und sie meinen Animal Crossing, dann fragt man sich doch: Wussten die nicht, dass es solche Spiele schon gibt? Alle denken immer nur an Grand Theft Auto und Call of Duty.“ 

Schon vor Animal Crossing: New Horizons hatten Spiele wie Ben Espositos Donut County, The Sims 4 von Maxis und Stardew Valley von ConcernedApe den Weg für Cozy Games geebnet.

In den darauffolgenden Jahren erlebte das Genre eine regelrechte Explosion an Cozy Games in warmen Farben, mit sanften Soundtracks und spielerischen Welten, die es erlaubten, im eigenen Rhythmus zu spielen, statt auf Action zu setzen. In den letzten Jahren kamen weitere Cozy Games hinzu, etwa Strange Horticulture und Strange Antiquities von Bad Viking, Bear and Breakfast von Gummy Cat und Cosmic Coop von Omnivorian. Und der Trend hält an, mit bald erscheinenden Titeln wie Universe for Sale von Tmesis Studio und Outbound von Square Glade Games. Selbst Animal Crossing: New Horizons erhält fast sechs Jahre nach seiner ursprünglichen Veröffentlichung noch größere Updates. 

Wir haben mit Entwicklern von Cozy Games darüber gesprochen, was ein Spiel eigentlich „cozy“ macht, warum Menschen sie so sehr lieben, was die Entwickler selbst an ihnen fasziniert, wie man ein Cozy Game macht, ohne dass es langweilig wird, und wie die Zukunft dieses Genres aussieht.
Cozy Games – Donut County 2

Eine kurze Geschichte des Cozy Gaming


Eigentlich werden schon seit Jahrzehnten Cozy Games gespielt, doch deren Beliebtheit ist etwas Neues. Der Begriff „Cozy Game“ hat sich erst im letzten Jahrzehnt eingebürgert, vor allem in Online-Communities wie Reddit, in denen Nutzer nach entspannenden oder gemütlichen Spielen suchten, die sie spielen können, wenn sie krank sind. 

Wann und wo genau der Begriff „Cozy Game“ seinen heutigen Sinn erhielt, ist im Internet kaum mehr nachzuvollziehen. Interessant ist jedoch, dass seine Wurzeln stark an einen literarischen Begriff erinnern, der ähnliche Eigenschaften beschreibt. Cozy-Krimis sind ein Subgenre von Krimis, in dem Brutalität, Blutvergießen und Erotik nur angedeutet werden. Statt sich in blutigen Details zu verlieren, konzentriert sich die Handlung meist auf ganz normale Menschen, die Probleme lösen. 

Ein klassisches Beispiel dafür ist Mord im Pfarrhaus von Agatha Christie. Es ist der erste Roman mit Miss Marple, einer Amateurdetektivin, die im idyllischen englischen Dorf St. Mary Mead lebt. Viele nicht mehr ganz junge Menschen werden sich noch an Jessica Fletcher erinnern, die Krimiautorin und Hobbydetektivin aus der Serie Mord ist ihr Hobby, die mehr als zehn Jahre lang im Fernsehen zu sehen war. 

Genau wie ihre literarischen Namensvetter haben Cozy Games viel mit anderen Spielen gemeinsam, doch sie bieten eine sanftere Perspektive auf ein Medium, das sonst vor allem von Action, Herausforderung und Schwierigkeit geprägt ist. Es gibt viele verschiedene Formen von Cozy Games. Sie reichen von der Bewirtschaftung von Höfen, wie in Landwirtschafts-Simulator 25, über das Lösen von Rätseln in Botany Manor bis hin zu Alltagssimulationen, darunter die Lebens- und Sozialsimulation Little Computer People, die Activision bereits 1985 veröffentlichte. 
Cozy Games – Bear And Breakfast 1
Cozy Games sind vielseitig, anpassungsfähig und abwechslungsreich. Oder, wie der Schöpfer von Cosmic Coop, Kyle Keersemaker, es ausdrückt: „Es geht nicht so sehr um das Genre, sondern mehr um das Gefühl dahinter.“ Ein Cozy Game zu erkennen erinnert ein wenig an wie das berühmte Zitat des US-Verfassungsrichters Potter Stewart: Man erkennt es, wenn man es sieht. 

Das ist zwar hilfreich, aber Cozy Games sind längst nicht so eindeutig definiert wie etwa Ego-Shooter, deren Regeln und Strukturen klar festgelegt sind. Wie Dr. Rachel Kowert in ihrer Forschung feststellt, gibt es drei Merkmale, die Cozy Games ausmachen.

„Das Erste ist ein Gefühl von Sicherheit“, erklärte sie. „Also ein Gefühl der Zugehörigkeit … etwas, das Verlässlichkeit, Vertrautheit und Wiederholung unterstützt. Man weiß, was kommt – und genau diese Art von Sicherheitsgefühl wird vermittelt. Das Zweite ist: Es gibt genug von allem, also ein Spiel, in dem die Grundbedürfnisse leicht erfüllt werden. Das sieht man zum Beispiel sehr deutlich in Animal Crossing. Man braucht eigentlich nichts, um zu überleben, aber Bäume mit Ressourcen sind leicht erhältlich. Sie sind schon auf der Insel, wenn man dort ankommt. Und das Dritte ist eine sanfte Atmosphäre, das heißt sanfte, beruhigende Reize, gute Musik und eine angenehme Ästhetik. Es handelt sich nicht um ein Horrorspiel, sondern etwas mit leuchtenden Farben und einem beruhigenden Soundtrack.“

Mit anderen Worten: Cozy Games sind einfach anders. Ganz allgemein entsprechen sie nicht dem Bild, das viele von Videospielen haben. Das gilt selbst für viele derjenigen, die sie spielen oder entwickeln. 

Wie also entwickelt man ein Cozy Game, wenn sich das Genre grundlegend von vielen anderen Spielen unterscheidet? Laut den Entwicklern, mit denen wir gesprochen haben, gibt es mehrere Gemeinsamkeiten, darunter Atmosphäre, Tempo und den Fokus auf eine bestimmte Art von Emotionalität.
Cozy Games – Outbound 1
 

Ruhiges Spieltempo


Am Ende von Ridley Scotts Alien ist der blutrünstige Xenomorph frei, und die letzten Überlebenden der Besatzung der Nostromo lösen in ihrer Verzweiflung den Countdown der Selbstzerstörung aus. Unzählige Spiele, wie Deathloop, Outer Wilds,Fortnite und Vampire Survivors, setzen alle denselben alten Kunstgriff ein, um im Spiel für Spannung und Zeitdruck zu sorgen. 

Aber bei Cozy Games? Da geht das nicht. Spannung und Zeitdruck stehen im völligen Gegensatz zur Formel der Cozy Games. 

Die Brüder Rob und John Donkin von Bad Viking, die Entwickler von Strange Antiquities und Strange Horticulture, sehen den reduzierten Zeitdruck als wesentlichen Bestandteil von Cozy Games an. 

„Für uns“, schrieben sie in einem gemeinsamen E-Mail-Interview, „sind Cozy Games Spiele, die man ganz entspannt im eigenen Tempo spielen kann, ohne Timer und ohne Stress. Es sind Spiele, bei denen man nachdenken und durchatmen kann. Es geht um dieses Gefühl stiller Konzentration, wobei Spieler sich zurücklehnen, beobachten und Freude an kleinen Dingen finden können“.

Zeno Colangelo, Art Director von Universe for Sale, sieht das ähnlich und ergänzt, dass das langsamere Tempo bei Spielern andere Emotionen weckt als etwa Actionspiele: 

„Ein Cozy Game ermöglicht den Spielern, an einem Ort zu verweilen, ohne sich gehetzt zu fühlen. Hier ersetzt Neugierde den Druck. Es geht mehr um Atmosphäre, Nähe und emotionale Sicherheit als um den Schwierigkeitsgrad oder die Herausforderung.“
Cozy Games – Cosmic Coop 1
Für den Entwickler von Cosmic Coop, Kyle Keersemaker, fühlen sich Cozy Games wie eine digitale Kuscheldecke an. Spieler können die entspannte Haltung des Genres sogar ins echte Leben übertragen. 

„Für mich sind Cozy Games ein Weg, zu entschleunigen“, sagte er. „In der Regel gibt es darin wenige oder gar keine Kämpfe, stattdessen stehen Kreativität, Gemeinschaft und Geborgenheit im Mittelpunkt. Man kann sie eingekuschelt auf dem Sofa oder im Bett spielen, ohne sich Gedanken über Arbeit, Lernen oder all die Dinge zu machen, die einen in der echten Welt beschäftigen.“ 

„Stressfrei“ ist das Wort, das Tobias Schnackenberg – Co-Studioleiter Mitbegründer (neben Marc Volger) von Square Glade Games – als Erstes einfällt, wenn er an Cozy Games wie das bald erscheinende Spiel Outbound denkt. 

„Für mich ist ein Spiel dann cozy, wenn mich nichts von außen in eine bestimmte Richtung drängt oder stresst. Ich finde, man spielt Cozy Games vor allem, um sich zu entspannen. Bei einem Cozy Game kann man sein eigenes Tempo bestimmen, festlegen, ob man lieber erkundet, dekoriert, Ressourcen sammelt oder sich einfach nur mal für einen Moment in der Welt aufhalten will. Es geht darum, sich sicher und stressfrei zu fühlen.“ 

Damit stehen Cozy Games in deutlichem Kontrast zu vielen anderen modernen Spielen. Cozy Games lassen den Spieler in Ruhe entdecken, ohne Zeitdruck oder Stress – und genau das macht sie so entspannend. Aber wie erreicht man, dass ein Spiel Spaß macht, dass man es spielen möchte, ohne, dass es gleich um Leben und Tod geht? 

„Genau das war eine meiner größten Herausforderungen als Einzelentwickler“, sagte Keersemaker. „Man braucht genug Struktur, um das Spiel spannend zu machen, aber auch genug Freiheit, um sich selbst auszuleben.“

Oft fängt dieser Prozess bei der Grafik an, die die Spieler von Anfang an freundlich einladen soll. 
Cozy Games – Strange Antiquities 2
 

Cozy als Designprinzip


Anstelle der Machtfantasie aus Actionspielen („Wenn ich nicht ganz alleine die Welt vor bösen Außerirdischen rette, wer dann?“) bieten Cozy Games ein bewusst gelassenes und gemächliches Erlebnis.

Man könnte das die Atmosphäre des Spiels nennen, also die Ausgestaltung der Welt, in der sich die Spieler bewegen. Viele Cozy Games setzen auf herbstliche Farben und gemütliche Kulissen, die sofort ein Gefühl von Geborgenheit vermitteln. Cozy Games schaffen Welten, in denen man leben möchte, nicht solche, die rau und brutal sind. 

„Atmosphäre und Stimmung sind uns extrem wichtig“, sagten die Donkin-Brüder. „Unser Ziel ist es, Welten zu erschaffen, die lebendig wirken, in die man eintaucht und sich gleich wie zu Hause fühlt.“ 

Das bereits erwähnte Outbound von Square Glade Games ist ein bald erscheinendes Open-World-Spiel, in dem sich alles um ein Wohnmobil dreht. Man erkundet, sammelt Ressourcen und baut das Wohnmobil nach und nach aus. Jedes Element der 3D-Welt, die Tobias Schnackenberg entworfen hat, strahlt Gemütlichkeit aus, von der Farbpalette bis hin zu den sanften Formen. 

„Wir achten sehr genau auf die Farben“, sagte Schnackenberg. „Outbound hält sich an eine klar definierte Farbpalette, die überall im Spiel für ein harmonisches Gesamtbild sorgt. Ich glaube, diese visuelle Harmonie spielt eine große Rolle für das Cozy-Gefühl. Wie in einem Zuhause sorgt ein klarer Aufbau dafür, dass man sich geborgen fühlt. Im Spiel sind alle Formen bewusst weich und zugänglich gehalten, um sofort ein angenehmes Gefühl zu vermitteln. Wir vermeiden starke Kontraste oder harte Kanten und setzen stattdessen auf warme Farbtöne, sanftes Licht und natürliche Materialien. Alles in der Welt soll nicht nur gut aussehen, sondern sich auch gut anfühlen, wenn man darin spielt.“
Cozy Games – Strange Horticulture 1
Auch Kyle Keersemaker gestaltet seine Sprites so, dass sie freundlich und zugänglich wirken. In Cosmic Coop, seinem bald erscheinenden Spiel, gibt es keine Kämpfe. Stattdessen kann man seinen Hof reichlich verschönern und damit niedliche kleine Aliens, die sogenannten „Critterlings“, anlocken. 

Cosmic Coop nutzt helle, schlichte Pixelkunst, um eine fröhliche und einladende Welt zu erschaffen. Farbe ist ein wichtiges Designelement: Die Critterlings, die in dieser Welt leben, strahlen Lebensfreude aus, während neue Besucher erst dann Farbe bekommen, wenn sie bleiben. So wird dein Hof umso bunter, je weiter du kommst“, erläuterte Keersemaker.

„In Cosmic Coop erwarten dich fünf Spieljahre voller Aufgaben, die sich ganz natürlich aneinanderreihen, und dazu jede Menge Deko für deinen Hof und dein Zuhause. Wenn man erst mal neue Möbel und Gegenstände freischaltet, kann man schnell Stunden damit verbringen, alles nach den eigenen Vorstellungen einzurichten“, fuhr er fort. „Diese kreative Freiheit sorgt dafür, dass das Spiel spannend bleibt, ohne den gemütlichen Flow zu unterbrechen.“

In Universe for Sale, einem bald erscheinenden, handgezeichneten Spiel von Tmesis Studio, zeigt sich das Cozy-Gefühl in „der Wärme – im Licht, im Sound, im Rhythmus des Spiels“, so Zeno Colangelo. 

In Universe for Sale befindet man sich auf einem Basar unter den Wolken Jupiters, einem Ort, an dem sich Sternenreisende begegnen und ein geheimnisvolles Mädchen selbstgemachte Universen verkauft. Im Spiel hört man Gesprächen zu, reagiert mit Gesten und entdeckt dabei das Vertraute ebenso wie das Unbekannte. „Cozy bedeutet hier nicht, dass es keine Melancholie gäbe, sondern, dass man ihr mit Sanftheit begegnet und in der Langsamkeit sowie den kleinen Fehlern etwas Tröstliches findet“, sagte er. 

„Die Farben sind warm und vermitteln eine ruhige, fast nostalgische Stimmung. Jeder Ort ist so gestaltet, dass er die Spieler behutsam in eine lebendige, aber nie überladene Welt hineinzieht“, führte Colangelo aus. „Die Musik summt wie ein Ventilator an einem warmen Sommerabend. Wir wollten, dass jedes Bild bewohnt wirkt – nicht ganz perfekt, so als hätte die Welt einen Herzschlag. Das Spiel soll sich anfühlen wie ein gutes Buch, das man an einem Regentag liest, mit einer Tasse Tee daneben – langsam, vertraut und beruhigend.“

Strange Antiquities und Strange Horticulture von Bad Viking gehen stattdessen einen anderen Weg und zeigen, dass Cozy Games weit mehr als nur idyllisch und niedlich sein können. In beiden Titeln spielt man als Ladenbesitzer in der dunklen, vom viktorianischen Zeitalter inspirierten Stadt Undermere. Man ist praktisch ein Detektiv und entdeckt seltene Artefakte und Pflanzen, löst Rätsel und unterstützt die schrulligen Bewohner von Undermere mit dem eigenen Wissen. Laut den Entwicklern ist es „cozy in der Stimmung, aber mit einem unbehaglichen Unterton, dargestellt durch eine düstere Geschichte, die sich außerhalb deines Ladens abspielt.“ 
Cozy Games – Universe For Sale 1
 

Entspannte Klänge


Wenn das Ziel ist, durch Grafik für Gemütlichkeit zu sorgen, ist der Ton das Element, das sie wirklich spürbar macht. 

In Outbound, in dem man mit dem Wohnmobil durch die Welt zieht, spielt für Tobias Schnackenberg der Ton eine besonders große Rolle. Das umfasst alles, von leisen Umgebungsgeräuschen bis hin zur Musik. 

„Wir arbeiten viel mit natürlicher Atmosphäre, wie Vogelgezwitscher, Wind und dem Rascheln der Blätter in den Bäumen“, sagte Schnackenberg. „Die natürlichen Geräusche verankern die Spieler in der Welt und schaffen eine ruhige, friedliche Atmosphäre. Klassische Musik kommt im richtigen Moment zum Einsatz, ohne sich in den Vordergrund zu drängen.“

Für Ben Esposito, den Entwickler von Donut County, ist der Soundtrack der Leim, der das Spiel zusammenhält. In Donut County spielt man einen Waschbären, der Städte mithilfe riesiger Löcher im Boden zerstört. Jedes Mal, wenn man etwas in ein Loch wirft, wächst es (und bringt Belohnungen ein). Man kann nicht verlieren, aber dafür umso mehr Chaos stiften. 

„Daniel Koestners völlig entspannter Soundtrack verbindet alles und hat in manchen Fällen sogar als Inspiration gedient“, so Esposito. „Er arbeitet viel mit selbst erstellten Samples, die einen natürlichen, handgemachten Charakter haben. Ich glaube, genau das lässt das Besondere in jedem Detail des Spiels spürbar werden. Und die kleinen Macken? Die machen den Charme aus!“ 

Entwickler Kyle Keersemaker hat Cosmic Coop auch deshalb entwickelt, weil er es leid war, auf ein neues Viva Piñata zu warten. Der Ton seines Spiels soll genau die Gefühle hervorrufen, die das klassische Cozy Game von Rare in ihm ausgelöst hat. 

„Auch der Sound spielt eine große Rolle. „Die Critterlings klingen alle ein bisschen anders, ihre Geräusche passen zu ihrem Charakter, und die Musik bleibt leicht versponnen und unaufdringlich im Hintergrund. Der Komponist Simon Wood hat diese Balance unglaublich gut getroffen. Mein Ziel war es, das gleiche Gefühl entspannter Freude einzufangen, das ich vor Jahren beim Spielen von Viva Piñata erlebt habe.“

Laut den Donkin-Brüdern ist es das Ziel, eine Welt zu schaffen, die sich lebendig und gleichzeitig wie ein Zuhause anfühlt: 

„Unser Ziel ist eine harmonische Atmosphäre: handgezeichnete, detailreiche Illustrationen, kombiniert mit einem minimalistischen Soundtrack, der geheimnisvoll, etwas düster, aber ruhig und nachdenklich klingt.“ 
Cozy Games – Bear And Breakfast 2
 

Was macht Cozy Games so cool?


Es bleibt die Frage: Was macht Cozy Games so beliebt? Die Antwort ist, zumindest teilweise, in der Psychologie zu finden. 

Viele Videospiele setzen auf Action und Kampf, von Arc Raiders bis Zenless Zone Zero. Das gilt natürlich nicht für jedes Spiel. In den Top-Charts der Online-Stores stehen Actiontitel wie Battlefield 6 und Borderlands 4, Sportspiele wie EA SPORTS FC 26 und Madden NFL 26sowie Simulationen wie Cities: Skylines ganz oben. Doch ein Großteil der Bestsellerlisten auf Konsole und PC (wenn auch weniger ausgeprägt bei Handyspielen) besteht eher aus Titeln wie God of War, anstatt Solitaire. 

Was fasziniert Spieler an der ruhigeren Alternative, die Cozy Games bieten? 

Rares Cinteza, Co-Lead und Game Design Director beim Studio Gummy Cat und Entwickler von Bear and Breakfast, verbindet das Gefühl von Cozy Games mit seinen prägenden Jugendjahren, also genau das, was Dr. Kowerts mit Sicherheit meinte. 

„Für mich persönlich fühlen sich Cozy Games wie die schönsten und vertrautesten Momente aus der eigenen Kindheit an“, sagte Cinteza. „Das gibt dir das Gefühl, gleichzeitig sicher und voll dabei zu sein. Ich glaube, das eine funktioniert nicht ohne das andere, zumindest nicht lange genug, um wirklich dabeizubleiben. Solange ich mich sicher, oder eben cozy, fühle, kann ich mich ganz auf die Welt einlassen, die ich erlebe. Dann bin ich auch offener dafür, zu glauben, was mir präsentiert wird, seien es Figuren, Geschichten oder Gameplay.“ 

Tobias Schnackenberg betrachtet Cozy Games als eine Form von Stressabbau und ist überzeugt, dass sie der Psyche guttun. 

„Ich glaube, viele Spieler suchen nach etwas, das ihnen hilft, nach einem anstrengenden Arbeitstag abzuschalten. Manchmal will man einfach kein Spiel spielen, das volle Konzentration erfordert oder zu herausfordernd ist. Manchmal will man sich einfach nur entspannen“, sagte Schnackenberg.

„Ich glaube auch, dass Cozy Games der Psyche guttun, weil sie einen gemütlichen Ort zum Abschalten bieten. Cozy Games ermöglichen es, einen Gang runterzuschalten und die kleinen Momente zu genießen. Sie geben einem die Freiheit, das eigene Tempo zu bestimmen, ohne Druck, ohne Erwartungen. Das kann unglaublich erfrischend wirken, besonders, wenn das echte Leben schnell, fordernd oder stressig ist.“

Dr. Kowert stimmt zu und verweist auf Forschungsergebnisse, die diese Erfahrungen bestätigen: 

„Viele Menschen, die an diesen Studien teilnehmen, bringen Cozy Games ganz klar mit positiven Effekten auf die mentale Gesundheit in Verbindung. Viele Leute wissen einfach: Das sind die Spiele, zu denen man greift, wenn man sich besser fühlen oder das Leben ein bisschen genießen will.“ 

Kowert sieht das scheinbar unspektakuläre Gameplay von Cozy Games als positive Ergänzung zu unseren grundlegenden psychologischen Bedürfnissen. 

„Ich spreche oft über die Selbstbestimmungstheorie“, sagte sie, „eine Motivationstheorie, die besagt, dass menschliches Handeln durch drei grundlegende Bedürfnisse angetrieben wird: das Bedürfnis nach Autonomie, also eigene Entscheidungen zu treffen, das Bedürfnis, etwas zu erreichen, und das Bedürfnis nach sozialer Verbundenheit. Und Videospiele sind im Allgemeinen sehr gut darin, aber Animal Crossing ist ein besonders herausragendes Beispiel, weil die erlebte Verbundenheit und die parasozialen Beziehungen zu den Dorfbewohnern gut dokumentiert sind.“ 
Cozy Games – Universe For Sale 2
Sie führte aus, dass solche Ergebnisse meist durch Tagebuchstudien ermittelt werden, bei denen die Teilnehmenden aufschreiben, wie sie sich vor und nach dem Spielen fühlen. Gerade Cozy Games sorgen dabei oft dafür, dass sich Spieler entspannt fühlen. 

„Man fühlt sich transportiert – oder, wie sie es nennen, teleportiert –, und zwar an einen anderen Ort, an dem alles weniger stressig ist und der irgendwie einfach glücklich und heiter wirkt“, sagte sie. 

Das ist der psychologische Vorteil, wenn man ein bisschen Zeit in einer cozy Welt verbringt, einer Welt ohne intensiven Druck oder Stress. 

„Niemand ist hinter dir her, und genau das sorgt für Entspannung“, sagte sie. „Man kann einfach mal durchatmen. Man konzentriert sich nur auf das, was man gerade tut. Alles ist fröhlich, bunt, begleitet von guter Musik, und man blendet für einen Moment aus, was sonst um einen herum passiert“. 

Sie weist jedoch gleichzeitig darauf hin, dass Cozy Games allein keine Therapie sind.

„Ich finde, Cozy Games sind ein großartiges Genre, um die Stimmung zu heben. Ich denke, wenn wir über Spiele als therapeutisches Werkzeug sprechen – nicht als Therapie selbst, das ist etwas anderes –, dann sind Cozy Games ein hervorragendes Genre, das man näher betrachten sollte. Wenn wir darüber sprechen, wie Medien, insbesondere Spiele, uns helfen können, unsere Stimmung zu regulieren, uns verbunden zu fühlen und nach einem anstrengenden Tag zu entspannen, dann finde ich das wichtig.“

Dr. Kowert weiß das aus ihren Studien, und Spieler und Entwickler von Cozy Games wissen es aus eigener Erfahrung. 

„Cozy Games vermitteln eine Ruhe, nach der sich viele Menschen sehnen“, sagte Cosmic-Coop-Schöpfer Kyle Keersemaker. „Das Leben kann stressig sein, und Spiele, in denen man in seinem eigenen Tempo entspannen, dekorieren und gestalten kann, fühlen sich wie eine kleine Flucht aus dem Alltag an.“

Diese Themen – darunter die grundsätzlich positive emotionale Wirkung des Cozy-Gaming-Erlebnisses – tauchten in unseren Gesprächen mit den Entwicklern immer wieder auf. Und genau das, so die Donkin-Brüder, erklärt zu einem großen Teil, warum Cozy Games in der Zeit nach COVID so beliebt geworden sind. 

„Cozy Games haben in den letzten Jahren einen riesigen Aufschwung erlebt, teilweise als Gegenmittel zum stressigen Alltag. Sie bieten eine sichere und sinnvolle Möglichkeit, abzuschalten und dem ermüdenden, schnellen Rhythmus des modernen Lebens zu entfliehen. Cozy Games sind langsamer, ruhiger und bedächtiger, aber sie vermitteln Spielern trotzdem das Gefühl, ganz ohne Stress etwas Sinnvolles zu tun. Uns gefällt, dass Cozy Games einem erlauben, für eine Weile woanders zu sein – nicht nur zu spielen, sondern wirklich in diese Welt einzutauchen. Man kann sich auf das Erlebnis einlassen, in eine bestimmte Stimmung versinken und durch das Rollenspiel eine kleine Fantasie ausleben.“
Cozy Games – Cosmic Coop 2
 

Was Cozy Games nicht sind 


Jenny Windom mochte Cozy Games so sehr, dass sie ihr Hobby schließlich zum Beruf machte. Bei Wholesome Games tut sie dies durch jährliche Vorzeigeprojekte, zu denen „positive Spiele gehören, die sich auf Freude, Hoffnung und Begeisterung konzentrieren und durch die alltägliche Momente und Aktivitäten eine fast magische Wirkung erzielen.“ 

In dieser Mission steckt etwas, das sich auch in all unseren Gesprächen mit Entwicklern widerspiegelt: Cozy Games sind zwar beliebter denn je, doch es gibt immer noch weitverbreitete Missverständnisse über sie, etwa, dass sie einfach und simpel seien.

„Es gibt ein paar Missverständnisse, denen ich immer wieder begegne“, meinte Windom. „Das erste Missverständnis ist, dass Cozy- oder Wholesome-Games angeblich keine ‚richtigen‘ Spiele seien. Das finde ich aus mehreren Gründen problematisch. Zum einen, weil bestimmte Formen von Schwierigkeiten als ‚richtigeres‘ Spielen gelten, zum anderen, weil damit oft eine Abwertung von Spielmechaniken und Stilen verbunden ist, die als feminin wahrgenommen werden. Cozy Games sind Spiele.“ 

Auch Dr. Rachel Kowert hat beobachtet, dass der vermeintlich niedrige Schwierigkeitsgrad von Cozy Games oft zu Missverständnissen führt. 

„Viele denken, Cozy Games seien Spiele für Mädchen. Sie verbinden sie automatisch mit einfachen Spielen. Ich würde Stardew Valley aber nie als einfach bezeichnen. Das Angeln ist furchtbar!“, sagt sie lachend.

Die einladende Grafik wirkt bei Cozy Games zugleich als Vorteil und als Nachteil. Die Entwickler, mit denen wir gesprochen haben, weisen darauf hin, dass manche eine schlichte Grafik fälschlicherweise mit einem einfachen Spiel verwechseln. 

„Ich verstehe, warum viele Menschen Cozy Games mit Kinderspielen oder einfachen, wenig tiefgehenden Erlebnissen verbinden, die nur für Kinder gemacht sind“, sagte Rares Cinteza, Co-Lead und Game Design Director von Bear and Breakfast. „Es ist einfach, Cozy Games nur anhand ihrer Optik zu beurteilen und diese Annahme zu treffen. Manchmal ist das sogar verständlich.“ 

Auch Zeno Colangelo hat beobachtet, dass „Cozy Game“ oft mit „einfach oder oberflächlich“ gleichgesetzt wird. 

„In Wahrheit sind Cozy Games oft viel komplexer, auf emotionaler Ebene wie in Bezug auf Design. Ihre Wirkung liegt in kleinen Gesten und einem ruhigen, bedächtigen Tempo“, sagte Colangelo. „Die besten Cozy Games nutzen die Ruhe als eine Form von Tiefe: Unter der sanften Oberfläche steckt unglaublich viel Emotion, Absicht und handwerkliches Können.“
Cozy Games – Strange Antiquities 1
Der Entwickler von Outbound, Tobias Schnackenberg, sieht das genauso und betont, dass Cozy Games sehr wohl Tiefe bieten können, nur eben ohne Stress. 

„Viele Leute nehmen an, Cozy Games seien immer einfach oder simpel, was aber nicht zwingend der Fall ist“, führte Schnackenberg aus. „Sie können eine komplexe Mechanik und Progression bieten, ohne den Spieler zu stressen. Bei Cozy Games geht es darum, sinnvolle Interaktionen zu erschaffen, die aber nicht übermäßig schwierig sind.“

Und der Entwickler von Cosmic Coop, Kyle Keersemaker, sagt, dass manche Leute dazu neigen, eine falsche Unvereinbarkeit zu sehen. Dabei müssen sich die Spieler doch nicht für nur eine Art von Spiel entscheiden. 

„Manche Spieler tun sie als langsam oder einfach ab, aber darum geht es gar nicht“, sagte er. „Sie sollen eine andere Art von Spaß am Spiel erzeugen. Ich habe früher stundenlang Diablo II und Quake gespielt, wenn mich aber entspannen wollte, habe ich ein Cozy Game gespielt, um eine Pause vom intensiven Gameplay zu machen, oder wenn meine Freunde offline waren.“

Die Donkin-Brüder geben eine elegante und zutreffende Antwort auf die Kritik.

„Wir haben erlebt, dass Cozy Games als fade oder flach abgetan werden. Wo sich der eine langweilt, hat der andere Spaß.“

Entwickler von Cozy Games, wie Jenny Windom, kämpfen mit ihrer Arbeit gegen diese Vorurteile an. 

„Auf einer eher philosophischen Ebene“, so Windom, „ist es mein Ziel, dass Wholesome Games und unsere Arbeit Entwickler, Publisher und Spieler dazu bringen, ein bisschen anders über Spiele und darüber zu denken, was die Leute unserer Meinung nach spielen wollen, was wir bisher angeboten haben und was wir bisher übersehen oder unterschätzt haben.“ 
Cozy Games – Donut County 1
 

Die Zukunft von Cozy Games


Die Welt der Cozy Games wird immer größer. Diese Welt entwickelt sich weiter, und jeder Entwickler, mit dem wir gesprochen haben, hatte interessante Ideen, in welche Richtung es geht. 

„Ich glaube, dass bei der weiteren Entwicklung von Cozy Games soziale und gemeinsame Erlebnisse eine immer größere Rolle spielen werden“, sagte Kyle Keersemaker. „Die Spieler lieben es, in stressfreien Welten zusammen zu sein, deshalb werden Ko-op- und Sprach-Chat-Funktionen zu wichtigen Bestandteilen des Genres werden. Uns steht eine spannende Zeit bevor, in der Cozy nicht nur alleine spielen bedeutet, sondern, dass man auch mit Freunden zusammen Spaß haben kann“.

Mit ihrem dunklen, von der viktorianischen Zeit inspirierten Spielen Strange Antiquities und Strange Horticulture verschieben die Brüder Rob und John Donkin bereits die Grenzen von Cozy Games, und wenn es nach ihnen geht, sollten dies auch andere tun. 

„Hoffentlich gibt es bald mehr Spiele, die sich damit auseinandersetzen, wie Gemütlichkeit mit Spannung und Melancholie – oder sogar mit Angst vermischt werden kann, um so mit den Erwartungen der Spieler zu experimentieren“, sagten sie. „Wir hoffen, dass Entwickler in diesem Bereich sich nicht davor scheuen, Spiele zu entwickeln, die uns dazu herausfordern, nachzudenken. In unserer modernen Welt wird zu sehr darauf gesetzt, unser Leben einfacher zu gestalten. Wir hoffen also, cozy, dunkle, herausfordernde Spiele zu sehen.“

Und wenn der Entwickler von Outbound, Tobias Schnackenberg, einen Blick in die Zukunft riskiert, dann sieht er die Vergangenheit als Basis. In der Zukunft wird vieles auf dem basieren, was Cozy Games in der Vergangenheit so beliebt gemacht hat. 

„Ich glaube, es wird mehr Cozy Games geben, in denen die Spieler sich verwirklichen können, ihre eigene Umgebung und die Welt um sie herum erschaffen können“, sagte er. „Viele Spieler wünschen sich dringend einen Ort, an dem sie einfach sie selbst sein können, ohne Druck oder Konkurrenz mit anderen.“